Das Dilemma der Verweigerung hat zunehmend an Dringlichkeit gewonnen. AM Kanngieser ruft uns in ihrem Essay Natur auflösen: über Verweigerung als Rückkehr in Erinnerung, dass Verweigerung eigentlich als Akt des Dagegen-Seins verstanden wird. Vor dem Hintergrund umfangreicher Feldforschungen auf der Pazifikinsel Nauru stellt AM Kanngieser sich selbt – und damit uns alle – in den Kontext der anhaltenden Pandemie und zerlegt jede gängige Vorstellung von Verweigerung, die wir womöglich haben. “Gewissheit wird uns beigebracht”, schreibt Kanngieser. “Wir werden in einem Sprechen und in Sprachen unterrichtet, durch die alles in quantifizierbaren Teilen benannt, besessen, auf sie universalisiert und reduziert wird. Auf diese Weise lernen wir nicht, mit allem, was jenseits von uns ist, mit-zu-sein.” Kanngieser erinnert uns an Verweigerung vor der Dialektik, als Verweigerung auch bedeutete, zurückzugeben, wiederherzustellen, zurückzukehren. Kanngiesers Text mag uns desorientieren, und in diesem entstehenden Unbehagen lädt sie uns zum mit-Sein, zum Ausharren mit unseren eigenen Untaten ein.
Während der Pandemie sitze ich draußen und scrolle im fahlen Sonnenlicht durch die sozialen Medien. Ich gehöre zur Risikogruppe – mein Immunsystem funktioniert nicht – und so verlasse ich kaum das Haus, nur die Weiße Robinie besuche ich täglich. Der Wind wirbelt nasse Blätter umher und sprenkelt den Boden mit hellen, goldgrünen Ovalen. Feucht und zusammengerollt fallen sie mir zwischen die Schultern, während ich mir Videos von Leuten ansehe, die irgendwo in einem Meer schwimmen. Bekannte posten Fotos von Blumen, die sie auf Streifzügen durch ihr Wohnviertel finden. Für einen Moment platzt online die Blüte einer Lilie auf. Durch meinem Feed driften Wolken, Sonnenuntergänge und Gewitterstürme. Überall herrscht ein Verlangen nach Waldwanderungen und langen Seespaziergängen. Fast alle, mit denen ich spreche, vermissen es, in der Natur zu sein. Die Verkaufszahlen von Zimmerpflanzen gehen durch die Decke und viele Menschen beginnen zu gärtnern. Ich pflanze Samen. Das sei therapeutisch, wird behauptet. Meine Monstera wächst und wächst hemmungslos. Nachts höre ich ihre Zweige ächzen.
In diesen Zeiten mache ich mir viele Gedanken über Wasser. Während ich die Setzlinge in den Boden drücke, so dass sie kaum mehr aus der Erde herausragen, denke ich darüber nach, was der Strom des Wassers alles mit sich trägt: das Flüstern der Flüsse, die das Meer grüßen; die Tiefseeströmungen, die zwischen den Ozeanen zirkulieren; der Salzgehalt der Ästuare, die durch die Wurzeln der Mangrovenwälder ebben; Wassermassen, die zu sich selbst zurückkehren, sich verändern, fortströmen, zurücklaufen, versickern. „Du steigst nie zweimal in denselben Fluss“, sagt mir meine Partner:in. Irgendjemand meint, ich sollte über Okeanos lesen, den griechischen Titan des Wassers, Sohn des Himmelsgottes Uranos und Gaia, der Göttin der Erde. Er gebietet auch über das die flache Erde umschließende Gewässer Okeanos. Sein Strom zeugte den ewigen Fluss der Zeit. Ich denke darüber nach, was es bedeutet, aus dem Wasser und seinen wallenden Strömungen hervorgegangen zu sein. Wie der Fluss Okeanos bedeutet auch das Wort Natur gebären oder zeugen. Für tausende von Jahren verknüpften wir Natur inhärent mit dem Wesenskern von Leben, dem Körper, dem Universum und dem Menschen. Die Welt ist von der Kraft der Natur durchwirkt und wird von ihr fest zusammengehalten.
Zwischen den feuchten, goldgrünen Ovalen bemerke ich die Stille der hereinbrechenden Nacht und überlege mir, mit welchen Anstrengungen diese ausgedehnte, inkommensurable Erde auf das uns gängige Verständnis von Natur reduziert worden ist. Ich weiß, was diese Natur ist, und ich weiß, wem sie dient. Während ich in die kalte Abendluft hineinatme, wird mir klar, dass ich nicht anders kann, als diese Natur zurückzuweisen.
