Documentation
festivalarchitektur 2018

festival architecture 2018

Vom Studiolo zum Freihafen von raumlaborberlin

Mit der Ausstellungsarchitektur fĂŒr Territories of Complicity thematisiert raumlaborberlin die Entwicklung des physischen Raums, in dem Kunstwerke ĂŒber Jahrhunderte hinweg gesammelt wurden. Seit der frĂŒhen Neuzeit hatte sich der Kunstbegriff in Europa verĂ€ndert; mit dem Aufkommen der neuen Klasse des BĂŒrgertums erhielten Kunstwerke neben ihrem religiösen und reprĂ€sentationalen Zweck einen neuen Wert.

Geschlossenen Kabinette oder Studiolos und private Studienorte in edlen PalĂ€sten wurden zu den ersten SammlerrĂ€umen der neuen Ära. In der spĂ€teren Entwicklung wurden diese RĂ€ume als „Wunderkammern“ und „Kunstkabinette“ zu VorlĂ€ufern zeitgenössischer Museen. Die enzyklopĂ€disch gesammelten GegenstĂ€nde wurden dort einem kleinen Kreis prĂ€sentiert und demonstrierten die Macht und das KulturverstĂ€ndnis der Besitzer_innen. Die Sammlungen wuchsen in erster Linie mit dem Ziel, Wissenschaftler_innen und Forscher_innen fĂŒr Studienzwecke zu dienen; spĂ€ter entwickelten sie sich zu Museen, die auch einem breiteren Publikum freien Zugang zu Kunst und Kultur ermöglichten.

Gleichzeitig wurden Kunstobjekte in den letzten Jahrhunderten zunehmend wie Waren gesammelt und permanent auf dem Markt gehandelt, wo ihr ökonomischer Wert – wie bei anderen Vermögenswerten – immer wieder Schwankungen unterliegt. Als Vermögenswert muss das Kunstwerk geschĂŒtzt werden, um seinen Wert zu erhalten. Es auszustellen wird bereits als Konsum angesehen. Der Transport ist immer riskant und selbst die Lichteinwirkung kann schĂ€dlich sein. Sichere Lagerung ist deshalb notwendig: am besten in LĂ€ndern, in den Waren zoll- und steuerfrei bewegt werden können. Mit FreihĂ€fen sind Sammler_innen wieder auf die Nutzung intimer RĂ€ume angewiesen, um ihre kostbaren GĂŒter zu bewahren – so intim, dass nicht einmal sie selbst direkten Zugang zu den Kunstwerken haben.

Die Ausstellungshalle im Haus der Kulturen der Welt wird von einem massiven Objekt eingenommen: Eine Plattform, die einem Containerschiff gleicht, umfasst acht ContainerrĂ€ume, in denen zwölf KĂŒnstler_innen ausstellen, sowie einen BĂŒhnenbereich fĂŒr PrĂ€sentationen und Diskussionen. Die Kunstwerke werden wie einst in Kabinetten ausgestellt, wie die gesammelten WertgegenstĂ€nde der „Wunderkammer“. Allerdings sind sie durch einen Überbau organisiert, der wie ein Teil eines Lagerhallenkorridors scheint, zu dessen Seiten StellrĂ€ume liegen. Das Konstrukt besteht aus vorgefertigten Einzelteilen: BĂŒhnenkomponenten, deren klare, ausgeprĂ€gte Raster normalerweise dazu dienen, horizontale FlĂ€chen fĂŒr Events zu schaffen, werden hier neu interpretiert, um vertikale WĂ€nde zu errichten. Deren ModularitĂ€t sowie das scharfe und glĂ€nzende Erscheinungsbild ihrer Aluminiumrahmen stellen einen Bezug zur ökonomischen und rĂ€umlichen RationalitĂ€t und Optimierung her, welche das Fundament des Systems bilden und auf die MaterialitĂ€t von Freihafenanlagen verweisen. Zugleich erinnern der warme Braunton der Elemente und die geschlossenen RĂ€ume an die IntimitĂ€t der Renaissance-Studiolos, die sich durch eine hölzerne VertĂ€felung und Möblierung auszeichneten.