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Water: a Geoarchive
In den poetischen Worten der KĂŒnstlerin und Filmemacherin Su Yu Hsin wird Wasser zu einer reflektierenden Leinwand, deren flirrende OberflĂ€che Erinnerungen und industrielle Eingriffe gleichermaßen bricht. Reflektierend ĂŒber ihre eigenen sowie ĂŒber die Arbeiten anderer, darunter die kollaborative Performance von bela und Kloxii Li fĂŒr transmediale 2024, enthĂŒllt der Text die doppelte Rolle des Wassers: als TrĂ€ger der Vergangenheit und als Chiffre menschlicher Ambitionen. Su Yu Hsin zeigt, wie Klimakatastrophen – Überschwemmungen, die landwirtschaftliche Felder ĂŒberfluten, oder DĂŒrren, die Landschaften verkrusten lassen – von zeitgenössischen Medien und deren Imagination als filmischer Abfall und visuelle Simulakren dargestellt werden, die die komplexe Maschinerie ihrer Entstehung auslöschen. Durch die Überreste kĂŒnstlerischer Projekte und den grellen Schein siliziumgetriebener Technologien kartiert die Autorin die Mutation des Wassers zu einer Ware: kontrolliert, quantifiziert, seiner narrativen VitalitĂ€t beraubt. StaudĂ€mme werden zu konkreten Hieroglyphen einer gescheiterten Utopie, Halbleiterfabriken zapfen den Lebenssaft von Ökosystemen an, wĂ€hrend Medienspektakel diese KomplexitĂ€ten zu konsumierbaren Krisen reduzieren. Doch innerhalb dieser BrĂŒche ruft Su Yu Hsin zu einem Umdenken auf: einer polyphonen Neuerfindung des Wassers als Medium des Widerstands, einem Ort, an dem Umweltgeschichten und digitale Horizonte in unerwarteten Strömen zusammenfließen.

WÀhrend der Dreharbeiten zu Particular Waters in Hsinchu, Taiwan, traf ich am Ufer des Touqian-Flusses einen Bauern aus der Gegend. Er erzÀhlte mir von seinen Erinnerungen an den Fluss und zeigte auf den Hochwasserwachturm, der unbeweglich am Flussufer stand:

„FrĂŒher, wenn es in der Taifunzeit zwischen Juni und September stark regnete, strömte das Hochwasser durch die Felder und HĂ€user der Menschen.“ Neben den Reisfeldern stand der verwitterte Wachturm aus Beton, der der Arbeitsplatz seines Vaters gewesen ist. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sein Vater die WasserstĂ€nde des Flusses wĂ€hrend der Hochwassersaison ĂŒberwacht und in Berichten an die lokale Regierung telegrafiert. „Zu Beginn der japanischen Besatzung Taiwans fĂŒhrten die Behörden einen Hochwasserkontrollplan ein. Mit dem Bau von UferdĂ€mmen hielten sie den Touqian zurĂŒck. Der Damm aus Geröll und Kies – von den Dorfbewohner:innen in mĂŒhsamer Arbeit aus dem Flussbett geholt – schuf Platz fĂŒr Siedlungen und schrĂ€nkte die Freiheit des Flusses ein.“

Als ich neben dem verlassenen Wachturm stand, spĂŒlten mir die Erinnerungen an das Wasser Worte von Toni Morrison zu: „Den Mississippi hat man stellenweise begradigt, um Platz fĂŒr HĂ€user und AnbauflĂ€chen zu schaffen. Und nun tritt er ab und zu ĂŒber die Ufer; das nennen wir dann ‚Überfluten‘, dabei â€šĂŒberflutet‘ er nicht irgendetwas, sondern er erinnert sich. Er erinnert sich daran, wo er frĂŒher geflossen ist. Wasser hat ein ausgezeichnetes GedĂ€chtnis und versucht immer, an frĂŒhere Orte zurĂŒckzukehren.“⁠1 Wasser birgt Erinnerungen, auch jene, die wir zu vergessen neigen. Seit Tausenden von Jahren haben die Menschen das Wasser durch technische Anlagen und GerĂ€te domestiziert, sie kontrollieren die Wasserströme und passen die jahreszeitlichen VerlĂ€ufe der FlĂŒsse ihren eigenen BedĂŒrfnissen an. DĂ€mme, Deiche und Schleusen, die alle geschaffen wurden, um den ungehinderten Wasserlauf zu kontrollieren, werden heute als Hindernisse betrachtet, die menschlichen Interessen im Weg stehen können.