Unter verweigern [to refuse] versteht man eigentlich, gegen etwas zu sein: das Bartlebyʼsche lieber-nicht-Wollen. Verweigerung als Streik, Besetzung, Boykott, Aufkündigung, Gegenmaßnahme, Widerstand, vom passiven Ausweichen zu spektakulären Revolutionen.1 Das Nein der Verweigerung ist eine Überlebensstrategie: eine undurchdringliche stumme oder hinaus geschriene Grenze. Es handelt sich um die Weigerung, getötet oder unterworfen zu werden: Indigene Menschen, die sich dem kolonialen Blick verweigern, der auf sie gerichtet ist; Schwarze Menschen, die sich gegen ihre Auslöschung und Einsperrung durch weiße Menschen verweigern.2 Doch bevor Verweigerung dialektisch gefasst wurde, trug es die Bedeutung von zurückgeben, wiederherstellen und wiederkehren. Diese Bedeutung des englischen Wortes refuse leitete sich von re = zurück und von fundere = gießen/strömen ab, ist mittlerweile jedoch nicht mehr gebräuchlich, vermutlich weil das Sprechlatein nicht verschriftlicht wurde und aus sich fortentwickelnden und divergierenden Dialekten und Soziolekten bestand. Die einzigen Wege, auf denen das sogenannte Vulgärlatein bekannt wurde, waren in schriftlichen Beispielen festgehaltene mündliche Fehler oder sprachliche Brüche.
Denkt man Verweigerung auch als Wiederkehr – eine Definition, die sich schlecht festmachen lässt, weil sie sich nur auf Hörensagen und archivarische Spuren stützen kann –, bringt das den Lauf der Verweigerung Richtung Zukunft durcheinander, stets auf der Suche nach Handlung, Reaktion, Impuls. Die Auffassung von Verweigerung als Wiederkehr – das (Zurück)kehren zu etwas (Un)bekanntem, da nichts selbstähnlich oder absolut auf sich zurückkehren kann – erschüttert jene Widerstandsnarrative, die mit Gegensätzen operieren. Die Idee des Zurückströmens oder Gießens erweitert die Auffassung von Verweigerung, so dass sie auch ein Akt der Befreiung sein kann. Verweigerung als Wiederkehr erzeugt ein Anschwellen der Verweigerung, es löst und lockert sie zugleich. Es hat etwas Faszinierendes, Wasser zurück zu gießen und zu sehen, wie es fließt und sich ausbreitet. Wasser als Ehrerbietung, Trankopfer oder in Erinnerung an jemanden. Wasser als Nahrung, vergossen als eine Geste der Versorgung und Liebe. Wasser, das verschüttet oder laufen gelassen wird, ein Dammbruch, ein sich auf den Boden ergießender Flutregen; Wasser, das zu seiner veränderlichen Quelle zurückkehrt. In dieser Wiederkehr des Wassers liegt ein Verlangen nach Restitution, selbst wenn ihr Enteignung, Gewalt und Tod vorausgegangen sind.
Der Traum von einer identischen Wiederherstellung ist ein Leitgedanke vieler westlicher Umweltbewegungen. Als Europa zum ersten Mal in den Lockdown ging, tauchten in den sozialen Medien Bilder auf, die zeigten, wie die venezianischen Kanäle angeblich wieder in ihren „Naturzustand“ zurückkehren. Die Fotos zeigten klare, azurblaue Wasserstraßen; ich konnte Fische über dem sandigen Boden erkennen oder in Paaren schwimmende Schwäne und selbst Delphine glitten durch die Stadt. Das alles wurde als ein Zeichen dafür gefeiert, dass sich die Natur selbst wiederherstellt. Der Rückgang der menschlichen Aktivitäten wurde mit dem Mantra „Die Natur heilt, wir sind das Virus“ verbunden. Die Popularität dieser Behauptung beschleunigte sich durch Millionen von Likes, Reposts, Zeitschriften- und Zeitungsartikeln, die sich alle auf etwas stürzten, das sich natürlich als ein Märchen herausstellte. Was sich daraus allerdings ablesen lässt, ist, dass das Fortbestehen dieser Sehnsucht nach Natur auf einer fundamental rassistischen Weltordnung beruht.
