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Interview
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Jen Theodor
Wax, or the Discovery of Television among the Bees
David Blairs Projekt Wax, or the Discovery of Television among the Bees von 1993 war der erste unabhĂ€ngige Film, der mit einem nicht linearen Schnittsystem bearbeitet wurde, der erste Film, der in eine interaktive und hypertextuelle Online-Erfahrung ĂŒbertragen wurde (Waxweb, 1993) und der erste Film, der ĂŒber ein Computernetzwerk ausgestrahlt wurde. In seinen vielen AusfĂŒhrungen erzĂ€hlt uns Wax die surreale Geschichte von Jacob Maker, einem Programmierer von Waffen und Flugsimulationen fĂŒr die US-amerikanische Regierung auf einem TestgelĂ€nde in Alamogordo in New Mexico. In seiner Freizeit zĂŒchtet Maker eine bestimmte mesopotamische Bienenart. Sein Leben nimmt eine abrupte Wendung, als die Bienen sein Bewusstsein ĂŒbernehmen und es ihm ermöglichen, mit den Toten zu kommunizieren. Seine Halluzinationen werden durch psychedelische Collagen aus Computeranimationen, Videofeedback-Texturen, Heimvideos, Archivbildern und gefundenem Bildmaterial visualisiert.

Die Geschichte von Wax – und besonders von dessen Existenz in verschiedensten Formaten – erinnert stark an die Konzepte, die der Ausstellung alien matter zugrunde liegen, die von Inke Arns fĂŒr die transmediale 2017 kuratiert wurde. Hinsichtlich der wechselseitigen Beziehung zwischen technologischen Artefakten und dem „NatĂŒrlichen“, der hĂ€ufig in technologischen Entwicklungen innewohnenden Gewalt sowie der esoterischen Antworten auf eine zunehmende Rationalisierung, ist Blairs Projekt aus den frĂŒhen 1990er Jahren auf viele Weisen ein unheimlicher VorgĂ€nger zeitgenössischer Kunstpraktiken. In dieser Frage-Antwort-Runde stellten Arns und Redakteurin Elvia Wilk Blair eine Reihe von Fragen ĂŒber die Entstehung von Wax und ĂŒber dessen wiederkehrende Echos.

Inke Arns: Das Video Wax sticht fĂŒr mich als einzigartiges Werk heraus. Ich kenne keine anderen Projekte, die damit vergleichbar wĂ€ren. Was hat dich inhaltlich und formal inspiriert?

Die Arbeit ist lange gereift – durch die sich beschleunigende Medienumgebung der 1980er Jahre hindurch – und hat es irgendwie immer geschafft, etwas anderes zu sein als das, was ich daraus gemacht habe. Komischerweise hat es 1981 als ein ĂŒberwiegend nonverbales, grafisches Glitch-Video angefangen. Das war zu einer Zeit, als ich keinen Zugang zu Videobearbeitung oder Kameras hatte, aber bei einem Duplikationsdienst arbeitete, wo ich Grafiken und Fehler aufzeichnen konnte. Ich dachte, ich wĂŒrde schreiben, um es fertigzustellen. Also ging ich 1984 mit einem Spiel im Sinn in die New York Public Library. Ich bestellte alle BĂŒcher ĂŒber Bienen, die bis 1960 erschienen waren, behielt kĂŒnstliche Sprache und mechanische Television im Kopf und fand, irgendwie fast sofort, ein Buch, das alle drei Aspekte zusammenbrachte. Das Projekt dehnte sich aus. So kam der Schnitt, dann gab es Echtzeit-Grafiken, dann konnte ich am Computer schreiben, dann kam die Form des Spielfilms – wenn auch viel komplexer als bei einem ĂŒblichen Spielfilm –, dann Computergrafik, dann nicht linearer Schnitt. Und nach dem Abschluss, das Internet. Und es war immer etwas anderes, wie ein Eisberg aus der vierten Dimension.

Meine Inspirationen waren vornehmlich meta-fiktional und leicht auszumachen. Hoffmann, Borges, Pynchon in der literarischen Tradition des Grotesken sowie das Video ĂŒber Video, das nicht von Video handelte, wie bei Paik. So war die Geschichte immer eine ReprĂ€sentation von sich selbst, von der Welt und von ihrem Platz in der Welt.

Elvia Wilk: Als zugleich Video- und erweitertes Online-Projekt, konnten Wax und Waxweb in ganz unterschiedlichen Kontexten und auf ganz verschiedene Weisen gezeigt werden. Was war in deiner Vorstellung der ursprĂŒngliche oder ideale Kontext, in dem Betrachter_innen das Projekt wahrnehmen wĂŒrden? Wie wurde es auf der transmediale prĂ€sentiert?

