Digitale Technologien spielen zunehmend eine komplexe Rolle bei der Ăbermittlung pazifischen Wissens, wobei sie sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich bringen. Der Ăbergang zum Digitalen fĂŒhrt zu Spannungen zwischen den Notwendigkeiten, kulturelle Praktiken einerseits zu bewahren und andererseits anzupassen. Es herrscht die Sorge, dass die Tradition verloren gehen könnte, Geschichten von Angesicht zu Angesicht zu erzĂ€hlen, und dass komplexe kulturelle Konzepte zu stark vereinfacht werden, damit sie online konsumierbar sind. AuĂerdem warnen Beobachter:innen davor, dass Fragen der DatensouverĂ€nitĂ€t und der digitalen Kluft in den pazifischen Gemeinschaften die Problematik aufwerfen, wer den Zugang zu digitalisiertem Wissen kontrolliert. WĂ€hrend die Bevölkerung pazifischer Menschen weltweit wĂ€chst, weisen Statistiken auf eine gröĂer werdende digitale Kluft hin, bei der sich zeigt, dass pazifische Menschen sowohl auf den Inseln als auch in der Diaspora aufgrund fehlender wirtschaftlicher Ressourcen und Kenntnisse hinsichtlich des Zugangs zur Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) sowie deren Entwicklung benachteiligt werden.
Das Projekt Oceanic Refractions ist die Gestaltung von zwei Angeboten. Es verwirklicht innovative AnsĂ€tze zur Weitergabe von kulturellem Wissen, die mittels immersiver neuer Medien und einer Online-Plattform traditionelle und moderne Formen der Wissensverbreitung miteinander verbinden. Zum einen handelt es sich um eine online zugĂ€ngliche Sammlung wissenschaftlicher Erkenntnisse ĂŒber ozeanische Formen des Zuhörens, Reflexionen ĂŒber das Projekt selbst und Poesie. Zum anderen besteht das Projekt in einer dynamischen und immersiven Installation, die das Publikum durch ein 360° audiovisuelles Storytelling dazu einlĂ€dt, âdie Stimmen der Ăltesten aus Fidschi, Kiribati und Papua-Neuguinea zu hören, die ĂŒber FĂŒrsorge, Verwandtschaft und Selbstbestimmung sprechen.ââ 2
Als eine multisensorische und audiovisuelle Arbeit bringt Oceanic Refractions ein eklektisches Ensemble erfahrener GeschichtenerzĂ€hler:innen zusammen mit der Videoarbeit von Laisiasa Dave Lavaki (Fidschi), Tumeli Tuqota (Fidschi) und Mere Nailatikau (Fidschi) sowie dem Sounddesign von Joseph Kamara (Kenia/Deutschland) und AM Kanngieser (Australien). Aus einer langjĂ€hrigen Freundschaft entwickelte sich eine Zusammenarbeit und so begann das Projekt mit einem GesprĂ€ch zwischen AM Kanngieser und Mere Nailatikau ĂŒber die Frage, wie man gegenseitig zu verantwortungsvollen Partner:innen werden kann und sich gleichzeitig gegen die vorherrschenden OpfererzĂ€hlungen der Klimakrise wehrt. Die NĂ€hte von Oceanic Refractions werden von starken VerknĂŒpfungen interkontinentaler Verwandtschaft zusammengehalten: Die an der Installation Beteiligten verbanden Irland und Australien mittels Space Forms, FrameWorks und SmellArt und wurden von einem Beirat unterstĂŒtzt, der aus Joey Tau (Papua-Neuguinea/Fidschi), Fleur Ramsay (Samoa/Australien), Simione Sevudredre (Fidschi) und Sana Balai (Bougainville/Australien) bestand. Auf einzigartige Weise greift das Werk die komplexe Verflechtung der menschlichen Erfahrung angesichts der Klimakrise auf und widmet sich ihr als ein Mittel der Wahrheitsfindung.