Film still from Particular Waters (2023)

Die Klimakatastrophe ist eine menschliche Katastrophe
Die Performance der fiktiven meteorologischen Agentur æŽȘ火æœș构 (Agentur fĂŒr Sturzfluten und WaldbrĂ€nde) der Musiker:innen und Performance-KĂŒnstler:innen bela und Kloxii Li auf der transmediale 2024 öffnete die Schleusen zu einer mit verschiedenen MusikstĂŒcken unterlegten desaströsen Klimabilderwelt. Eine Projektion auf der BĂŒhne streamte originales Videomaterial aus sozialen Medien und Nachrichtensendern: explosionsartige WaldbrĂ€nde in Kalifornien, sich anbahnende Sturzfluten in SĂŒdkorea. Das nahtlose VerknĂŒpfen der verschiedenen Aufnahmen aus Wetterberichten und sozialen Medien wurde von einer Suchmaschine gesteuert, die Rim Mustafin entwickelt hat. Dey KĂŒnstler:in machte einen live-Streifzug durch den Strom der Onlinevideos und rief Klick fĂŒr Klick hoffnungslose Inhalte auf, die nur noch mehr Wetterkatastrophen offenbarten.

Die Visualisierung der ĂŒberwĂ€ltigenden Zerstörung verwischte jegliche vermeintliche Grenze zwischen Fiktion und journalistisch konstruierter RealitĂ€t. Zu Beginn ihrer Performance erklĂ€rte bela: „Die fiktionale Agentur konzentriert sich auf die Entwicklung und Verbreitung einer zeitgenössischen Verwendung alter Rituale, um den zwangslĂ€ufigen Zusammenhang zwischen Klimaangst und dem Zerfall von allem aufzulösen.“ In drei Akten, in denen bela und Kloxxi Lii audio und visuelle Medien neu sampelten, hinterfragen sie die massenmedial bestimmten Zyklen von Krisen, die unsere psychologischen und emotionalen Reaktionen auf Klimaunsicherheit prĂ€gen. Heute, wo es immer dringlicher wird, den Klimawandel zu thematisieren, sind wir stĂ€ndig Bildern ausgesetzt, die vorgeblich den Klimawandel darstellen und von irrefĂŒhrenden ErzĂ€hlungen begleitet werden, die dessen Ursachen in der Natur verorten und seine UrsprĂŒnge entpolitisieren.

Es ist wahr, dass „der Klimawandel zahlreiche Ebenen aufweist – er findet sowohl auf molekularer als auch auf planetarer Ebene statt –, was ihn besonders schwer fassbar und darstellbar macht und daher neue Analyse- und ErzĂ€hlweisen erfordert.“ ⁠2 Aber es stimmt auch, dass der Klimawandel von Menschen auf der ganzen Welt körperlich und emotional als ein WetterphĂ€nomen erlebt wird, fĂŒr das es keinen nachvollziehbaren Ursprung oder verantwortliche Akteur:innen gibt. Die langfristigen Auswirkungen der ErderwĂ€rmung werden mit Bildern von hitzebedingten Wetterereignissen wie DĂŒrren und WaldbrĂ€nden vereinfacht dargestellt; drastische Wetterbilder werden missbraucht, um irrefĂŒhrende Klimasimulationen zu erzeugen. Die Performance auf der transmediale 2024 entfesselte einen ĂŒberwĂ€ltigenden Strom jener dramatischen Bilder, die fast tĂ€glich als aktuelle Nachrichten ĂŒber „extreme Wetterereignisse“ gesendet werden und angeblich die Auswirkungen des Klimawandels zeigen, jedoch nur begrenzte Einblicke in die ihm zugrundeliegenden Ursachen bieten. Bilder von der Umwelt und visuelle Bearbeitungstechniken gehören ganz wesentlich zur Geschichte der Klimakrise und ihrer Entwicklung im KapitalozĂ€n. Die Notwendigkeit einer Darstellung des Klimawandels sollte nicht die komplexen UrsprĂŒnge der Krise verdecken. In diesem Text möchte ich einige der UrsprĂŒnge untersuchen, die bisher ĂŒbergangen werden: die Betonbauten und Technologien der Wasserbewirtschaftung, die in der westlichen Moderne fĂŒr die Nutzung natĂŒrlicher Ressourcen eingesetzt werden. Wasser als natĂŒrliches Vorkommen war fĂŒr moderne BedĂŒrfnisse und eine zukunftsorientierte Weltsicht von vorrangiger Bedeutung.

Katastrophale VersÀumnisse
StaudĂ€mme verĂ€ndern den Wasserfluss. Ihr zementiertes Dasein fragmentiert die Ökosysteme der FlĂŒsse und die Kulturlandschaften, die sich um die GewĂ€sser herum gebildet haben. Die KĂŒnstlerin Carolina Caycedo untersucht in ihrem Forschungsprojekt Be Dammed seit 2012 die ökologischen, psychologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der StaudĂ€mme an Wasserstraßen und zwar insbesondere im Zusammenhang mit der infrastrukturellen Entwicklung lateinamerikanischer LĂ€nder. Am Beispiel des El Quimbo-Staudamms, dem ersten Wasserkraftwerk am RĂ­o Magdalena in Kolumbien und Gegenstand ihrer Forschung, zeigt Caycedo, dass die extraktive Politik der Wasserkrafterzeugung mit einer „Militarisierung des Territoriums, der Vertreibung der Indigenen Bevölkerung und einer daraus resultierenden Fragmentierung von Ökosystemen, Gemeinschaften und lokaler Wirtschaft“ einhergeht. Es wird systematisch behauptet, dass Wasserkraft eine „grĂŒne“ Energiequelle sei. Doch im Gegenteil scheinen große StaudĂ€mme und Stauseen einer der wichtigsten Verursacher der Klimakrise zu sein, da sie „kontinuierlich große Mengen Kohlendioxid (CO2 ) und Methan (CH4 ), die beiden wichtigsten nicht-synthetischen Treibhausgase, nicht nur speichern, sondern vor allem abgeben.“⁠3 FlĂŒsse spielen eine Rolle bei Kohlenstoffsenken. Wenn BaumstĂ€mme und andere organische Stoffe ĂŒberschwemmt werden, bevor sie verrottet sind, wird der AtmosphĂ€re Kohlenstoff entzogen und im Wasser sowie im Boden gespeichert. Durch StaudĂ€mme, die die Zersetzung von organischem Material aufhalten, werden jedoch erhebliche Mengen an Methan und Kohlendioxid freigesetzt.

Über Talsperren werden fast zwei Drittel der großen Wassersysteme der Welt angestaut, wodurch öffentliche GewĂ€sser zu privaten Ressourcen gemacht wurden. StaudĂ€mme sind im kollektiven Bewusstsein sowohl ein Instrument als auch ein Symbol fĂŒr Wachstum und Fortschritt. Sie wurden zum modernen Paradigma der Wasserwirtschaft des 20. Jahrhunderts.⁠4 Die meisten großen StaudĂ€mme der Welt wurden in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut, d. h. zwischen 1950 und 1985. Nach einer 2021 veröffentlichten Studie des United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU-INWEH) ging der weltweite Bau von RiesenstaudĂ€mmen von etwa 1.500 pro Jahr in den spĂ€ten 1970er Jahren auf etwa 50 im Jahr 2020 zurĂŒck. ⁠5 Zwischen 1912 und 2023 wurden in den USA mehr als 2.119 Talsperren abgerissen.⁠6 Die meisten dieser DĂ€mme sind ĂŒberaltert und mit Schlamm verstopft, was die KapazitĂ€t der Stromerzeugung und des Wasserabflusses mindert. Wenn ein großer Staudamm (höher als 15 m) das alarmierende Alter von 50 Jahren erreicht, mĂŒssen die fĂŒr seinen Betrieb Verantwortlichen aufgrund der Herausforderungen der Instandhaltung und potenziellen Gefahren durch die alternde Infrastruktur besonders wachsam sein. Im UNU-Bericht heißt es: „Bis zum Jahr 2050 wird die Mehrheit der Weltbevölkerung stromabwĂ€rts von großen StaudĂ€mmen leben, die im 20. Jahrhundert gebaut wurden und fĂŒr die ein ‚zunehmendes Risiko des Brechens‛ besteht.“⁠7 Die steigende Anzahl ĂŒberalterter StaudĂ€mme stellt zunehmende Sicherheitsrisiken dar, da ihre Strukturen brĂŒchiger werden und extreme Wetterbedingungen die Belastung der DĂ€mme erhöhen, da sie zu mehr Wasser in den FlĂŒssen fĂŒhren.