Weder die Natur noch die Menschen sind jemals gutartig oder ungefährlich gewesen. Natur wird heute als die gesamte physische Welt definiert, einschließlich aller Pflanzen, Tiere, Landschaften sowie jeglicher Bestandteile oder Produkte der Erde, die eben nichtmenschlich oder von menschlicher Hand geschaffen sind. Die historische Trennung der Bereiche Natur und Gesellschaft war grundlegend für das Christentum, das den Menschen gegenüber nichtmenschlichen Wesen als höherwertig betrachtete. Wer und was einen Menschen ausmacht, wurde 1493 sakrosankt in einer von der Katholischen Kirche ausgestellten päpstlichen Bulle festgeschrieben, die es den christlichen Eroberern gestattete, ein Recht auf das Land nichtchristlicher Menschen geltend zu machen, und die somit die religiöse, rechtliche und politische Basis für umfassende Enteignungen darstellte. Dies intensivierte sich mit dem Aufstieg der Nationalstaaten und ihrer Abspaltung von der Kirche sowie der instrumentalisierenden Rationalität westlicher Epistemologie.3 Wie Denise Ferreira da Silva argumentiert, trugen die Philosoph:innen und Wissenschaftler:innen in der Zeit nach der Aufklärung zur Etablierung einer rassifizierten Repräsentation des „universellen“ Menschen und seinen Anderen bei. Rassifizierung wurde als eine Machtstrategie eingesetzt, nach der ausschließlich dem europäischen Bürger Vernunft, Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein zuerkannt wurde.4 Die Wissenschaftlerin Linda Tuhiwai Smith, die zu den Ngāti Awa und Ngāti Porou gehört, erinnert uns daran, dass Imperialismus immer schon ein „diskursiver Wissensbereich“ gewesen ist.5 Die Verbindung von Rassifizierung und Nationalstaat kann als Vorläufer des europäischen Kapitalismus gewertet werden; die Berechnung der Welt als eine Ressource entstand bereits Jahrhunderte, bevor dies auch so benannt wurde.6 Wer oder was als nichtmenschlich betrachtet (und ohne eigenes Bewusstsein, nicht selbstbestimmt, unwissend und als ersetzbar klassifiziert) wurde, war nur wertvoll, insofern sich durch dieses Wesen ein wirtschaftlicher Wert akkumulieren ließ, wobei es stets als gegensätzlich und unterlegen definiert wurde.7 So waren Vertreibungen von und Völkermorde an Schwarzen und Indigenen Menschen unauflöslich verknüpft mit einer Auffassungen der Natur als etwas, das vom europäischen, religiösen, gesellschaftlichen und politischen Leben völlig getrennt sei.8
„Weißsein“, schrieb W.E.B. Du Bois „bedeutet, dass einem für immer und ewig die Welt gehört, Ahmen“.9 Es bedeutet auch, dass Kirche, Nationalstaat und weiße Vorherrschaft entscheiden, was als Natur gilt; ein Zusammenwirken, das sich immer wieder bei der Produktion von Welt wiederholt hat. Mit der systematischen Versklavung afrikanischer Menschen durch die europäischen Kolonisator:innen, der Indentur von Menschen aus Südasien und dem Blackbirding von Insulaner:innen aus dem Südpazifik wurden nichtweiße Menschen gewaltsam für die Mehrung des weißen Wohlstands instrumentalisiert. Riesige Ökosysteme wurden für Plantagen und Felder platt gemacht; für die Entstehung der Nationalstaaten, für Landwirtschaft und Krieg wurden seltene Mineralien aus der Erde und dem Meer extrahiert – die Ausbeutung der Ressourcen ist ein Vorläufer der Klimakatastrophe.10 Die Wissenschaftlerin Aileen Moreton-Robinson, die zu den Goenpul gehört, nennt die Logik des „weißen Besitzanspruchs“ einen Rationalisierungsmodus, der auf dem Wunsch beruht, „in die Reproduktion und Bekräftigung von Eigentumsrechten, Kontrolle und Vorherrschaft des Nationalstaats zu investieren“.11 Diese weißen Inbesitznahmen bildeten als strukturelle Ordnung von Beziehungen das Fundament für den Kapitalismus. Die Einteilung von Land in Ressourcen führte auch zu Eingrenzungen von Land für Vergnügen, Spiel und Studium.12 Diese weißen Inbesitznahmen bildeten als strukturelle Ordnung von Beziehungen das Fundament für den Kapitalismus. Die Einteilung von Land in Ressourcen führte auch zu Eingrenzungen von Land für Vergnügen, Spiel und Studium. Was als begehrenswert und bewahrenswert erachtet wurde in Abgrenzung zu dem, was freigegeben wurde für Abbau, Bewirtschaftung oder Bebauung, entschieden diejenigen, die davon profitierten und für die diese Welt geschaffen wurde. Dies ist der Grund, warum die Konstruktion von Natur – jener Natur, die nun angeblich heilt – nie etwas anderes sein konnte, als der stärkste Ausdruck von Macht13 .
Was soll es also bedeuten, dass „die Natur heilt“? Worin besteht diese Heilung? Da die Natur eine Erfindung des Menschen ist, ist heilende Natur eine Aporie; Natur ergibt sich erst aus der Trennung und jede Geste gegen diese Trennung würde wiederum Natur auflösen. Die Behauptung, dass „die Natur heilt“, womit zumeist Naturschutz gemeint ist, bedeutet im neoliberalen Sinne vielmehr eine schärfere Kontrolle der Natur. Denn wie Angela Last nahelegt, wollten die Bemühungen, den Menschen aus dem Zentrum vieler ökologischer Ansätze zu nehmen, zwar „,die Menschen wieder mit der Erde in Verbindung‘ setzen, doch sie ignorierten deren Situiertheit als Orte kolonialer Traumata“.14 Dass für die Umsetzung von Naturschutz Indigene Gemeinschaften vertrieben oder geschädigt werden, zeigt, dass die Definition von Natur und für wen sie da ist, auf Spaltung und Auslöschung beruht.15 In weiß dominierten Naturschutzbewegungen wurde stets deutlich, dass deren Wurzeln in ihrer Vormachtsstellung liegen, was sich wahrscheinlich am deutlichsten in ihrem Beharren auf der Überbevölkerung als einer Ursache für die Krise der Umwelt offenbart. Das „wir“, das als Virus definiert wird und das sich einschränken muss, damit die Natur „heilen“ kann, ist nicht weiß, reich oder gesund. Wie Denise Ferreira da Silva betont, „ging schon das Werkzeug, das die Wahrheit über den menschlichen Sonderstatus bestimmen und gewährleisten sollte, von einem Europäertum/Weißsein als universellem Maßstab aus, nämlich als der körperlichen, geistigen und gesellschaftlichen Verwirklichung von Universalität“.16 Die Pandemie zeigt, dass die Natur nur geheilt werden kann, wenn jenes „wir“, das nichts weiter als ein Zusatz zu dieser Universalität ist, für das „Allgemeinwohl“ geopfert wird.17 Dies ist ein unumwunden rassistisches und eugenisches Argument: Seit Jahrzehnten rufen faschistische Ökobewegungen nach der Reduzierung von (Schwarzen, Indigenen, kolonisierten, behinderten, kranken, alten, verarmten) Bevölkerungen. Diese Auffassung von Natur, und das sollte klar sein, gibt es nicht nur bei den Rechten: Der Dualismus, der diese Position formt und stützt, bildet die Grundlage für populäre Diskurse sowie für einige überzeugte, linke Politiken Europas.
„Die Natur heilt“ reproduziert die Fantasievorstellung einer Natur als etwas Abgespaltenem und bekräftigt zugleich ihre Abhängigkeit. Sterben die Menschen, lebt die Natur. In diesem anthropozentrischen Jammern schwingt auch die Sehnsucht nach einer Rückkehr in eine vorherige Zeit mit – vor der Industrialisierung, vor der Globalisierung, vor dem Menschen – „vor was“ bleibt eigentlich unklar. Dieser Wunsch nach einer vorherigen Zeit muss allerdings stets verschleiern, woraus er selbst entstanden ist, denn würden seine eigenen Produktionsbedingungen anerkannt, müssten sie so kontextualisiert werden, dass er nicht aufrechterhalten werden könnte. Für diese Art populistischer Umweltbewegung, aus der „Natur heilt“ hervorgeht, ist es entscheidend, dass die vorherige Zeit als rein und authentisch angesehen wird. Das Subjekt, das mit dieser Zeitvorstellung einhergeht – vorkoloniale Indigene Gemeinschaften, europäische Landbevölkerung, frühe europäische Siedler*innen –, lebt in Einklang mit dem Land, kommt vom Land, und hat ein natürliches Wissen über seine Umgebung (was sich in nationalistischen, rechtsextremen Behauptungen zu europäischem Eingeborensein spiegelt: „Wir sind alle Indigene“).18 Man bildet sich ein, dieses Subjekt hätte einen ganzheitlichen Bezug zur Natur, der sich durch die Risse in der Geschichte der Moderne wahrnehmen lässt; als würde in der Natur das Erhabene liegen, das sich auf das Subjekt überträgt, wenn dieses ihr nahe kommt. Es fällt nicht schwer, die Sehnsucht in den sozialen Medien als romantisch verklärt abzutun, doch ihr Fundament bleibt ja bestehen. Diese Umweltbewegungen finden nicht in einer Nische statt; weit davon entfernt, über Bord geworfen zu werden, wird der Mythos der Natur immer wieder aufgenommen.
