Syjettes
Four speakers report about an accident which occurred a year before at Praterstern. For three weeks Mina Lunzerâs radio play was installed inside a publicly accessible car, which had been driven into a facade at Praterstern. Together with samples of the noise of machines and people screaming three of these witness accounts were subsequently used as audio tracks of the film version [...] Syjettes can be read as a discourse analysis of the social, underpinned by media theory. Lunzer appropriates old and new media to explore how their inherent rules participate in determining a certain representation of reality. This does not mean however that artistic cinematographic practice were immediately to be seen as (media) theory. [...] At stake are the means of communication within which the comparabilities between theory and art articulate themselves as unsurmountable differences. The disputable narratives presented in Syjettes mirror the processes of social inclusion and exclusion which form the basis of the creation of a public sphere.
(Sabeth Buchmann)
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Syjettes
Mina Lunzers Zugang zu Medientheorie ist ein vermittelter, der das Mediale stets in jenen Artikulationsformen aufsucht, die den Raum des Ăffentlichen fĂŒr sich beanspruchen: Solche Artikulationsformen umfassen den Journalismus ebenso wie das Kino, das Hörspiel oder â wie in Syjettes â den Wiener Freizeit- und VergnĂŒgungspark âPraterâ: Als solcher eine Symbiose aus realem und medialem Ort, der von klassenspezifischer Unterhaltungskultur zeugt und doch das Versprechen auf eine sozial ĂŒbergreifende Kommunikation in sich trĂ€gt. In diesem Sinne sind Lunzers medientheoretische BeitrĂ€ge nicht nur durch jene Genres vermittelt, die (ihre) MedialitĂ€t den Horizont einer âanderenâ Gesellschaft einzuschreiben suchen:
Neben experimentellen Filmen und Installationen in Form von Sozial- und Wissenschaftsreportagen fĂŒr Printmedien sowie von BeitrĂ€gen fĂŒr Fachzeitschriften (so fĂŒr das internationale Internetmagazin Senses of Cinema). Es sind also die den herrschenden (Medien-)Ăkonomien eingeschriebenen Restriktionen, die Lunzer, nicht durch vorgebliche Medienkritik, sondern durch einen mehrschichtigen Prozess der Ăbersetzung zwischen (medien-)kulturell wirksamen Dispositiven adressiert: Hieraus gewinnt die KĂŒnstlerin und Autorin jene Distanz, die den Anspruch auf eine kritische (Medien-)Reflexion erst zu rechtfertigen scheinen.
Dies lĂ€sst sich beispielhaft an Syjettes darlegen â ein semi-dokumentarischer Film, der den Wiener Prater in seiner Mehrfachfunktion als Jahrmarkt, Verkehrsknotenpunkt und Schauplatz von âKunst im öffentlichen Raumâ zum Gegenstand hat. Vier Sprecher (sog. Originalzeugen) berichten in Interviews, die die KĂŒnstlerin 2005 mit ihnen gefĂŒhrt hat, ĂŒber einen Unfall, der sich ein Jahr zuvor am Praterstern ereignet hat. Die Zeugenberichte sind entsprechend zu Hans Magnus Enzensbergers Vom Winde verweht geschnitten â ein Originalton-HörstĂŒck, in dem der Schriftsteller vier Personen den Filmklassiker nacherzĂ€hlen lieĂ. Lunzers Hörspielversion war drei Wochen lang in einem begehbaren Auto installiert, das zuvor gegen die Fassade des âFlucâ, einem bekannten Veranstaltungs- und Ausstellungsort am Praterstern, gefahren worden war. Mit MaschinengerĂ€uschen und menschlichen Schreien gesampelt wurden in der anschlieĂend entstandenen Filmversion drei der Zeugenprotokolle als Tonspur verwendet. Der Film zeigt drei typische Postkartenansichten des Pratersterns: Vogelperspektive vom Riesenrad, Schaubudenkulisse und die Terrasse des SPĂ-Vereinshauses mit Blick auf den Bahnhof. Jedem der drei RĂ€ume bzw. Blickachsen wird eine Zeugenstimme zugewiesen.
Syjettes lĂ€sst sich als eine dokumentarisch-narrative Ăberschreibung medientheoretischer Diskurse lesen, die von jenen WechselverhĂ€ltnissen zwischen Ereignissen, Wahrnehmungsformen und Medien zeugen, wie sie nicht nur von Enzensberger, sondern auch von Walter Benjamin, Bela BalĂĄzs, Wolfgang Hagen, Laura Mulvey/ Peter Wollen, Ute Holl u.a. theoretisch und/oder kĂŒnstlerisch erörtert wurden. Neben Enzensbergers HörstĂŒck stellen Benjamins Radiotheorie und BalĂĄzs Das Radiodrama wesentliche Referenzen fĂŒr die Verklammerung von Stimme und Raumwahrnehmung dar, die hier nun in die Dimension des Kinos ĂŒbertragen wird. In Syjettes ist es die Dissoziation von agierendem Körper und dokumentarischer Stimme, die das von den jeweiligen Figuren erzĂ€hlte Geschehen konstituiert. Die von vier Zeugenstimmen und elf Bild-Akteuren produzierte Narration verweist dabei auf das VerhĂ€ltnis zwischen Sprecher und Kamera, das die FaktizitĂ€t des Geschehens an die unhintergehbar illusionistische Gegenwart mediumgebundener ReprĂ€sentation koppelt. Wie in Michael Cowans Text ĂŒber PraterklĂ€nge in der Literatur um 1910 beschrieben, werden menschliche von maschinellen GerĂ€uschen ĂŒberlagert und werden dennoch als ârein humaneâ Töne wahrgenommen. Dieses PhĂ€nomen verknĂŒpft Lunzer im Hinblick auf das von den Zeugen erinnerte Ereignis des Autounfalls mit medizinischen Trauma-Diskursen: So mit The Harmony of Illusions von Allan Young, der Trauma-Erfahrungen als einen wesentlichen Kern gesellschaftlicher Narrative erkennt und die damit gemeinten pathologischen Symptome auf soziale, politische und historische Kontexte bezieht. Was Young in diesem Zusammenhang als âRĂŒckwĂ€rtsbewegung der Zeitâ bezeichnet, wird in Syjettes zum ErzĂ€hl- und Schnittschema, das thematisch wie bild- und soundtechnisch um die Gegenwart eines in der Vergangenheit liegenden Ereignisses kreist: Das filmische Verfahren erweist sich so als quasi-wissenschaftliche Methode, die die Genese eines Sachverhalts auf der Basis einer retrospektiv gewendeten Hypothese zu erschlieĂen sucht. Doch insofern jede der Original-Stimmen eine andere Verbindung zum Ereignis herstellt, lĂ€sst die ErzĂ€hform die Unterscheidung von Ursache, Hergang und Symptom kollabieren.Â
Eine solche, fĂŒr das Avantgardekino typische ErzĂ€hlstruktur deutet Lunzers Arbeit im Sinne einer "Neuropathologie als filmische Inszenierungâ (Holl). Es gelingt der KĂŒnstlerin, den Film nicht nur als ein Genre, dem intermediale Ăbersetzungsprozesse eingeschrieben sind, zu thematisieren, sondern diese Ăbersetzungsprozesse als VorgĂ€nge ansichtig werden zu lassen, die in wesentlicher Weise durch soziale Erfahrungsformen wie denen des Traumas geformt und vermittelt sind. Damit vermag Syjettes all jenen deterministischen Medienbegriffen zu widersprechen, wie sie sich u.a. an dem von ihr gewĂ€hlten Verfahren des sog. ânon linear editingâ festmachen, handelt es sich hierbei doch um eine Technik, die einer linearistischen Historisierung moderner Medien Vorschub geleistet hat. Die sich in Syjettes manifestierende Assemblage aus Bild, Text und Ton erinnert dabei nicht zuletzt an VilĂ©m Flussers âText and Imageâ, insofern sie auf jene als unhintergehbare Wirklichkeit wahrgenommene Gemengelage aus TextualitĂ€t und VisualitĂ€t verweist, wie sie Flusser in einem Filmstreifen erkannte.
In diesem Sinne lĂ€sst sich Lunzers Arbeit auch als eine medientheoretisch unterfĂŒtterte Diskursanalyse des Sozialen lesen, das jedoch nicht als voraussetzungslose Wirklichkeit vorgestellt wird, deren Analyse dem wissenschaftlichen Zugriff vergleichbar beansprucht wĂŒrde. Wenn sich die KĂŒnstlerin jener alten und neuen Medien, denen ihr historisches und gegenwartsdiagnostisches Interesse gilt, bedient, dann, um die Bedingungen der Regeln zu erlernen, die an der Herstellung und ReprĂ€sentation der auf diese verweisende Wirklichkeit teilhaben. Dies heiĂt indes nicht, dass kĂŒnstlerisch-filmische Praxis mit (Medien-)Theorie gleichzusetzen wĂ€re, sondern nur, dass sie mehr oder weniger explizit an den âĂbersetzungenâ partizipiert, die ihre Unterscheidung bzw. Unterscheidbarkeit bedingt. Es geht also um die Vermittlungsformen, in denen sich die Vergleichbarkeiten von Theorie und Kunst im Sinne unĂŒberwindbarer Differenzen artikulieren: Vermittlungsformen, die stets von den Ăffentlichkeiten abhĂ€ngen, die durch diese adressiert werden. In diesem reflektieren die konzeptiv ihre GĂŒltigkeit zur Disposition stellenden ErzĂ€hlungen von Syjettes auch jene Mechanismen des sozialen Ein- und Ausschlusses, auf denen die Herstellung von Ăffentlichkeit beruhen.