Press Release
Umfassende Ankündigung der Jubiläumsausstellung
40 Jahre transmediale

fragile currents Ausstellung
27. Januar bis 7. März 2027
Akademie der Künste (Hanseatenweg)

Presserundgang: 26.01.2027, 11.00 Uhr
RSVP an rsvp[at]transmediale.de

27. Januar Ausstellungseröffnung
28. Januar Ruined Assembly Treffen
26. – 27. Februar Abschlussprogramm

Anlässlich ihres 40-jährigen Jubiläums präsentiert transmediale RFC 40 parallel zum Festival eine umfangreiche Ausstellung in der Akademie der Künste. fragile currents bringt dreizehn Kunstwerke von Künstler:innen aus Regionen zusammen, die von technologischen Asymmetrien, Ausbeutung und extraktivistischen Praktiken geprägt sind. Im Zentrum der Ausstellung beherbergt die Installation Ruined Assembly das öffentliche Programm und versammelt Forschung zu technologischen Infrastrukturen der Macht sowie ein kollektives Mapping von Gegen-Infrastrukturen durch sieben eingeladene Kulturinitiativen. Über die gesamte Ausstellung hinweg schöpfen die Archival Stations aus der Geschichte von transmediale und reaktivieren das Archiv als politische Ressource für die Gegenwart. Kuratiert wird die Ausstellung von Antonina Stebur.

fragile currents
transmediale RFC 40 exhibition

fragile currents entfaltet sich rund um die Idee der Fragilität, die unsere Gegenwart durchzieht: instabile Infrastrukturen, technologische Asymmetrien, ungleiche Abhängigkeiten und verletzliche Körper. Fragilität als Bedingung von Interdependenz anzunehmen, eröffnet die Möglichkeit, Gegen-Infrastrukturen zu errichten. Im Zentrum der Ausstellung steht die Idee, Spannung zu halten: zwischen Ausbeutung und Widerstand, Asymmetrie und Kooperation. Ähnlich einem elektrischen Strom, bei dem ein Potentialunterschied einen Flow erzeugt, geht fragile currents aus Differenzen hervor, die ungelöst bleiben.

Anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Festivals reflektiert die Ausstellung, kuratiert von Antonina Stebur, die Geschichte von transmediale mit und reaktiviert diese als Gegen-Infrastruktur für Gegenwart und Zukunft. Gegen-Infrastrukturen werden hier als fragile und provisorische Gefüge imaginiert, durch die alternative soziale und politische Beziehungen unter Bedingungen von Ausbeutung, Militarisierung und ökologischen Zusammenbruch entstehen können.

Die Ausstellung bringt drei Ebenen zusammen: Dreizehn Kunstwerke verteilen sich über die drei Ausstellungshallen der Akademie der Künste und reichen von Video- und Filmarbeiten, großformatigen Installationen, Skulpturen und spielbaren Games bis hin zu kontemplativen Zugängen zur Materialität alltäglicher Technologien. Die Archival Stations verbinden die Arbeiten mit Praktiken und Ideen, die aus der Geschichte des Festivals zusammengetragen sind. Im Zentrum der Ausstellung dient die Installation Ruined Assembly als Raum der Zusammenkunft. Sie präsentiert zudem eine weitreichende Recherche in Form von Kartographien, die durch die kollektive Arbeit von Forscher:innen und Kulturinstitutionen entstanden ist.

Ruined Assembly lädt zu Beginn der Ausstellung (28. Januar) zu einem Treffen der sieben teilnehmenden Kulturinitiativen ein. In einem vom Künstler:innenkollektiv METASITU begleiteten Mapping- Prozess teilen sie ihre institutionellen Ansätze über einen kollektiven Wandteppich, der bis zum Ende Teil der Ausstellung bleibt. Gegen Ende der Ausstellungslaufzeit findet ein zweitägiges Programm (26. und 27. Februar) statt, das gemeinsam mit dem MOST Magazine kuratiert und durch das Adam-Mickiewicz-Institut unterstützt wird.