Der Klimawandel wird oft als Hauptursache fĂŒr die verheerenden Überschwemmungen verantwortlich gemacht, was die Aufmerksamkeit von den technischen Fehlleistungen ablenkt. Im September 2023 brachen zwei DĂ€mme am Wadi Darna im Norden Libyens und lösten sintflutartige Überschwemmungen aus, bei denen mindestens 11.300 Menschen ums Leben kamen und ĂŒber 10.000 vermisst wurden.⁠8 Die Katastrophe ereignete sich durch das gleichzeitige Zusammenkommen eines historisch besonders starken Sturms, eines BĂŒrgerkriegs und einer veralteten Wasserinfrastruktur: Die DĂ€mme stammten aus den 1970er Jahren und Berichten zufolge waren sie seit 2002 nicht mehr gewartet worden.⁠9 Ähnlich katastrophale VersĂ€umnisse sind auf der ganzen Welt zu befĂŒrchten.

Ewigkeitskosten anthropogener Eingriffe
Jede VerĂ€nderung in einem bestimmten Ökosystem fĂŒhrt zu Konsequenzen in einer anderen Zeit. Je radikaler der Eingriff ist, desto stĂ€rker können die Auswirkungen ausfallen. Ewigkeitskosten ist der Begriff, der fĂŒr die endlosen Aufgaben und ewigen Lasten steht, die durch radikale menschliche Eingriffe in das Erdsystem, wie z. B. den Stein- oder Braunkohleabbau, verursacht werden. Ich bin auf diesen Begriff dank einer kollektiven Feldforschung im Rahmen des Ausstellungsprojekts FLUID CIRCULATIONS – Hydrofeministische Erkundungen Post-Industrieller Landschaften ⁠10 gestoßen. Im Zusammenhang mit der endgĂŒltigen Schließung von deutschen Kohlebergwerken verweisen Ewigkeitskosten auf die resultierenden Kosten fĂŒr die Bergbaufolgelandschaft. Im Ruhrgebiet werden jedes Jahr etwa 60 Millionen Kubikmeter Wasser aus den SteinkohleschĂ€chten gepumpt, um zu verhindern, dass giftiges Grubenwasser das Trinkwasser verunreinigt. Um das aufrecht zu erhalten, sind laufende Wartungsarbeiten an den Pumpwerken erforderlich, damit das giftige Wasser von den Grundwasserleitern ferngehalten wird. Der immense Energiebedarf, der fĂŒr die Instandhaltung der Infrastruktur erforderlich ist, damit das System im Gleichgewicht bleibt, ist scheinbar endlos. GewĂ€sser tragen die unterirdischen BrĂŒche und Geschichten der Materie an die OberflĂ€che. Sie können Zeugnis ablegen von den anhaltenden Störungen der Ökosysteme.

Wie kann uns Wasser zu Erinnerungen aus der Geschichte der Umwelt fĂŒhren? Wie können uns die zahlreichen Erinnerungen des Wassers dabei helfen, kulturelle Gewohnheiten der Wiederherstellung zu entwickeln, die den vorherrschenden Technologiekulturen von Befehl und Kontrolle entgegenwirken? Auch wenn eine „technologische Lösung“⁠11 verlockend erscheint, mĂŒssen angesichts unwiederbringlicher Umweltzerstörungen die Praktiken der Reparatur mehr als nur technologische Mittel einsetzen. Mit dem folgenden Gedankenexperiment möchte ich einige andere Wege der Welterzeugung vorschlagen, indem ich unsere Beziehungen zum modernen Wasser untersuche.

