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Elisa Barth
Das Ohr des Sturms
Das Leichenschauhaus wird zu einem Ohr, dessen Kammern mit der Stille steigender Meere und vergessener Stimmen, dem unausgesprochenen Nachhall kolonialer Gier, resonieren. Nicolás Jaars Das Ohr des Sturms erzählt, wie die multisensorische Installation Oceanic Refractions die Kuppelhalle in ein überflutetes Archiv verwandelte, in dem die Echos pazifischer Ältester gegen die sterilen Wände eines deutschen Kolumbariums brandeten. Zuhören wird hier zu einem Akt des Gleichgewichts, einer Autopsie, die die Schichten des schweigenden Einverständnisses abträgt, die eine Welt verhüllen, die in unaussprechlicher Trauer ertrinkt. In diesem untergetauchten Raum flüssiger Trauer nimmt das Ohr den Platz des Auges ein und eröffnet eine Politik der Achtsamkeit und Vorstellungskraft, die den Fluss unausgesprochener Geschichten konfrontiert. Die Ohren schließen sich nicht, und die Stille schwillt an – eine Aufforderung, zu hinterfragen, was gebrochen werden muss, um wirklich zuhören zu können.

I.

Die Augen haben Augenlider. Die Ohren können sich nicht schließen.

Sie können es nicht; im Innenohr gibt es einen kleinen mit Flüssigkeit gefüllten Hohlraum – die Cochlea –, der zusammen mit den Gehörgängen entscheidend ist für unser Gleichgewicht und wie wir die Welt spüren. Durch sie orientieren wir uns in unserer Umgebung und halten in der Bewegung unser Gleichgewicht. Hören ist ausbalancieren. Zuhören ist Gleichgewicht.

Gleichgewicht ist Überleben.

II.

Als Auge bezeichnet man den Bereich ruhigen Wetters im Zentrum eines Wirbelsturms, eine Kreisfläche, die von einem Augenwall umgeben ist, von einem Ring sich auftürmender Stürme.

Ich bin in einem Krematorium in Berlin, 2024. Ich bin im Auge des Sturms.

Ich blicke auf und sehe die Worte geschrieben: „BITTE RUHE“

Es ist leise, als ich mich darauf einstelle, Oceanic Refractions zu betreten. Im Auge des Sturms ist es leise.

Die Ohren schließen sich nicht.

III.

Ich betrete die Installation. Sie befindet sich in der Kuppelhalle, der Trauerhalle des Krematoriums.

Über den Bildschirmen der Installation und um sie herum beherbergt ein Kolumbarium kleine Lagerboxen für Urnen, in denen die eingeäscherten Überreste der Toten ruhen.

Das Wort Kolumbarium stammt vom lateinischen Wort columba, was ursprünglich auf einen Taubenschlag hinweist.

Es gibt keine Vögel in diesem Kolumbarium und auch keine Urnen. Stattdessen hören wir die Stimmen von Ältesten der Gemeinschaften in Fidschi, Kiribati und Papua-Neuguinea, während das tiefe Blau des Stillen Ozeans sich an den leeren Urnenregalen bricht. Dieses Krematorium steht unter Wasser. Die Trauer hier ist flüssig.

Seit 2012 heißt das Krematorium silent green. Das Paar, das die Liegenschaft gekauft und in eine Kulturinstitution verwandelt hat, hat einem Berliner Magazin⁠1 die Herkunft des Namens erklärt: Nachdem wir das Krematorium gekauft hatten, saßen wir draußen auf dem Rasen und haben darüber nachgedacht, wo wir uns befinden. Es ist still, es ist grün… silent green.“

Zuhören heißt in erster Linie, sich etwas vorzustellen.

Welche Stille ist das?

IV.

Stille hat viele Gesichter.

Schweigen unter Folter ist Tapferkeit, unter Ungerechtigkeit ist sie Feigheit. Stille kann den Tod anzeigen – ein Körper atmet nicht mehr – und sie kann Leben bedeuten: Sie haben sich still angestarrt. Stille kann in der Ruhe eines Neugeborenen, der Unbeweglichkeit eines Sees, dem Respekt vor Älteren, der Hingabe an ein Ritual, der Unermesslichkeit eines Nachthimmels gehört werden. Nach einer Zerstörung herrscht unheimliche Stille. Es gibt die Stille der Trauer.⁠2 Das Schweigen eines Grabes und die doppelte Stille eines namenlosen Grabes.