Ausstellung

Vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer und technologischer Veränderungen dient das transmediale Archiv als Grundlage für die Konzeption der Ausstellung. Die Archival Stations schöpfen aus der 40-jährigen Geschichte von transmediale und nutzen das Archiv als politische Ressource: als Konstellation von Praktiken und Ideen, die entwickelt, praktiziert, aufgegeben, teilweise vergessen wurden oder gescheitert sind. Innerhalb jeder Station können Besucher:innen Dokumente und historische Materialien aus der archivarischen Recherche lesen und durchstöbern. Die fünf Stationen sind mit den Kunstwerken der Ausstellung verknüpft und ermöglichen eine nichtlineare Navigation. Die Arbeiten legen offen, wie Infrastrukturen Macht und Abhängigkeit umverteilen, und zeichnen Formen politischer Imagination und entstehender Gegenpraktiken nach.

participants
Ausgewählte Kunstwerke

All That’s Solid Melts into Air (2024 – 2027)
Open Place (Yulia Kostereva and Yuriy Kruchak)

Am Eingang der Ausstellung positioniert, dient All That’s Solid Melts into Air als Auftakt oder Epigraph zu fragile currents. Die Installation in Berlin besteht aus Bildschirmen und einem Ventilator, die mit Geräten in verschiedenen Kulturinstitutionen in der Ukraine verbunden sind: Die Bildschirme übertragen Videobilder von Kameras aus der Ukraine, während sich der Ventilator immer dann dreht, wenn jemand dort in einen kleinen Lüfter pustet. Da die Winter in der Ukraine von Angriffen auf die Infrastruktur geprägt sind – von Unterbrechungen der Strom- und Wärmeversorgung über Bombardierungen bis zu Raketenangriffen –, wartet der Ventilator in Berlin auf Lebenszeichen, in einer Verbindung, die aktiv aufrechterhalten werden muss: durch Internet und Strom ebenso wie durch menschliche Präsenz und körperlichen Einsatz.

Open Place (Yulia Kostereva and Yuriy Kruchak), All That’s Solid Melts into Air (2024 – 2027)

Fake World [Жалған дүние] (2027)
Medina Bazarğali

Fake World [Жалған дүние] ist eine Vierkanal-Videoinstallation aus miteinander verwobenen Narrativen, die den Nachkommen der kasachischen Elite folgt, während diese wiederkehrende Träume von infrastrukturellen Zusammenbruch und staatlicher Gewalt durchleben. Aufnahmen von Videoüberwachung und privaten Sicherheitssystemen zeigen Orte des Privilegs, die das nationale Kontrollregime widerspiegeln, während die Kinder Beweise für Korruption innerhalb ihrer eigenen Familien aufdecken. Träume und Überwachung erweisen sich als das Werk einer anonymen Hacker:in, die sowohl das Unterbewusstsein der Kinder als auch die Sicherheitsnetzwerke infiltriert und digitale Intimität zur Waffe macht – als eine Form politischen Erwachens und umverteilter Zeugenschaft.

Still from Fake World [Жалған дүние] by Medina Bazarğali

Lithium Lake and Island of Polyphony II (2023)
Liu Chuang

Ausgehend von der Figur des Sophon aus Liu Cixins Sci-Fi Triologie The Three-Body Problem imaginiert Chuang die Reise einer außerirdischen Anthropolog:in zur Erde. Der Film zeichnet den Transfer von Silber und Lithium von den Anden nach Ostasien über einen Zeitraum von fünfhundert Jahren nach und betrachtet diesen als entscheidende Verbindung im Globalisierungsprozess, die das planetare Ausmaß menschlicher Eingriffe in die geologische Evolution offenbart. Die Dreikanal-Videoarbeit verwebt eine spekulative „Anti- Ursprungsgeschichte“ menschlicher sowie nichtmenschlicher Evolution, eingebettet in ostasiatische Geschichten, Kulturen und Religionen. Die Arbeit nimmt die Lehren von ostasiatischer polyphoner Musik als Inspiration, um unserer Abhängigkeit von extraktiven Technologien zu entkommen.

