Vilém Flusser Residents 2021
MELT
2021

Mit großer Freude verkĂŒnden wir, das MELT (Loren Britton & Isabel Paehr) die diesjĂ€hrigen Residents des VilĂ©m Flusser Residency Programme for Artistic Research 2021 sind. Die Jurymitglieder Anita JĂłri, Nora O MurchĂș und Nelly Y. Pinkrah haben ihr Projekt Meltionary ausgewĂ€hlt.

    Das Meltionary ist ein wachsendes experimentelles Verzeichnis, das Metaphern des Schmelzens vor dem Hintergrund der Klimakrise untersucht und instabile ZustĂ€nde der Materie erforscht. Das Verzeichnis besteht aus Meltries – einer Reihe von alphabetisch geordneten EintrĂ€gen, die spielerische Anleitungen fĂŒr materielle Praktiken des Schmelzens demonstrieren. Bei der Entwicklung des Meltionary produzieren MELT Berichte ĂŒber das Scheitern, sie dokumentieren, wie sich Materialien verĂ€ndern, erstellen experimentelle Anleitungen zur Erzeugung chemischer Reaktionen, entwickeln Schaltungen fĂŒr DIY-MessgerĂ€te und lassen theoretisch-poetische Texte entstehen.

    WĂ€hrend der Residency wird MELT am Meltry-Eintrag "A – Archiving the Instable" arbeiten und erforschen, wie Schmelzprozesse Ereignisse in Gang setzen, die nicht anhand einzelner Zeitintervalle gemessen werden können. Vor etwa 640.000 Jahren entstand der Yellowstone Nationalpark durch eine Eruption des Supervulkans Yellowstone Caldera. Das durch die Eruption ausgestoßene Magma verschiebt und bewegt sich weiterhin unter der ErdoberflĂ€che und hat bis heute Einfluss auf die Landschaft im Park. MELT erforscht die politischen und Ă€sthetischen VerĂ€nderungszustĂ€nde von Wasser – Schmelzen, Gefrieren, Sublimation, Ablagerung, Kondensation und Verdampfung –, und untersucht Materialien, die ĂŒbergangsweise sind, die andauern oder dazu neigen zu verschwinden. Durch diese materialgeleitete Erkundung wirft MELT Fragen auf: Wie können Archive das instabile oder mit den menschlichen Sinnen nicht wahrnehmbare erklĂ€ren? Was könnte es bedeuten, Geschichte anhand von Temperatur zu verstehen anstatt durch Zeit? Inwiefern werden Praktiken des Archivierens durch den Klimawandel beeinflusst und wie können diese Praktiken der ReprĂ€sentation neuer RealitĂ€ten gerecht werden?

      Diese Fragen resonieren mit Flussers kritischen VerstĂ€ndnis von Geschichte: “(...) history is precisely the storage and triage of acquired information. Every reflection produces history. But we men have a certain difficulty in conceiving of ‘history’ as a process of storing and sorting acquired information only in human memory. That is because we men store a great part of the acquired information in objects such as books, paintings, buildings and tools. And it is such objects that prove to us our human historicity by allowing us to reconstitute a ‘past history’. We men have difficulty to conceive of ‘history’ in the absence of these objects, of this ‘objective culture’.” (VilĂ©m Flusser, Vampyroteuthis Infernalis)

      WĂ€hrend der Resideny wird MELT Handlungsmöglichkeiten erforschen, die StabilitĂ€t und Progression verweigern, um neue Beziehungen zu Praktiken der kategorischen Archivierung und Historisierung zu knĂŒpfen.

      Das VilĂ©m Flusser Residency Programme for Artistic Research ist eine Kooperation zwischen dem VilĂ©m Flusser Archiv der UniversitĂ€t der KĂŒnste Berlin und transmediale.

      MELT (Loren Britton & Isabel Paehr) sind Kunst-Design-Forscher:innen, die gemeinsam im Kontext von Gaming, Technologie und kritischer PĂ€dagogik arbeiten. Sie untersuchen die politischen und materiellen Bedingungen von technologischen Infrastrukturen und verteilen Handlungsmacht neu mithilfe von queer Gaming und Methoden des Verlernens und des VerflĂŒssigens. Die beiden zerbröseln Strukturen, lösen Materialien auf, strukturieren Technologie um und schaffen so Formen der KollektivitĂ€t, oft als Videokunst oder in Workshops. MELT sind beeinflusst von (schmelzendem) Eis, GefrierschrĂ€nken, Software, Signalen, zu schneller/langsamer Bewegung, Wendy Hui Kyong Chun, Denise Ferreira Da Silva, digitalem Materialismus, post-/dekolonialem Denken, GIFs, Klimaprotesten, Antirassismus und Tanz.