ErinnerungstrÀger
Fast 99 % der Wetterbeobachtungsdaten, die Supercomputer heute empfangen, stammen von Satelliten. 90 % dieser Beobachtungen werden mithilfe komplexer Algorithmen in digitale Wettermodelle integriert. Diese Algorithmen, bekannt als Numerische Vorhersagemodelle, wandeln die Beobachtungsdaten in eine numerische Darstellung der AtmosphĂ€re in einem Zeitverlauf um, um Wettervorhersagen zu treffen.⁠12 Die Klimawissenschaft stĂŒtzt sich weitgehend auf Modelle, doch mĂŒssen diese Modelle aufgrund der KomplexitĂ€t und Unvorhersehbarkeit des atmosphĂ€rischen Klimasystems stĂ€ndig angepasst werden. Der weltweite Wasserverbrauch fĂŒr die kĂŒnstliche Intelligenz im Jahr 2027 könnte zwischen 4,2 und 6,6 Milliarden Kubikmeter Wasser betragen, was vier- bis sechsmal mehr ist als die gesamte jĂ€hrliche Wasserentnahme DĂ€nemarks.⁠13 So gesehen ist die Datenverarbeitung sowohl Opfer als auch Mitverursacher der Klimakrise. Klimaberechnungen, KI-Industrie und globale Telekommunikation sind auf die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) angewiesen, die hochprĂ€zise Chips herstellt. Auch in Wettersatelliten stecken hĂ€ufig Mikrochips von TSMC. Mit meinem Forschungsfilm Particular Waters (2023) habe ich begonnen, die Materialwege von Computertechnologien zu untersuchen, um den massiven Ressourcenverbrauch bei der Herstellung von Chips darzustellen und zu kritisieren.

2021 war Hsinchu, die Heimat des weltweit gefragtesten Chipherstellers TSMC, von der schlimmsten DĂŒrre seit Jahrzehnten bedroht. Normalerweise tragen drei Taifune pro Jahr zu den notwendigen NiederschlĂ€gen in Taiwan bei. Doch im Jahr 2021 zog kein einziger Taifun ĂŒber die Insel, um den Stauseen den dringend benötigten Regen zu bringen. Angesichts der daraus resultierenden DĂŒrre wies die taiwanesische Regierung die Industrie an, den Wasserverbrauch zu senken, und verhĂ€ngte einen BewĂ€sserungsstopp, von dem etwa ein FĂŒnftel der bewĂ€sserten FlĂ€chen Taiwans betroffen war. Die Regierung versuchte mit Flugzeugen und dem Verbrennen von Chemikalien die Wolken ĂŒber den Stauseen abregnen zu lassen und errichtete etwa zur gleichen Zeit in Hsinchu eine mobile Meerwasserentsalzungsanlage.

Das weltweit grĂ¶ĂŸte Halbleiterwerk TSMC kontrolliert 84 % des Marktes fĂŒr Chips mit den kleinsten und effizientesten Schaltkreisen. Um seine MarktprĂ€senz aufrechtzuerhalten, benötigt das Unternehmen tĂ€glich 156.000 Tonnen Wasser, was etwa einem Drittel des gesamten Wasserverbrauchs von Taiwans wichtigsten Wissenschaftsparks entspricht.⁠14 WĂ€hrend der DĂŒrre musste TSMC Tag und Nacht Lastwagenladungen mit Wasser aus anderen Gebieten heranfahren. Laut Hsu Huang-Hsiung, einem Experten fĂŒr Klimawandel der von der taiwanesischen Regierung finanzierten Denkfabrik Academia Sinica, „leidet Taiwan seit den 1960er Jahren unter einem deutlichen RĂŒckgang der jĂ€hrlichen Regentage“⁠15 . Zynisch ließe sich anmerken, dass das Gewinnwachstum von TSMC besser vorhersehbar ist als die RegenfĂ€lle in Taiwan. Als es 2021 zur weltweiten Chip-Knappheit kam, war die DĂŒrre ein Beweis fĂŒr die deutliche GefĂ€hrdung der globalen Lieferketten. Zugleich offenbarte die Klimakrise den hohen Wasserbedarf der Chipherstellung und die Auswirkungen der Wasserknappheit auf die ProduktionskapazitĂ€t.

Wasser trĂ€gt die Geschichten der Umwelt in sich. Aber das heilige Wasser der Halbleiterherstellung – Reinstwasser – enthĂ€lt keine Geschichten. Sein GedĂ€chtnis wurde gelöscht. Durch die Entfernung von Natrium, Kalium, Bakterien, organischen Bestandteilen, metallischen Verunreinigungen und anionischen Verbindungen löscht das Filtersystem die Geschichten des Wassers, um saubere Herstellungsprozesse zu gewĂ€hrleisten. Als von Menschenhand geschaffenes Produkt fehlen dem Reinstwasser die sozialen und historischen Bestandteile, weil es eine ausschließliche Kombination von Sauerstoff und Wasserstoff ist. Wasser ist ein TrĂ€ger und ein Verbinder. Seine Eigenschaft als TrĂ€ger wird bei der Herstellung von Halbleitern fĂŒr die Reinigung genutzt. Die positiv und negativ geladenen Teile der reinen WassermolekĂŒle ziehen die unerwĂŒnschten Stoffe an, die die Chip-Produktion gefĂ€hrden könnten. Das Problem dabei ist nicht nur das Auslaugen der Ressourcen, sondern eine Herangehensweise, die das Leben als Ressource im Dienste der Technik behandelt.