Still from Lithium Lake and Island of Polyphony II by Liu Chang

Oracle Index (2026)
latency.club (Nestor Siré and Steffen Köhn)

Die generative Filminstallation Oracle Index imaginiert ein zukünftiges Kuba, in dem Kryptowährung, Prognosemärkte, künstliche Intelligenz, illegales Glücksspiel und Wahrsagerei zu Systemen verschmelzen, die es ermöglichen, durch ökonomische Unsicherheit zu navigieren. Angesiedelt in den Nachwehen eines totalen Embargos, bekannt auf der Insel als La Opción Cero, wendet sich die kommunistische Regierung den Erfindungen des extropianischen Milieus des Silicon Valley zu – darunter Systeme der Marktgovernance oder Futarchy –, um Devisen und ausländisches Kapital anzuziehen. Als imaginäre Ethnografie oder fragmentiertes Archiv untersucht die Arbeit, was geschieht, wenn marktbasierte Mechanismen in die zentral geplante Wirtschaft eines belagerten sozialistischen Staates verpflanzt werden.

Oracle Index by latency.club at Medialab Matadero, 2026

So Close You Can Almost Touch It (2025)
Variable Name / Назва змінна
(Valerie Karpan and Maryna Marynychenko)

So Close You Can Almost Touch It ist ein künstlerisches Forschungsprojekt, das aus einer Reihe partizipativer Begegnungen über Erfahrungen von Verlust und Vertreibung hervorgegangen ist. Die Stauseen des Dnipro und die Zerstörung des Kachowka- Staudamms 2023 während Russlands Vollinvasion zählen zu den wiederkehrenden Bildern dessen, was geschieht, wenn die Umgebungen, die unser Zugehörigkeitsgefühl prägen, verändert, verschoben oder unzugänglich gemacht werden. Tonobjekte, die während des Projektes entstanden sind, werden Teil einer interaktiven Installation in Form einer höhlenartigen Struktur, deren Oberflächen berührt und so aktiviert werden können. Der begleitende Film, der dokumentarische Aufnahmen sich wandelnder Landschaften zeigt, wird auf die Körper der Performer:innen projiziert und schafft so ein imaginäres Archiv aus Gesten und Sehnsüchten, um durch Unsicherheit zu navigieren.

Still from So Close You Can Almost Touch It, 2025, Image courtesy of the artists

Ruined Assembly

Ruined Assembly ist die zentrale Installation der Ausstellung, die Besucher:innen zum Veweilen einlädt und das Begleitprogramm beherbergt. Sie ist aus elektrischen Kabeln und archivarischen Überresten zusammengesetzt, die unter anderem aus dem materiellen Archiv des Festivals stammen – Objekte, Materialien und Rückstände, die sich über frühere Ausgaben angesammelt haben. Über die gesamte Ausstellung hinweg verhält sie sich wie eine bauliche Infrastruktur, die durch die Praktiken von Künstler:innen, Forscher:innen und Kulturinstitutionen fortlaufend erweitert wird.

Die Installation umfasst zwei Formen des Mappings. Dark Net, entstanden als Ergebnis der Recherche von Oleksii Minko, Fernando Morales de la Peña und Antonina Stebur, ist eine Karte davon, wie Technologie zu einer Infrastruktur der Macht erstarrt ist, und zeichnet die Ausbeutung, Asymmetrie und Repression nach, die sich rund um Informationstechnologien entfalten. Der Titel ist wörtlich zu verstehen: eine dunkle, teilweise unsichtbare Karte technologischer Ausbeutung und Abhängigkeit, die nur in einem Flackern sichtbar wird.

Dark Net by Oleksii Minko, Fernando Morales de la Peña, Antonina Stebur Design by Andrei Stseburaka

Die zweite Karte entsteht durch das Ruined Assembly Treffen, das Institutionen aus den sieben Regionen zusammenbringt, auf die sich die Fallstudien von Dark Net konzentrieren: Griechenland, Chile, Iran, Kasachstan, die Demokratische Republik Kongo, Pakistan und die Ukraine.

kulturelle Institutionen und Initiativen
transmediale RFC 40

Gemeinsam mit dem diesjährigen Festival ist die Ausstellung Teil von transmediale RFC 40. Unter dem Titel groundstates präsentiert das Festival ein Diskurs- und Performance-Programm, das alternative technologische Zukünfte auslotet. Das Festival findet vom 28.–31. Januar im silent green Kulturquartier statt.

RFC 40 ist ein Dokument aus der frühen Geschichte des Internets. Request for Comments (RFC) ist eine inoffizielle Reihe von Notizen zur Entwicklung des ARPANET. Sie zirkulierte unter einer kleinen Gruppe von Forscher:innen und versammelte Dokumente mit Internetspezifikationen, Protokollen und Ereignissen, die später die Funktionsweise unseres heutigen Internets definierten. Der Name RFC wurde gewählt, um nicht deterministisch zu sein: Request for Comments erhob keinen Anspruch auf Endgültigkeit. Er erkannte an, dass keine einzelne Stimme das vollständige Bild hatte und dass jedes Protokoll sich erst durch kollektive Reaktion und Überarbeitung stabilisieren würde. Es handelte sich, ganz bewusst, um offene Entwürfe, die den Widerspruch als Bedingung des Fortschritts einluden. Im März 1970 veröffentlicht, trug RFC 40 den Titel more comments on the forthcoming protocol und diente als Inspiration für die transmediale zu ihrem 40 Jubiläum.

Das Thema des Papiers war der Fehler: wie ein Netzwerk über das spricht, was scheitert, und dennoch offen und funktionsfähig bleibt. Der Fehler wird hier als kommunikatives Ereignis verstanden, als etwas, das das Netzwerk benennen und übertragen können muss, um weiter zu funktionieren. Welches Vokabular teilen vernetzte Systeme für das Versagen? Wie bleibt ein Netzwerk sich selbst lesbar, während die Dinge zusammenbrechen? Das sind die Fragen, die RFC 40 durcharbeitete – Fragen, die in gewisser Weise bis heute ungelöst und relevant bleiben.

Über transmediale

transmediale ist ein Festival und Raum für die kritische Reflexion von Kunst und Technologie. transmediale bringt transdisziplinäre Communities und diverse Publika mit einem Interesse an digitalen Kulturen zusammen, um neue Perspektiven auf unser technologisches Zeitalter zu entwickeln. Das Festival findet jährlich Ende Januar statt und bildet den Kern des Programms der Organisation. Über das jährliche Event hinaus ist transmediale eine transversale, dynamische Plattform mit einer lebendigen Community und einem starken Netzwerk, das ganzjährige Aktivitäten ermöglicht, darunter Publikationen, studio Veranstaltungen und ein Residency Programm.

Pressehinweis

Für presserelevante Informationen bieten wir ein Presskit mit herunterladbaren Text- und Bildmaterialien an. Für Interviewanfragen wenden Sie sich bitte an die dezidierte Presse-Mailadresse. Außerdem wird es eine Pressetour vor der Eröffnung der Ausstellung geben. Budgetkürzungen infolge der eingestellten Unterstützung zweier langjähriger Förderer des Festivals (MBB, BpB) haben mehrere Arbeitsbereiche von transmediale betroffen, darunter auch Presse und Öffentlichkeitsarbeit. Aktuell können wir daher keine umfangreiche aktive Pressearbeit leisten und es kann zu Verzögerungen in der Beantwortung von Anfragen kommen. Dennoch bleiben wir bestrebt, die Berichterstattung über das Festival bestmöglich zu unterstützen, und ermutigen Sie herzlich, sich jederzeit an uns zu wenden.

Kontakt: press[at]transmediale.de

Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Die Ausstellung wird gefördert von Lotto Stiftung Berlin. Unser Partnerveranstaltungsort ist Akademie der Künste (Hanseatenweg, Berlin).