Wenn die Meeresspiegel steigen und ganze Beziehungsgeflechte im Stillen Ozean und anderswo zum Schweigen gebracht werden, bringt die Autopsie das Schweigen der Mitschuld und Gier ans Licht. Die Stille des Geschehenlassens. Ein klimatisiertes Bürogebäude. Ein muffiger Gerichtssaal. Datentabellen. Profitraten.

V.

Können wir eine Autopsie der Welt erstellen?

„Es ist still, es ist grün… Silent Green.“⁠3

Welche Orte müssen laut sein, weil sie hier nicht zu vernehmen sind?

Welche Orte müssen überfluten, damit es hier so trocken ist?

Diese Fragen stellen wir aus dem Auge des Sturms, oder vielmehr aus dem Ohr des Sturms; dieses Ohr, das auf diesen Ring sich auftürmender Stürme und hohen Winde blickt.

Von dieser Stadt aus, diesem Krematorium, diesen Aschen, die nicht mehr hier sind, und von diesem Schweigen, das ich nicht als eine Stille hören kann, denke ich darüber nach, was die pazifischen Ältesten sagen: ‚Wir haben nur einen Mund, aber wir haben zwei Ohren.

Welche Art Aufmerksamkeit ist notwendig? Wie dringend ist ein Raum zum Zuhören?

Genug mit den Podien; wir brauchen eine ganze Urne, die dieses Zuhören beinhaltet, die wie früher einmal alle Aschen, eine Million Geschichten, eine Million Warnungen, millionenfaches Lauschen umfasst hat. Wir müssen eine Autopsie der Welt erstellen.

Autopsie von αὐτός (selbst) und ὀπτός (sehen, sichtbar). Die Todesursache herausfinden, indem man sich selbst ansieht.

Die Patholog:in flüstert: „Eine Autopsie ist nach der Einäscherung nicht mehr möglich.“

Und doch kommen wir wie Asche in die Urne der Welt und lauschen mit der Aufmerksamkeit eines Ohrs, das keinen Mund hat, um Zeugnis davon abzulegen. Es ist ein freies Ohr. Im Gleichgewicht.

Es gibt eine Insel des Zuhörens außerhalb des Sprechens. Überleben spricht aus den Rissen unseres Innenohrs: „Flute es nicht mit mehr Worten: Es ist bereits eine Flut der Stille.“

V.

Welche Stille, welches Schweigen brauchen wir, um die Welt einer Autopsie zu unterziehen?

Zuhören heißt in erster Linie, sich etwas vorzustellen.

Die Ohren können sich nicht schließen. Fantasie schläft nicht.

Eine Politik, die aus dem Zuhören kommt, ist eine Politik der Fantasie. Eine Politik des Ungesehenen, vom Ungesehenen: dem Innenohr, der Welt.

  1. 1
    Olivia Logan. „Silent Green: Crematorium turned cultural centre“, in: The Berliner, 19.09.2022, https://www.the-berliner.com/berlin/silent-green-crematorium-to-cultural-centre/
  2. 2
    Wie es Unaisi Nabobo-Baba erzählt: „In Vugalei bedeutet der Tod im Dorf eine lange Zeit des Schweigens – zwischen einer und drei Wochen.“, dies. „Silence, Clan Boundary, Space and Gifting as Ways of Knowing“, in: E. M. Hunchuck, AM Kanngieser, M. Nailatikau (Hrsg.), Oceanic Refractions, Januar 2024, https://www.oceanicrefractions.org/?article=silence-clan-boundary-space-and-gifting-as-ways-of-knowing
  3. 3
    Der Name enthält in gewisser Weise all die Tücken der Hörgewohnheiten der Siedlergesellschaften, nach denen das, was grün ist, automatisch als still gesehen wird.
This text was produced in the framework of the collaboration between CTM and transmediale festivals for the co-production of Oceanic Refractions (created and founded by AM Kanngieser and Mere Nailatikau), with the support of the Hauptstadtkulturfonds (German Capital Culture Fonds).

To cite this text:

Jaar, Nicolás. “The Ear of the Storm.” transmediale journal issue #7: Content (January 2025), edited by Elise Misao Hunchuck. https://transmediale.de/en/journal/the-ear-of-the-storm .
CC BY-NC-SA