Above-ground water discharge of the pump at Halde Norddeutschland (Neukirchen-Vluyn, Germany)

Kosmische GewÀsser
Wasser wird normalerweise als natĂŒrliches Vorkommen beschrieben, als eine Ressource: Dieser Begriff verleiht verschiedenen GewĂ€ssern eine einzigartige, festgeschriebene materielle IdentitĂ€t, die abstrakt betrachtet und verwaltet werden kann. Domestiziertes und materiell technologisiertes Wasser als eine wirtschaftliche Ressource zu begreifen, verwandelt das Wasser in einen messbaren, teilbaren Vermögenswert und bringt die Möglichkeit einer Verknappung auf. Wie Jamie Linton feststellt: „Hinter Modernem Wasser steht die vermessene Annahme, dass jedes Wasser losgelöst von seinen sozialen und ökologischen Beziehungen betrachtet und auf eine abstrakte GrĂ¶ĂŸe reduziert werden kann und sollte.“⁠16 Infolgedessen, so Linton weiter, „wird alles Wasser als eine abstrakte, isomorphe, messbare GrĂ¶ĂŸe bekannt gemacht, die auf ihre Grundeinheit – ein MolekĂŒl H2O – reduziert und als die Substanz dargestellt werden kann, die den Wasserkreislauf durchfließt.“⁠17 Die Reduktion sehr verschiedener Wasser auf eine homogene chemische Verbindung nimmt den GewĂ€ssern ihre Besonderheit. Als Ergebnis des anthropozentrischen Ansatzes, natĂŒrliche Ressourcen in eine mathematische Formel zu ĂŒbersetzen, verschleiert die chemische Darstellung von Wasser als H2O die ökologischen, sozialen und politischen Dimensionen von GewĂ€ssern. Die wissenschaftliche Darstellung von Wasser als H2O macht blind fĂŒr die DiversitĂ€t der GewĂ€sser.

Eine kĂŒrzlich in Nature veröffentlichte Studie bestĂ€tigt die Theorie, dass Wasser in Planetensystemen vor Milliarden von Jahren, also vor der Sonne unseres Sonnensystems, im interstellaren Raum entstanden ist, und stellt die These auf, dass das Wasser auf der Erde von Kometen „geerbt“ wurde.⁠18 Der Astronom John J. Tobin und sein Team vom National Radio Astronomy Observatory in Charlottesville, Virginia, untersuchten eine etwas schwerere WasserausprĂ€gung, bei der eines der Wasserstoffatome durch Deuterium, ein schweres Wasserstoffisotop, ersetzt wurde. Schweres Wasser bildet sich unter anderen Bedingungen als Trinkwasser, so dass Tobins Team das VerhĂ€ltnis der Wasseranteile nutzte, um herauszufinden, wann und wo das Wasser entstanden ist. Ihre Entdeckung erinnert uns daran, dass Wasser ein TrĂ€ger von geologischen und interstellaren Geschichten ist. Die aus der ErzĂ€hlung einer Welt entstandenen kosmischen Wasser laden uns dazu ein, ĂŒber verschiedene Arten der Welterzeugung entsprechend der unterschiedlichen planetarischen Beziehungen nachzudenken.

Ein Nachdenken ĂŒber die planetarische Verbundenheit anhand von GewĂ€ssern, seien es FlĂŒsse, Seen, Wasserinfrastrukturen, Meeresströmungen, Wettervorhersagesysteme oder sogar globale digitale Netzwerke, hilft uns zu erkennen, dass wir als lokalisierte und globalisierte Subjekte verkörpert und eingebettet sind. Verschiedene GewĂ€sser haben ihre eigenen RĂ€ume und fließen ineinander. Wie Astrida Neimanis beobachtet hat, ist die BeschĂ€ftigung mit ihnen eine Möglichkeit, „aus Beziehung Bedeutung zu gewinnen“.⁠19 GewĂ€sser sind wie Tragetaschen, die Partikel aufnehmen und speichern, und sie sind stĂ€ndig in Bewegung. So bewegen sich beispielsweise Sedimente flussabwĂ€rts, feste Körper treiben mit der Strömung und Partikel interagieren durch Wasser und Luft miteinander. Wasser ist Medium und TrĂ€ger zugleich. So gesehen sammelt Wasser Informationstechnologie, indem es driftet, vermischt, auflöst, erodiert, verwittert und die Sedimente flussabwĂ€rts befördert. Diese Wasserprozesse versammeln Informationen aus ihrer unmittelbaren Umgebung und geben die Geschichten der Materie weiter.