Auf der Website von Oceanic Refractions wird man von einer Reihe bewegter Bilder begrĂŒĂt, auf denen sich groĂe Kokospalmen, BrotfruchtbĂ€ume und andere einheimische Pflanzen des Pazifiks in sanften oder krĂ€ftigen Winden wiegen. Im Hintergrund sind Betonbauten zu sehen, vielleicht HĂ€user; eine Stromleitung schlĂ€ngelt sich durch die Landschaft. Ăber den Bildern schweben die Titel von Texten, Gedichten, Interviews und anderen Werken von KĂŒnstler:innen, Akademiker:innen, WissenstrĂ€ger:innen und Vordenker:innen. Aktualisiert man die URL, wird diese Erfahrung zu einem farblosen Spiel und man wird von einem neuen bewegten Schwarz-WeiĂ-Bild nicht-menschlicher Verwandten begrĂŒĂt, die von unsichtbaren KrĂ€ften bewegt werden. In einem Talanoa zwischen Kanngieser, Nailatikau und mir gaben die beiden MitbegrĂŒnder:innen Einblicke in den Kontext, der die Entstehung des Projekts Oceanic Refractions inspiriert hat, sowie in ihre Zukunftsvision. Die Open-Source-ZugĂ€nglichkeit von Ressourcen ist eine bewusste MaĂnahme, die aus ihren ersten Diskussionen hervorgegangen ist, als AM und Mere sich fragten: âWarum nehmen wir nicht das, was wir lernen, und machen es zu einer Art Handbuch, das fĂŒr alle zugĂ€nglich ist? Warum demokratisieren wir das nicht?â
Das VerschrĂ€nken von Tonaufnahmen und Bildern, die zusammen zu gehören scheinen, jedoch nicht ortsspezifisch sind, ist ein Erkennungsmerkmal von Oceanic Refractions: Bei den Betrachter:innen wird jegliche Regung infrage gestellt, die sich wĂŒnscht, mundgerechte ZusammenhĂ€nge vorgesetzt zu bekommen. Stattdessen wird man eingeladen, tief in das Gesagte hineinzuhören. In der immersiven Erfahrung dieser Geschichten kollabiert die Zeit und dehnt sich zugleich aus. Dieser doppelte Ansatz verbessert die ZugĂ€nglichkeit fĂŒr pazifische Menschen erheblich. In seinem physischen Niederschlag umfasst das Projekt Ausstellungen und Installationen, die es lokalen Communitys erlauben, sich in kulturellen Einrichtungen wie Galerien und Festivals direkt mit kulturellem Wissen zu befassen. Dieser praktische Ansatz stellt sicher, dass die traditionellen Methoden der Wissensvermittlung beibehalten werden, wĂ€hrend gleichzeitig mithilfe neuer Medien ein Wandel in der physischen Welt ermöglicht wird. Hinzukommt, dass die virtuelle Komponente, zu der immersive digitale Erfahrungen und eine interaktive Website gehören, die Reichweite des Projekts ĂŒber geografische BeschrĂ€nkungen hinaus erweitert, was einen besonders wichtigen Aspekt fĂŒr die Diaspora und fĂŒr jĂŒngere Generationen darstellt, die mit technisch vermitteltem Lernen vertraut sind. Indem Inhalte online angeboten werden, ĂŒberwindet das Projekt Entfernungs- und Zeitbarrieren und ermöglicht den pazifischen Menschen auf der ganzen Welt mit ihrem kulturellen Erbe in Verbindung zu treten. DarĂŒber hinaus kann die virtuelle Plattform verschiedene Lernstile und Vorlieben berĂŒcksichtigen. Sie bietet Text-, Audio-, Video- und interaktive Elemente, um unterschiedlichen BedĂŒrfnissen gerecht zu werden. Dieser doppelte Ansatz bewahrt und fördert das pazifische Wissen. Er bildet eine BrĂŒcke zwischen Generationen und geografischen Unterschieden und fördert eine inklusive und ausgedehnte Auseinandersetzung mit dem pazifischen Kulturwissen. Der Ansatz erkennt die zunehmende Dringlichkeit des Zuhörens â des Erkennens â unter je unterschiedlichen UmstĂ€nden an, ebenso wie die RealitĂ€t, dass wir in einer Welt leben, die durch Bildschirme Zeiten miteinander intensiv vernetzt und kollabieren lĂ€sst. In Anbetracht des steigenden Interesses an einem offenen Teilen von traditionellem ozeanischen Wissen, was parallel zur wachsenden Bewegung fĂŒr die SouverĂ€nitĂ€t ĂŒber Geschichten zum Ausdruck kommt â eine Bewegung, die auf Social Media und durch Influencer:innen wie Kalani mai âOkalani,â 3 Fiji History,â 4 Archiveples,â 5 und Pasifika Visualsâ 6 vorangetrieben wird â, stellt die Entscheidung, die Arbeiten von KĂŒnstler:innen und Vordenker:innen ĂŒber Oceanic Refractions zugĂ€nglich zu machen, einen groĂzĂŒgigen Ansatz dar. Alle gezeigten Arbeiten werden von einem Beirat betreut, dem Joey Tau (Papua-Neuguinea/Fidschi) vom Pacific Network on Globalisation (PANG),â 7 Fleur Ramsay (Samoa/Australien) von Blue Ocean Law,â 8 die Indigene Kulturwissenschaftlerin Simione Sevudredre (Fidschi) und die Umweltwissenschaftlerin und Kuratorin Sana Balai (Bougainville/Australien) angehören. Trotz der Herausforderungen offenbart Oceanic Refractions das Potenzial digitaler Werkzeuge, mehrere Generationen interessierter Indigener Gruppen einzubeziehen, die Reichweite des pazifischen Wissens ĂŒber geografische Grenzen hinaus zu erweitern und in einer zunehmend vernetzten Welt kulturelle KontinuitĂ€t zu herzustellen.