Es sollte immer als etwas anderes gezeigt werden, als was es war. Es war zum Beispiel ein Video, aber ich habe es auf 16-Millimeter ĂŒbertragen, um es in kommerziellen Kinos abzuspielen – damals, als Video extrem selten in den Kinos gespielt wurde. Also war es fĂŒr einen Moment ein Kinofilm, aber im nĂ€chsten Moment wurde es ĂŒberall im Internet ausgestrahlt . Dann wurde es fĂŒr Waxweb in eine nicht-chronologische, sondern vernetzte Form gebracht. Auf der transmediale 1997 habe ich auf einem Panel ĂŒber dieses und ein weiteres Projekt gesprochen, an dem ich seit Wax arbeite, das sowohl Wax als auch Waxweb beinhaltet und The Telepathic Motion Picture of THE LOST TRIBES heißt.

Ich bin kurz davor, die ersten Folgen von THE LOST TRIBES zu veröffentlichen. Das Projekt hat eine Fernseh-Struktur mit 26 Staffeln, die aus je 26 Folgen Ă  24 Minuten bestehen. Doch anders als ĂŒbliches Fernsehen, spielt es an vielen Orten gleichzeitig, wie Live-TV. Das Projekt handelt von revisionistischer Geschichtsschreibung und spielt auch in einer unendlichen Zahl widersprĂŒchlicher Parallelwelten gleichzeitig. Es ist Video und doch auch Hörspiel mit viel schwarzem Bild. Ich nutze die formalen Strukturen – und, eingebettet in eine viel grĂ¶ĂŸere Matrix, ein wenig von der Handlung/den Visuals – der zwei vorangegangenen Projekte als eine Art Maschine, um THE LOST TRIBES herzustellen. Und doch ist dieses neue Projekt auch selbst eine Herstellungsmaschine. Es gibt keine ideale Form der PrĂ€sentation. Es gibt nur das Publikum. Zuhörer_innen, die zuschauen oder natĂŒrlich das Gegenteil: Absender_innen, die denken.

VIDEO LINK: Trailer von The Telepathic Motion Picture of THE LOST TRIBES, mit 26 Staffeln Ă  26 Folgen, an der Blair seit Wax gearbeitet hat.

    Inke Arns: Wax passt sehr gut zum aktuellen Trend eines sogenannten „Neopaganismus“ oder esoterischer AnsĂ€tze an Technologie. In der diesjĂ€hrigen Ausstellung alien matter werden einige Ă€hnliche Positionen gezeigt, wie etwa von Johannes Paul Raether oder Suzanne Treister. Was hat dich inspiriert, Technologie mit Esoterik zu verbinden?

    Ich sollte wohl sehr deutlich sagen, dass es abgesehen von der Form und den Besonderheiten, mit denen der Film oder seine anderen protoplasmischen Transfigurationen durchsetzt sind, ein sĂ€kulares Projekt mit einem sĂ€kularen, vor allem ethischen Anspruch ist und war. Dies soll nicht leugnen, dass das Projekt die ganze „Making of“-Zeit hindurch gespenstisch von der Zukunft und der Vergangenheit oder deren Umkehrung heimgesucht wurde
 vom Aufkommen des Ersten Golfkrieges, oder – etwas plausibler – davon, dass ich unmittelbar nach einer tausende Meilen weiten Reise, zu der mich ein einzigartiges Buch aus der New York Public Library veranlasst hatte, rein zufĂ€llig die Nachfahren des Autors dieses Buches in ihrer Wohnung um die Ecke von der Bibliothek traf.

    Es hat einen Grund, dass ĂŒberall Kirchen und heidnische Strukturen gebaut werden, die man aufsuchen kann – auch in BĂŒchern oder in dem, was Menschen essen
 Es ist immer nĂŒtzlich, das Unbekannte der Zeit und ihre synchronen Strukturen periodisch in den Schichten aus synchorischem Raum zu platzieren – die oftmals an gleicher Stelle koexistieren – oder unter Symbolen auf einer Seite, oder unter all den bewegten Bildern, so dass wir das Unbekannte technisch kennzeichnen können – wo wir sind, wĂ€hrend wir uns ihm nĂ€hern, in der Mitte des Lebens oder einer Geschichte, auch wenn das rĂŒckwĂ€rts geschieht.

    Viele Menschen haben sich in den letzten Jahren mit Technikgeschichte oder Mediengeschichte beschĂ€ftigt – zum Beispiel in der MedienarchĂ€ologie – und die Unentzifferbarkeit dieser vergangenen Interventionen und ihre wandelbaren Geschichten genutzt, um Geschichten neu zu erzĂ€hlen und die unsichtbaren Maschinen sichtbar zu machen, die unsere mentale Raumzeit produzieren. Eine Laterna Magica ist eine Art heidnisches Objekt, aber es gibt keinen Papst.

    Elvia Wilk: Dein Film war im Jahr 1993 der erste, der ĂŒber das Internet ausgestrahlt wurde. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Sun Microsystems, wer hat das ermöglicht? Könntest du auch darĂŒber sprechen, wie die zentrale Metapher des Plots, die Beziehung des Bienenhalters zu den Bienen, dazu im VerhĂ€ltnis steht, wie im letzten Jahrzehnt das Anschauen von Filmen online explodiert ist, bzw. zur Internetnutzung im Allgemeinen?

    Ich antworte mal ganz konkret: Der Typ, der den Amiga Computerladen im East Village gefĂŒhrt hat, kĂŒndigte und beschĂ€ftigte sich mit High-Speed-Internet. Er fragte mich, ob mein Film der erste Film im Internet sein könne und steckte dann Wax in einen VHS-Rekorder, der mit einer Silicon-Graphics-Maschine verbunden war, die mit einer T1-Leitung verbunden war, die wiederum mit dem Mbone verbunden war [also mit einem „Multicast Backbone“, der in den 90ern fĂŒr den Multicast-Verkehr online eingesetzt wurde]. Aufgrund eines Beitrags ĂŒber das Ereignis in der Mailingliste Interesting People von David Farber wendete sich ein Korrespondent der New York Times, John Markoff, an Sun HQ und beschrieb die Übertragung so, als seien sie involviert gewesen; aber eigentlich waren sie nur in der Session angemeldet und schauten die Übertragung mit uns an.

    Bienen stellen offenbar Wachs her und bilden daraus exakte Hexagon-Strukturen, indem sie in einem bestimmten Abstand zueinander arbeiten. Als ich in den BibliotheksbĂŒchern die Bienen nachschlug, gab es dort eine unendliche Vielzahl an oxymoronischen Paaren aus gegensĂ€tzlichen Metaphern, die auf den sozialen VerhĂ€ltnissen der Bienen beruhen... Im England des siebzehnten Jahrhunderts wurden sie sowohl fĂŒr Argumente genutzt, warum die Monarchie abgeschafft werden sollte, als auch fĂŒr Argumente, warum sie wiederhergestellt werden sollte.

    Wenn ich retrospektiv eine Verbindung zwischen diesen beiden Tatsachen herstellen soll, kann ich nur vermuten, dass ich und andere uns immer in einem bestimmten Abstand zueinander befinden, in VerhĂ€ltnissen, die sowohl zur endlosen Übertragung als auch zur widersprĂŒchlichen Rezeption aller Arten von Bildern auf allen Arten von Schirmen fĂŒhren – vor allem mentalen, aber auch den aus Plastik oder Metall hergestellten – und dass dies so weitergehen muss, bis gemeinschaftliches Denken all dies irgendwie ersetzt und alle Paradoxe absorbiert werden. Mir wurde gesagt, ein Quantenzeitalter wird das fĂŒr uns erledigen.

    Inke Arns: Warum sind Jacob Makers Bienen eine mesopotamische ZĂŒchtung? Das hat offenbar eine besondere Bedeutung – magst du das erlĂ€utern?

    In den 1970er Jahren und in die 80er hinein geschahen viele Dinge. Zum Beispiel traten um einen PrĂ€sidenten herum, der scheinbar immer nur in den Filmen gelebt hatte, wortgetreu gesonnene christliche Krieger auf die BildflĂ€che. In den 70ern las ein Freund von mir The Late Great Planet Earth, eine prophezeiende ErzĂ€hlung, die biblische Ereignisse auf das Endspiel der Zeit sowie auf spezifische Orte im Orient kartierte. Die meisten dieser Orte waren in Israel, aber dann gibt es natĂŒrlich noch die Ă€lteren Teile der Bibel – vielleicht könnte man sagen, die heidnischeren –, die dem Ende der Zeit nĂ€her waren... in Mesopotamien.

    Die mesopotamischen Bienen in dem Film sind „Fernsehbienen“. Die Existenz des Fernsehens erfordert, dass man sich mit all den problematischen Ethiken von Handlung aus der Distanz befasst. Wenn wir das Fernsehen als eine Art ErzĂ€hlbild verstehen, dann brauchen wir wechselseitiges Fernsehen [two-way television], um in diesem ErzĂ€hlbild ethische Bedeutung zu erzeugen; es bedarf also nicht nur der schon unwahrscheinlichen Übertragung aus, sondern auch noch der unwahrscheinlichen Übertragung in weit entlegene Orte. In der ursprĂŒnglichen Version der Geschichte, vor dem Golfkrieg, entwarf ich eine wechselseitige FernsehĂŒbertragung zwischen der MilitĂ€rbasis in New Mexico und Basra, Irak. Leider war die Wirklichkeit dieses Fernsehens nĂ€her, als ich es mir vorgestellt hatte, als ich mir meine persönliche Raumzeit-Vorstellung davon schuf, was in Amerika böse sein könnte. Meine Vorstellung basierte bloß darauf, was ich ĂŒberall um mich herum vermutete, ohne so fern zu blicken – und obwohl sie tatsĂ€chlich in weiter Ferne lag, stellte sie sich als sehr naheliegend heraus.