Durch Gedankenexperimente bringt uns Wasser dazu, die Ströme von Beziehungen, Macht, Abstraktion und kapitalistischer Logik zu untersuchen, die unseren modernen Wassermanagementtechniken zugrunde liegen. Dies ermöglicht ein tieferes VerstĂ€ndnis der unentwirrbaren Verbindungen zwischen dem Klimawandel und den sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Machtstrukturen. Der Klimawandel wird als fundamentales, in sich geschlossenes Problem dargestellt. Er lĂ€sst sich jedoch nur verstehen, wenn man die jahrhundertealten kolonialen und extraktivistischen Praktiken thematisiert, die uns darauf trainiert haben, die Welt und ihre vielen krisengeschĂŒttelten Welten zu sehen, uns auf sie einzustellen und mit ihnen in Beziehung zu treten. Ich widme mich dem kollektiven Vorhaben, die komplexen UrsprĂŒnge der Klimakrise durch Archivrecherchen und Feldforschung in Zusammenarbeit mit lokalen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen und als Teil einer breit aufgestellten relationalen Gemeinschaft zu entwirren und zu entschlĂŒsseln. Wir mĂŒssen diesen Prozess durchlaufen: Wir mĂŒssen einen Kosmos schaffen, in dem wir unterscheiden können, welche bestimmten VerfĂŒgungen, Ressourcenverteilungen und MachtverhĂ€ltnisse sich im Zerfall oder Wandel befinden. Ein solcher Prozess der Differenzierung kann uns dabei helfen, verschiedene Möglichkeitsfelder zu erkennen: alternative Wege des Denkens, des Handelns und der Imagination.

  1. 1
    Toni Morrison, „FundstĂ€tte Erinnerung“, in: Selbstachtung, Rowohlt, Hamburg 2020, S. 382.
  2. 2
    B. Levin, ‘The Pencil of Cheap Nature: Towards an Environmental History of Photography’, Philosophy of Photography, Special Issue: ‘Violence: Part 2’, vol. 14, no. 1, p. 20.
  3. 3
    C. Caycedo, „Be Dammed“ (unveröffentlichte Masterarbeit, University of Southern California, 2014), S. 4. D. Perera, V. Smakhtin, S. Williams, T. North, und A. Curry, „Ageing Water Storage Infrastructure: An Emerging Global Risk“, UNU-INWEH Report Series, 2021. United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU-INWEH).
  4. 4
    P. McCully, Silenced Rivers: The Ecology and Politics of Large Dams, New York, Zed Books, 2001, p. 142. 77
  5. 5
    P. H. Gleick, ‘The Changing Water Paradigm – A Look at Twenty-first Century Water Resources Development’, Water International, vol. 25, no. 1, pp. 127-138. // Josh Klemm und Isabella Winkler, „Which of the World's Hundreds of Thousands of Aging Dams Will Be the Next to Burst?“, New York Times, 17.09.2023, https://www.nytimes.com/2023/09/17/opinion/libya-floods-dams.html .
  6. 6
    D. Perera, V. Smakhtin, S. Williams, T. North, und A. Curry, „Ageing Water Storage Infrastructure: An Emerging Global Risk“, UNU-INWEH Report Series, 2021. United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU-INWEH). Lauren Leffer, „Dams Worldwide Are at Risk of Catastrophic Failure“, Scientific American, 15.09.2023, https://www.scientificamerican.com/article/dams-worldwide-are-at-risk-of-catastrophic-failure/ .
  7. 7
    Siehe die Karte der seit 1912 zurĂŒckgebauten StaudĂ€mme in den USA der gemeinnĂŒtzigen Umweltorganisation American Rivers https://www.americanrivers.org/threats-solutions/restoring-damaged-rivers/dam-removal-map/ .
  8. 8
    Josh Klemm und Isabella Winkler, „Which of the World's Hundreds of Thousands of Aging Dams Will Be the Next to Burst?“, New York Times, 17.09.2023, https://www.nytimes.com/2023/09/17/opinion/libya-floods-dams.html .
  9. 9
    Lauren Leffer, „Dams Worldwide Are at Risk of Catastrophic Failure“, Scientific American, 15.09.2023, https://www.scientificamerican.com/article/dams-worldwide-are-at-risk-of-catastrophic-failure/ .
  10. 10
    Das Projekt FLUID CIRCULATIONS begann im Oktober 2022 mit viertĂ€gigen Exkursionen zur Erkundung der umstrittenen Wasserökologie an Rhein und Ruhr, den ehemaligen Steinkohle- und Braunkohleabbaugebieten. Im MĂ€rz 2023 wurde eine Ausstellung mit Arbeiten von Maria Lucia Cruz Correia, Su Yu Hsin, Margarida Mendes, Nina Paszkowski, Marta NiedvaƂ, Nada Rosa Schrowe, Vanja Smiljanić und dem ZAKOLE Collective im KunstWerk in Köln eröffnet.
  11. 11
    Alvin M. Weinberg, „Social Problems and National Socio-Technical Insitutes“, in: Applied Science and Technological Progress: A Report to the Committee on Science and Astronautics, U.S. House of Representatives, 1967. https://nap.nationalacademies.org/read/21281/chapter/20 .
  12. 12
    Cheng Ting-Fang, „TSMC tackles Taiwan drought with plant to reuse water for chips“, Nikkei Asia, 22.04.2021, https://asia.nikkei.com/Business/Tech/Semiconductors/TSMC-tackles-Taiwan-drought-with-plant-to-reuse-water-for-chips .
  13. 13
    DĂ€nemark entnimmt jedes Jahr insgesamt 0,98 Milliarden Kubikmeter Wasser. Pengfei Li, Jianyi Yang, Mohammad A. Islam und Shaolei Ren, „Making AI Less ‚Thirsty‛. Uncovering and Addressing the Secret Water Footprint of AI Models“, University of California, Riverside, und University of Texas, Arlington, 2023.
  14. 14
    Cheng Ting-Fang, „TSMC tackles Taiwan drought with plant to reuse water for chips“, Nikkei Asia, 22.04.2021, https://asia.nikkei.com/Business/Tech/Semiconductors/TSMC-tackles-Taiwan-drought-with-plant-to-reuse-water-for-chips .
  15. 15
    Cindy Sui, „Why the world should pay attention to Taiwan’s drought“, BBC Asia, 20.04.2021, https://www.bbc.com/news/world-asia-56798308 .
  16. 16
    J. Linton, What is Water. The History of a Modern Abrstraction, UBC Press, Vancouver 2010, S. 163.
  17. 17
    Ebd., S. 14.
  18. 18
    Diese Foschung beruht auf der Entdeckung von Wasserdampf um V883 Orionis, einem jungen Stern, der sich etwa 1,305 Lichtjahre von der Erde entfernt befindet. Laut einer Pressemitteilung des European Southern Observatory (ESO) haben die Wissenschaftler:innen mithilfe des Atacama Large Millimeter Array (ALMA) die chemischen Eigenschaften des Wassers und seinen Weg von der Sternwolke zu den Planeten ermittelt. John J. Tobin, Astrophysiker am National Radio Astronomy Observatory schreibt dazu: „Die Zusammensetzung des Wassers in der Scheibe Ă€hnelt stark jener der Kometen unseres Sonnensystems“. Vgl. J. J. Tobin, M. Leemker und J. C. Muñoz Mateos, „Astronomers find missing link for water in the Solar. System“, European Southern Observatory (ESO), 08.03.2023, https://www.eso.org/public/news/eso2302/
  19. 19
    A. Neimanis und S. Bezan, „Hydrofeminismus an der KĂŒste. Ein Interview mit Astrida Neimanis“, in: AnthropozĂ€n - Menschlich, unmenschlich, posthuman, 2022, 3(1):8, S. 2.
This text was produced in the framework of a cooperation between transmediale, Berlin, and Beta festival, Dublin, which was funded by the Arts Council of Ireland International Residency Initiatives Scheme.

To cite this text:
Hsin, Su Yu. “Water: A Geoarchive.” transmediale journal issue #7: Content (January 2025), edited by Elise Misao Hunchuck. https://transmediale.de/en/journal/water-a-geoarchive .
CC BY-NC-SA