Auch DatensouverĂ€nitĂ€t ist ein zunehmend wichtiges Thema im pazifischen Raum, da digitale Technologien in der Region immer mehr Verbreitung finden und Riesenkonzerne wie Google die Bedeutung des Marktes erkennen.â 9 FĂŒr die pazifischen Inselstaaten ist die DatensouverĂ€nitĂ€t besonders wichtig, wenn es um das Kulturerbe, Finanzen oder nationale Sicherheit geht. Ein GroĂteil der in den pazifischen LĂ€ndern gesammelten Daten bezieht sich auf Indigenes Wissen, kulturelle Praktiken und lokale Ressourcen. Es gibt den starken Wunsch in den LĂ€ndern sicher zu stellen, dass diese Informationen unter lokaler Kontrolle bleiben. Staaten wie Fidschiâ 10 haben Gesetze erlassen, damit traditionelles Wissen nur unter Einhaltung kultureller Protokolle genutzt wird, doch es fehlt ganz wesentlich an einer koordinierten Politik in ganz Ozeanien, um die Nutzung von Indigenem und kulturellem geistigen Eigentum zu regeln. Daten sind zu einer wertvollen Ressource in der globalen digitalisierten Wirtschaft geworden. Die pazifischen LĂ€nder werden sich immer mehr ĂŒber den potenziellen wirtschaftlichen Wert ihrer Daten bewusst und wollen sicherstellen, dass sie von deren Nutzung profitieren. Die Kontrolle ĂŒber Daten wird als eine Frage der nationalen Sicherheit gesehen, vor allem angesichts der wachsenden geopolitischen Spannungen und des anhaltenden Wettbewerbs zwischen ihren VerbĂŒndeten und China, wenn es um deren Interessenvertretung in der Region geht. Daten sind zum jĂŒngsten Eroberungsterritorium des Kolonialismus geworden und so wird es vielleicht noch 10 oder 20 Jahren dauern, bis die in diesem Zusammenhang von traditionellem Wissen hervorgerufenen Auswirkungen sichtbar werden. Dabei wird das traditionelle Wissen zwar zunehmend global wahrgenommen, jedoch fehlt es an RegulierungsmaĂnahmen (nicht nur fĂŒr Daten, sondern auch fĂŒr die Umwelt). Ja, es ist entmenschlichend, traditionelles Wissen als Daten zu bezeichnen. Doch genau dazu wird es, wenn es als digitale Medien im Internet ĂŒbertragen wird. Daher kommt beim GeschichtenerzĂ€hlen und beim Wissensaustausch den Möglichkeiten der ZugĂ€nglichkeit eine entscheidende Bedeutung zu. Es wĂ€re verzeihlich, wenn man beim Betrachten der Oceanic Refractions-Website denken wĂŒrde, dass alles â vielleicht sogar zu viel â offengelegt wurde, aber in Wirklichkeit wurde viel Sorgfalt auf das Kuratieren und die Erstellung der Inhalte verwendet, die online geteilt werden. AuĂerdem handelt es sich nicht um ein fertiges Produkt, sondern um ein langfristig weiterlaufendes Projekt. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeit von