Haus der Kulturen der Welt (HKW)
31 January â 2 February 2012
Das Performance-Programm anlĂ€sslich des JubilĂ€ums der transmediale reflektiert das VerhĂ€ltnis zwischen âaltenâ und âneuenâ Medien und verknĂŒpft so Geschichte und Gegenwart des Festivals. Es untersucht die KompatibilitĂ€t und InkompatibilitĂ€t von analogen und digitalen Medien vor dem Hintergrund der McLuhanschen Thesen, dass âkein Medium Sinn und Sein aus sich allein hat, sondern immer nur in der Wechselwirkung mit anderen Medienâ und erst die neueren Medien die Spezifika der Ă€lteren klar hervortreten lassen. In diesem Rahmen wird eine Auswahl an Arbeiten gezeigt, die mit einem medienarchĂ€ologischen Zugang auf die MaterialitĂ€t der Medien selbst âlauschenâ und digitale Instrumente gewissermaĂen als âAbhörgerĂ€teâ fĂŒr die analogen Medien einsetzen. In einer Reihe von analog-digitalen audiovisuellen Performances werden die den jeweiligen Medien innewohnenden Eigenschaften herausgekitzelt und die âGeister aus der Maschineâ hervorgelockt.
Dieses Vorgehen verweist zugleich auf Konzepte wie Derridas âHauntologyâ, das die Menschheit am Anfang des 21. Jahrhunderts als von den âGeistern der Vergangenheitâ verfolgt beschrieb und von britischen Pop-Theoretikern wie Mark Fisher oder Simon Reynolds auf PhĂ€nomene der Popmusik ĂŒbertragen wurde, in denen historische KlĂ€nge wie das Knistern von Schallplatten zum elementaren Klangelement erhoben werden. Dabei geht es allerdings nicht um ein nostalgisches Hinterhertrauern nach einer âbesseren Vergangenheitâ, sondern, wie es der Journalist Olaf Karnik formulierte, um eine Auseinandersetzung mit âErinnerung und dem Verlust von Zukunftâ, um eine âNeu-Kontextualisierung von Vergessenem und VerdrĂ€ngtemâ. Denn hĂ€ufig, so Karnik, âsind in alten Sounds ZukunftsentwĂŒrfe enthalten, die nie realisiert wurden, und Horrorvisionen, die nicht eingetreten sindâ und die, wieder âan die OberflĂ€che gespĂŒlt, neu zur Disposition gestelltâ werden.
Diese Befragung der Historie ist dabei nicht auf Popmusik beschrÀnkt, sondern findet sich in vergleichbarer Weise in der Medienkunst wieder. Auch hier werden ausrangierte GerÀtschaften und DatentrÀger aus den Abstellkammern geholt, im Zusammenschluss mit digitalen Medien deren ureigene Wesenheiten herausgearbeitet, neue Bedeutungsebenen freigelegt oder auch uneingelöste Versprechungen und vergessene TrÀume ans Tageslicht gebracht.
Joshua Light Show
Im Zentrum des Performance-Programms steht die legendĂ€re Joshua Light Show, die in den 1960er Jahren im New Yorker Club Filmore East gemeinsam mit Janis Joplin, Jimi Hendrix und The Doors auftraten. Damals arbeiteten sie mit einem ganzen Arsenal von Film-, Overhead- und Diaprojektoren, FarbrĂ€dern und verschiedenen Licht produzierenden und reflektierenden Objekten. Nach einer lĂ€ngeren Pause tritt der GrĂŒnder Joshua White heute in einem Setting auf, das moderne digitale Projektionstechniken mit analogen verbindet. Im Rahmen der transmediale wird eine Reihe von Kooperationen mit Musikern initiiert, die ihrerseits analoge und digitale Klangerzeugung zueinander in Beziehung setzen, darunter Vertreter des oben erwĂ€hnten Hauntology Pop.
Further Ghosts in the Machine
AuĂerdem entwickelt die oÌsterreichische Video (feedback)-KuÌnstlerin und Musikerin Billy Roisz fuÌr die transmediale 2012 mit den Musikern dieb13 und Mario de Vega eine neue Performance mit dem Titel ideomotoric chatroom. Die KuÌnstler beziehen sich dabei auf den ideomotorischen Effekt, der das PhaÌnomen beschreibt, dass die Vorstellung einer bestimmten Bewegung einen Impuls zur AusfuÌhrung eben dieser Aktion ausloÌst und damit an Erscheinungen wie das GlaÌserruÌcken erinnert â demnach agieren KuÌnstler und Maschinen in dieser Performance wie von Geisterhand bewegt und die inneren ZusammenhaÌnge der reflexartigen, unbewussten Interaktion zwischen Klang- und Bildsignalen werden durch eine sich uÌberlagernde Dreifach-Projektion auf einer Leinwand sichtbar gemacht. Wolfgang Spahn und Martin Howses GeraÌusch- und Licht-Performance Liquid State Machine wiederum verbindet hingegen chemische, biologische und physikalische Prozesse in einer komplexen Maschinerie, die ein kontinuierliches Raum- Klang-Kontinuum generiert. In der simultanen Vereinigung und Trennung von Howses Noise-Maschinen und Spahns digitalen/analogen Projektoren entsteht ein Universum sich permanent veraÌndernder organischer Strukturen in Form von flieĂenden kaleidoskopartigen Bildern und hypnotisierenden KlaÌngen, die eine starke Sogwirkung erzeugen.


