Podewil
11 – 20 February 2000
Mit fünf Medienkunstinstallationen und fünfundzwanzig Netzkunstprojekten und CD-ROMs vereinte die Ausstellung transmediale 2000 die zuvor getrennten Kategorien CD-ROM- und Internetkunst zu einer Zeit, als die Grenzen zwischen beiden zu verschwimmen begannen.
Das Publikum konnte Videoinstallationen von Künstlern wie dem Franzosen Robert Cahen mit Tombe oder dem Niederländer Hermen Maat mit seinem Paranoid Panopticum erkunden. Der andere Teil der Ausstellung zeigte verschiedene Internet-Kunstprojekte, die sich mit experimentellen Softwarethemen befassten, wie beispielsweise Linker der britischen Künstlergruppe Mongrel oder das Spiel SOD o.1, das vom in Barcelona ansässigen Künstlerduo JODI neu gestaltet wurde. Andere Künstler untersuchten und visualisierten verborgene Kommunikationsstrukturen, wie Lisa Jevbratt mit 1:1, oder gaben uns die Möglichkeit, durch virtuelle Klanginstallationen zu wandern, wie das Online-Projekt www.electrica.de .
Medienkunstinstallationen
Gerade erst eine magische Schwelle überschreitend, erweitert sich unser Blick mit Spannung auf ein neues Jahrtausend. Niemand weiß, welche philosophische Strömungen und politische Einflüsse, soziale Umwälzungen und Katastrophen die Zukunft prä- gen werden. Nur eines scheint jetzt bereits klar zu sein: es wird mehr denn je eine Zeit der technologischen Superlativen und der medialen Hochrüstung. In zunehmender Geschwindigkeit werden die Entwicklungen aus Forschungslabors und Hightechschmieden mit der Verknüpfung unterschiedlichster Bereiche und Funktionen neue Möglichkeiten des Überlebens erschließen. Gleich- zeitig werden in grenzenlosen Schöpfungsszenarien auch die Entkopplung physischer und geistiger Existenz immer greifbarer. An diesem eigentlich gewöhnlichen und doch markanten Zeitpunkt ist die Kunst und vielleicht gerade die Medienkunst als Reflektor gefordert. Die ausgewählten Installationen stellen einen Ausschnitt aktueller, künstlerischer Positionen dar und spannen einen Bogen zwischen neuen inhaltlichen Akzenten, Materialität und technisch Möglichem.
Fast wie ein Gesellschaftsspiel mutet die interaktive Installation Boundary Functions von Scott Sona Snibbe an. Obwohl dieses System aus fragilen Lichtlinien tat- sächlich ein gruppendynamisches Phänomen darstellt, steht das individuelle Wechselspiel von Annäherung und Abgrenzung im Mittelpunkt der Interaktion. Hermen Maat greift mit seiner interaktiven Installation The Paranoid Panopticum auf die klassische Geschichte von Narzissus und der Erkenntnis mit dem Spiegelbild. Vermutlich haben die langen Strände Neuseelands Saorise Higgins, Ian Gwilt und Fion Higgins inspiriert, flüchtig in den Sand gravierte Formen und Zeichen als Brücken zwischen Wirklichkeit und Imagination zu bauen. Ihre interaktive Installation Streaming eröffnet eine neue Qualität eines der ältesten Speichermedien der Welt.
Urgesteine in verschiedensten Formen und Größen dienen Yeoh Guan Hong und Yulius als Ausgangspunkt ihrer interaktiven Installation The H.E.A.R.T. of Stone. In die Waagschale gelegt, verknüpfen sie das Gewicht dieser Welt mit assoziativen Bildern und Klängen. Robert Cahen zählt zu den bekanntesten europäischen Videokünstlern. In einer für ihn typischen Bildsprache hat er erstmals eine Reihe von Video Installationen entwickelt, aus der die Arbeit Tombe zu sehen ist.
Axel Bohse, Kurator
Hitverdächtige Prosabändchen: CD-ROM / Internet
Natürlich könnte man einfach die besten kommerziellen Websites des Jahres 1999 zeigen. Zweifellos wird eine erfreuliche Menge von kommerziellen Unternehmensauftritten im Internet dem Medium zunehmend gerecht, denn die verantwortlichen Multimediaagenturen haben in den vergangenen Jahren der Orientierung wichtige do's und don'ts entwickelt, an denen sich die Branche ausgerichtet hat.
Doch über die Pflicht hinaus, den Markt im Internet und die zweifelsohne immer professionelleren und ansprechenderen Unternehmensauftritte zu beobachten, ist die Suche nach den ungewöhnlichen, Eigeninitiative und Medienkompetenz kombinierenden, eher künstlerischen Internetprojekten Aufgabe einer Institution wie der transmediale. An die Oberfläche zu holen und die Aufmerksamkeit auf diejenigen URLs zu lenken, die sonst im Universum des WWW unbeachtet und unbesucht bleiben.
Noch (zu) oft erinnern diese – soll man wirklich noch "künstlerisch" dazu sagen ? – jedenfalls nicht-kommerziellen Internetprojekte an kleine Prosabändchen, die im Buchladen neben Bestsellern wie 1000 Steuertips oder eines Romans von Stephen King angeboten werden: Schön, daß es sie gibt, aber der Gebrauchs- und Suchtfaktor tendiert gen Null und so richtig Zeit und Muße mögen sich nur die wenigsten dafür nehmen.
Und doch ist der kulturelle Wert solcher Websites ersichtlich: Denn obwohl es immer noch frisch gelaunchte Websites gibt, die von ungebrochener medialer Naivität und künstlerischer Egomanie strotzen, besitzen viele der sogenannten nicht-kommerziellen Sites unbestritten einen gestalterischen und inhaltlichen Mehrwert. Sei es die Umsetzung von neuen Interaktionsparadigmen wie bei electrica oder die Ausformung einer ästhetischen und gedanklichen Individualität, siehe das Projekt carrier. Und wenn sich der User in JODI's Wolfenstein, in eine labyrinthisch anmutende Grafikmuster-Welt begibt, dann stellt er sich hoffentlich eher die Frage: "Genießen oder Schießen?" als die Frage: "Ist das Kunst?"
Zwischen Internet und dem Speichermedium CD-ROM heben sich die einstmals starren Grenzen nach und nach auf, verursacht durch die verbesserten Distributionsmöglichkeiten des Internets. Das Internet wird zunehmend als öffentlicher und kollektiver Datenspeicher verstanden, und die ökonomische Umdeutung des Mediums kommt Usern wie auch Medienproduzenten zugute. Projekte wie electrica oder fliesstext würden sich genau so gut als single-user CD-ROM konservieren lassen, doch die Zugänglichkeit der Medienarbeiten übers Internet entspricht der Auffassung vom Internet als kollaboratives Medium. Zwar spielt sich die Kollaboration nicht direkt zwischen den Usern ab, doch bedeutet das Ausstellen und zur Verfügung Stellen von Projekten eine Kollaboration auf einer höheren Ebene: die Sammlung von im besten Falle qualitätvollen Medienproduktionen und ihrer eben nicht kommerziellen, sondern ideellen Distribution.
Susanne Jaschko, Art Historian and Curator transmediale