Da dieser verzwickte, kollektive Wunsch fortbesteht, liegt in der Verweigerung als Wiederkehr die Möglichkeit zur Eröffnung anderer Denkweisen. Das Affektive der westlich-europäischen Natur kann nicht durch eine Revolution beseitigt oder mit Verstand widerlegt werden, denn zum Teil herrscht nicht einmal Konsens darüber, aus was Natur überhaupt besteht. Natur ist so weit gefühlt, verkörpert, atmosphärisch, kultiviert, dass sie uns absolut oder vollkommen erscheint. Vielleicht kann man sich ihr nur da nähern, wo sich Wünsche ineinander verschränken und wo durch diese Verschränkungen einige Gegebenheiten ausgehebelt werden. Verweigerung als Wiederkehr ist verwirrend. Die zielgerichtete Bewegung der Verweigerung hin zu einer Außerkraftsetzung lässt sich leichter verstehen, als mit einer unauflösbaren und formlosen Ausdehnung der Vergangenheit konfrontiert zu sein. Die Wiederkehr verweigert die endgültige Konsolidierung in Macht und Gerechtigkeit, weil sie kein Ende kennt; erinnern wir uns, nachgießen heißt, zu Fluidität zurückzukehren. Verweigerung als Wiederkehr zu denken, bedeutet auch, die Vergangenheit so zu wenden, dass sie sich zu einer Ausdehnung hin öffnet. Wiederkehr geschieht nie auf identische Weise; die Vergangenheit hat keine Grenzen. Im Gegenteil, die Vergangenheit offenbart uns die Beschränktheit der kapitalistischen Zeit und die Fehlbarkeit der Kolonialgeschichte. Wiederkehr ist die Abrechnung mit dem angeblich Universellen. Statt einer Gewissheit ermöglicht uns Wiederkehr die Faltung der Vergangenheit hinein in die Gegenwart.
So wie das dagegen-Sein in der Verweigerung, erlaubt die Wiederkehr ein mit-Sein, ein gemeinsam-Sein. Um besser zu verstehen, wo wir als Anglo-Europäer*innen stehen, schlägt die zu den Métis gehörige Philosophin Zoe Todd vor, uns mit den berechnenden und zerstörerischen Logiken des Humanismus auseinanderzusetzen, die uns innewohnen und die durch unsere Behauptung, die Welt zu kennen, stetig reproduziert werden.19 Sich dieser Aufgabe zu stellen, bedeutet, die intensivste unserer Dekonstruktionen anzugehen. Eine Wiederkehr ist die Einladung, sich einem anderen Ansatz hinzugeben. Mit-Sein erfordert ein Innehalten, um sich diese andere Herangehensweise in all ihrer Breite und Ungewissheit überhaupt erst einmal vorzustellen. Es handelt sich um einen Zwischenmoment, in dem es darum geht, viele Möglichkeiten auf einmal zu berücksichtigen. Um ein mit-Sein mit solch einer Dekonstruktion einzugehen, muss man Aufmerksamkeit aufbringen, zuhören können, neugierig und aufnahmefähig sein – eine Haltung ganz im Sinne des Dichters und Denkers Teweiariki Teaero, der zu den I-Kiribati gehört: „Zwei Ohren, ein Mund, sprich nicht so viel. Lerne zuzuhören“, oder der fidschianischen Wissenschaftlerin Unaisi Nabobo-Baba, wenn sie von Stille als einer „Pädagogik intensiver Beteiligung“ spricht.20 Der Wissenschaftler Leroy Little Bear, der zu den Blackfoot gehört, nennt es folgendermaßen: Sich mit der Unermesslichkeit der Ausstrahlung der Welt in Einklang zu bringen, übersteigt in jeder Hinsicht den fortschrittlichen Ausruf „Ich habe zugehört“, als ob das Zuhören, das uns beigebracht wird, dort endet.21 Sich mit etwas in Einklang bringen, steht nicht für etwas ganz anderes; Einstimmen bildet einen in der Schwebe gehaltenen Ausgangspunkt dessen, was wir zu wissen glauben. Innehalten bedeutet nicht Versöhnung; es ist eine Pause, die intervenieren kann, wenn wir dabei sind, überstürzt zu handeln oder zu schlussfolgern.
Das Maß an Gewalt, mit der Natur hergestellt wurde und wird, ist schier unermesslich. In der Pause des mit-Seins, können wir uns in das einstimmen, was wir eigentlich lieber ignorieren möchten. Es könnte uns klar werden, wie sehr wir an der Fantasie von Natur und der Vorstellung von uns selbst als gutartig festhalten. Einen Einklang herzustellen, würde vielleicht das Ausmaß des Horrors offenbaren, das die Natur tatsächlich benötigen würde, um zu heilen. So furchterregend das auch erscheinen mag, bilden die Fähigkeit des Zuhörens und sich im Einklang zu bewegen die Grundvoraussetzungen für den Respekt gegenüber der Erde und aller, die sie bewohnen. Die von den Europäer:innen geschaffene Welt sagt uns, dass wir bereits alles wissen. Gewissheit wird uns beigebracht. Wir werden in einem Sprechen und in Sprachen unterrichtet, durch die alles in quantifizierbaren Teilen benannt, besessen, auf sie universalisiert und reduziert wird. Auf diese Weise lernen wir nicht, mit allem, was jenseits von uns ist, mit-zu-sein. Der immense Verlust an Menschen und Lebensräumen, den wir aufgrund kapitalistischer Brutalitäten zu verzeichnen haben, ist für uns nicht begreifbar. Doch wie uns Wissenschaftler:innen der Indigenous und Black Studies, Künstler*innen und Ökolog:innen zeigen, gibt es auch zahlreiches und nicht unterdrückbares Aufblühen, Allianzen, Freude und Liebe sowie Leben, die auf andere Weise gelebt werden.22 Die Praxis des Einstimmens führt uns zu den Lücken und Stillen und Klängen, die alles durchziehen und die die Erde mit allem, was lebt und stirbt, verbinden.
Sich einstimmen wird nicht auf exakt diese oder jene Weise gemacht; es gibt keine Gebrauchsanleitung; es gibt kein Ende. Die Bereitschaft zum Zuhören und vor allem die Offenheit für das, was man aufnimmt, ändert sich ständig. Zuhören ist eine Praxis von Zusammenspiel und Verbindung. Es kann manchmal schwer sein, das auszuhalten, was wir hören. Wir neigen dazu, Lösungen anzubieten: Wir möchten, dass unsere Lösungen den Schaden, den wir angerichtet oder den wir erlitten haben, wieder rückgängig machen. Eine Pause einzulegen, scheint da kontraintuitiv. Doch im Innehalten können wir erspüren, welchen Klang unsere Beziehungen von sich geben und wo wir in Einklang mit ihnen summen und wo nicht.
Während ich hier sitze und darauf warte, dass der Boden trocknet und die Vögel ihren Nachtgesang beginnen, denke ich darüber nach, wer vor Jahrhunderten hier gewesen ist, in jener Zeit, in der in Europa die Natur geschaffen wurde. Ich denke darüber nach, was die Natur mitbrachte, als die Europäer kamen. Meine Hand auf der Haut der Natur nimmt Schwingungen wahr. Mein aus Wasser bestehender Körper vibriert mit. Aus diesem Mitschwingen, diesem Innehalten heraus können wir womöglich besser verstehen, warum Natur verlernt werden sollte. Nicht reformiert oder umgestaltet, denn eine Reparatur ist nicht möglich. Natur zu verlernen, erfordert die völlige Abschaffung des Übermachtdenkens, das in westlich-europäischen Erkenntnisweisen von der Welt und den dazugehörigen Seinsweisen gründet. Dieses Weißsein kann seinem Drang nach Besitz, nach Abgrenzung durch Inbesitznahme, und durch Inbesitznahme hin zu Isolation und der Negation von Differenz nicht entfliehen. Die Sichtweise, die uns die Wiederkehr durch ihren Parallaxeneffekt bietet, ist ein Angebot – sie offeriert die Vorstellung einer Erde, die nicht von Menschen besessen wird. Vielleicht führt das Innehalten des mit-Seins dazu, dass man sich dem Unwissbaren zuwendet, eine Hinwendung zu dem, was anderswo fließt und strudelt. Dies ist keine individualistische Vorstellung, sondern eine kollektive, eine kumulative, eine vereinende Verbindung zu dem, was es bedeutet, zusammen zu sein.
