transmediale 2017 closed with a performance by Laurie Anderson *The Language of the Future*. To mark the occasion, in this essay Ryan Bishop reflects on language and narratives in Andersonâs decades of work as an artist shirking all categorizationââa confluence of technological reach, ambition and failure mixed with ironic humor.â
Die Wendung âlanguage of the future [Sprache der Zukunft]â ist verlockend uneindeutig. Ist es die Sprache, die wir in der Zukunft sprechen werden? Ist es die Sprache, die wir verwenden, um ĂŒber die Zukunft zu sprechen? Wahlweise oder beides â Laurie Anderson hat lange mit dem Satz gespielt, ihn benutzt, um eine ganze Reihe ihrer Projekte der vergangenen Jahrzehnte zu fassen. Eine Sache ist fĂŒr Anderson eindeutig: Die Sprache der Zukunft ist narrativ strukturiert. Muriel Rukeysers oft zitierter Satz âThe universe is made up of stories, not atoms [Das Universum besteht aus Geschichten, nicht aus Atomen]â, könnte auch von Anderson stammen.
Das GeschichtenerzĂ€hlen stand immer im Zentrum von Andersons multimedialer Kunst; anfĂ€nglich in den groĂformatigen Performances, die sich aus New Yorks experimenteller Performance-Szene der 1970er Jahre heraus entwickelten. Sprache â als grundlegendes Mittel, um Welten zu kreieren und ihnen Sinn zu verleihen â fungiert als Hauptfigur in ihren Narrativen, ob in Musik oder Performance. Beim ErzĂ€hlen ihrer frĂŒhen Geschichten ĂŒbertrug Anderson ihre Stimme durch einen Vocoder, der ihr ermöglichte, in mĂ€nnlich und weiblich konnotierten Stimmen zu sprechen und je nach Bedarf in die entsprechende ErzĂ€hlstimme zu wechseln. Ihre Arbeit ist seither von einer Auseinandersetzung mit dem Raum, mit den Bedingungen und dem Ereignis des Sprechens gekennzeichnet â im Sinne von Homi K. Bhabhas âAusdrucksmodalitĂ€tâ.
The Language of the Future tauchte 1984 in einer Arbeit von Nam June Paik auf, dem âersten VideokĂŒnstlerâ und vielleicht auch ersten Nutzer von Satelliten als Medium der Kunstvermittlung. In seinem Bestreben, das Positive an teletechnologischen Innovationen hervorzuheben, setzte Paik George Orwells 1984 zu Neujahr seine Arbeit Good Morning, Mr. Orwell entgegen. Es handelte sich um eine aktualisierte Version von Allan Kaprows âHappeningsâ, die eine Reihe der âerfinderischstenâ KĂŒnstler_innen und Performer_innen jener Zeit wie Joseph Beuys, John Cage, Merce Cunningham, Peter Gabriel, Philip Glass, Allen Ginsberg und Astor Piazzolla enthielt.
Andersons Beitrag beginnt mit der Schilderung des Erlebnisses, in einem Flugzeug im freien Fall auf wundersame Weise durch eine zufĂ€llige Naturbegebenheit gerettet zu werden. In einem spĂ€teren Flug sitzt die gleiche ErzĂ€hler_in neben einer Jugendlichen, deren âHigh-Tech-Sprechâ vom Computerjargon der frĂŒhen 1980er Jahre durchzogen ist. Das MĂ€dchen beschreibt ihre Beziehung zu ihrem Freund als âso digitalâ, was Andersons ErzĂ€hler_in als immer wechselndes âOn/Offâ der Beziehung entschlĂŒsselt. Ihre Sprache der Zukunft ist âimmer ein Umschalten zwischen zwei Sachen, eine ersetzt unverzĂŒglich die andereâ und offenbart einen analog/digital binĂ€ren Dialog zwischen GeschichtenerzĂ€hlen und Performance.
Die SatellitenĂŒbertragung von Good Morning, Mr. Orwell verknĂŒpfte New York, Paris und San Francisco, um die kulturellen und befreienden Dimensionen von elektronischer Telekommunikation zu zelebrieren. In Anbetracht von deren Nutzung fĂŒr die intensive Ăberwachung der Bevölkerung durch die NSA seit 9/11 scheint Orwells Vision richtiger gewesen zu sein als Paiks. In einer unbeabsichtigten Geste an die Ăsthetik der Fehler in der Glitch Art, war die Ăbertragung an mehreren Stellen gestört und lieĂ die Performer_innen ohne Ton allein. Dieses ZusammenflieĂen von technologischer Reichweite, Ambition und Scheitern in Kombination mit ironischem Humor findet oft auch seinen Weg in Andersons Performances.
Das Thema der dreiĂigsten transmediale, ever elusive, könnte auch auf Anderson ĂŒbertragen werden, deren in sich konsistentes Ćuvre sich nichtsdestotrotz als ein formwandelnder Korpus offenbart. Anderson bezeichnete sich in den 1970er Jahren selbst als Multimedia-KĂŒnstlerin, âweil niemand wusste, was das heiĂtâ. Multimedia umfasste damals verschiedene kĂŒnstlerische Praktiken, wĂ€hrend der Begriff sich in den Neunzigern vornehmlich auf computerbasierte Kunstplattformen bezog. Passenderweise prĂ€sentierte Anderson bei der transmediale 1996 ihr CD-ROM-Kunstspiel Puppet Motel. Als Software mit Musik, Sprache, an David Lynch erinnernden Hotelzimmern und zahlreichen NarrativstrĂ€ngen, die unmöglich zu vervollstĂ€ndigen sind, enthĂ€lt auch Puppet Motel die immer-flĂŒchtigen Elemente von Andersons Performance-Arbeiten.
FĂŒr ihre Performance Landfall in Kollaboration mit dem Kronos Quartet im Jahr 2013 entwickelte Anderson ein Softwareprogramm namens ERST, das aus den KlĂ€ngen der Instrumente der Musiker_innen Wörter erzeugte und so das langjĂ€hrige Interesse der KĂŒnstlerin an der Beziehung zwischen Musik und Sprache weiter erkundete. Das damit entstandene aurale und visuelle Palimpsest â aus aufgezeichnetem Klang, Live-Musik, live ebenso wie aufgezeichnetem Gesprochenen und in Echtzeit von Computern erzeugten Textprojektionen â schafft Risse im Narrativ, das die Performance flankiert. Anderson hat diese Arbeit in jenen 12 Monaten komponiert, in denen Hurrikan Sandy wĂŒtete und ihr Mann Lou Reed starb. Sie benutzt die jedem Narrativ innewohnenden âFehlerâ â die unvermeidlichen BrĂŒche, Auslassungen und Tilgungen â, um eine humorvolle und eindringliche aurale Landschaft aus Technik, Scheitern, Erinnerung, Verlust und Liebe herauszubilden: introspektives GeschichtenerzĂ€hlen vom Hochseil.