Letztlich hat sich Verweigerung als Rückkehr oder als Zurückgießen nicht lange im offiziellem Sprachgebrauch gehalten. Vielleicht wurde die alte Bedeutung aufgegeben, weil Kommen und Gehen nicht unter Kontrolle gehalten werden konnten. Das „Nein“ der Verweigerung ist viel deutlicher vernehmbar als die wechselnden Sichttiefen der Gewässer, die sich uns entziehen, egal wie stark anthropozentrische Metaphern an ihre Gezeiten koppelt werden. Ein Bach, ein Fluss, ein Teich, ein Ozean; alles bewegt sich auf seine Weise, ohne Einladung oder Einwirkung. Rückkehr ist ein Verzicht auf das, was als Nächstes kommt; vielleicht kommen die Auffassungen von Leben, die so unbegreifbar anders sind, als das was wir gerade erleben, erst dadurch an die Oberfläche, dass wir uns damit auseinandersetzen, wozu wir zurückzukehren haben.
Diese Arbeit wurde auf dem gestohlenen Land der Wurundjeri und Bunurong der East Kulin Nations geschrieben. Wir erkennen die althergebrachten Eigentümer:innen dieser Gebiete an und zollen den Elders der Vergangenheit und Gegenwart sowie dem Land selbst unseren Respekt. Die Hoheitsansprüche wurden niemals aufgegeben, der Widerstand geht weiter.
- 1 Herman Melville, Bartleby, der Schreiber, übers. von Jürgen Krug, Berlin 2019.
- 2 Vgl. Audra Simpson, Mohawk Interruptus. Political Life Across the Borders of Settler States, Durham 2014; Tina M. Campt, „The Visual Frequency of Black Life: Love, Labor, and the Practice of Refusal“, in: Social Text 37 (3), 2019, S. 25–46; Denise Ferreira da Silva, „Hacking the Subject: Black Feminism and Refusal beyond the Limits of Critique“, in: philoSOPHIA 8(1), 2018, S. 19–41.
- 3 Vgl. Walter D. Mignolo, „The Geopolitics of Knowledge and the Colonial Difference“, in: South Atlantic Quarterly 101(1), 2002, S. 57–96.
- 4 Denise Ferreira da Silva, Toward A Global Idea of Race, Minneapolis 2007.
- 5 Linda Tuhiwai Smith, Decolonizing Methodologies. Research and Indigenous People, London 2012.
- 6 Cedric J. Robinson, Black Marxism. The Making of the Black Radical Tradition, Chapel Hill 2000.
- 7 Jason Moore, Kapitalismus im Lebensnetz. Ökologie und die Akkumulation des Kapitals, übers. von Dirk Höfer, Berlin 2019.
- 8 Sylvia Wynter, „Unsettling the Coloniality of Being/Power/Truth/Freedom: Towards the Human, After Man, Its Overrepresentation-An Argument“, in: The New Centennial Review 3(3), 2003, S. 257–337; Édouard Glissant Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit, übers. von Beate Thill. Heidelberg 2005; Aimé Césaire Über den Kolonialismus, übers. von Heribert Becker u. Karin Kramer, Berlin 2010.
- 9 W. E. B. Du Bois, Darkwater. Voices from Within the Veil, New York 2016, S. 18.
- 10 W. E. B. Du Bois, The World and Africa. An Inquiry into the Part which Africa has Played in World History, New York 1965; Katerina Martina Teaiwa, Consuming Ocean Island. Stories of People and Phosphate from Banaba, Bloomington 2015; Anna Lowenhaupt Tsing, Friction. An Ethnography of Global Connection, Princeton 2005; Alexis Wright, The Swan Book, Sydney 2013; Tony Birch, „Climate Change, Recognition and Social Place-Making“, in: Sydney Review of Books, 2017, https://sydneyreviewofbooks.com/essay/climate-change-recognition-and-caring-for-country (abgerufen am 14.01.2021).
- 11 Aileen Moreton-Robinson, The White Possessive. Property, Power and Indigenous Sovereignty, Minneapolis 2015, S. xii.
- 12 Lucile H. Brockway, „science and colonial expansion: the role of the British Royal Botanic Gardens“, in: American Ethnologist 6(3), 1979, S. 449–465; S. Martin Gaskell, „Gardens for the Working Class: Victorian Practical Pleasure“, in: Victorian Studies 23(4), 1980, S. 479–501; Zaheer Baber, „The Plants of Empire. Botanic Gardens, Colonial Power and Botanical Knowledge“, in: Journal of Contemporary Asia 46(4), 2016, S. 659–679.
- 13 Elizabeth DeLoughrey, George B. Handley, "Introduction. Toward an Aesthetics of the Earth“, in: dies. (Hg.) Postcolonial Ecologies. Literatures of the Environment, Oxford 2011, S. 3–39.
- 14 Angela Last, „to risk the Earth: the nonhuman and nonhistory“, in: Feminist Review 118, 2018, S. 87–92.
- 15 June Mary Rubis and Noah Theriault, „Concealing protocols: conservation, Indigenous survivance, and the dilemmas of visibility“, in: Social & Cultural Geography 21(7), 2020, S. 962–984; L. Domínguez and C. Luoma, „Decolonising Conservation Policy: How Colonial Land and Conservation Ideologies Persist and Perpetuate Indigenous Injustices at the Expense of the Environment“, in: Land 9(3), 2020, S. 65; P. West, Dispossession and the Environment: Rhetoric and Inequality in Papua New Guinea, New York 2016.
- 16 Denise Ferreira da Silva, „1 (life) ÷ 0 (blackness) = ∞ − ∞ or ∞ / ∞: On Matter Beyond the Equation of Value“, in: e-flux Journal 79, 2017, https://www.e-flux.com/journal/79/94686/1-life-0-blackness-or-on-matter-beyond-the-equation-of-value/ (abgerufen am 14.01.2021).
- 17 Vgl. Cyrée Jarelle Johnson, „A Paradoxical History of Black Disease“, 14.05.2020, https://disabilityvisibilityproject.com/2020/05/14/a-paradoxical-history-of-black-disease/ (abgerufen am 27.12.2020).
- 18 Out of the Woods, „Lies of the land: against and beyond Paul Kingsnorth’s völkisch environmentalism“, 31.03.2017, https://libcom.org/blog/lies-land-against-beyond-paul-kingsnorth’s-völkisch-environmentalism-31032017 (abgerufen am 27.12.2020).
- 19 Zoe Todd, „Indigenizing the Anthropocene, An Indigenous Feminist’s Take on The Ontological Turn“, in: Journal of Historical Sociology, 29 (1), 2016, S. 4–22.
- 20 A.M. Kanngieser, Zoe Todd, ‘From Environmental Case Study to Environmental Kin Study’, History and Theory, 59 (3), 2020, S. 385–93; Interview mit Teweiariki Teaero, Tarawa, 2018; Unaisi Nabobo-Baba, Knowing and Learning: An Indigenous Fijian Approach, Suva, University of the South Pacific Press, 2006.
- 21 Don Hill, ‘Listening to Stones: Learning in Leroy Little Bear’s Laboratory: Dialogue in the World Outside’, Alberta Views Magazine, 2008, https://albertaviews.ca/listening-to-stones/ (abgerufen am 14.01.2021).
- 22 Vgl. Gerald Vizenor (Hg.), Survivance: Narratives of Native Presence, Nebraska, University of Nebraska Press, 2008; Gay’wu Group of Women, Song Spirals: Sharing Women’s Wisdom of Country through Song, Sydney, Allen and Unwin, 2019; Vanessa Agard-Jones, ‘What the Sands Remember’, in: GLQ: Journal of Lesbian and Gay Studies, 18 (2–3), 2012, S. 325–46; C.J. Robinson, Black Marxism; J.T. Roane, ‘Plotting the Black Commons’, in: Souls: A Critical Journal of Black Politics, Culture, and Society, 2018, S. 1–24.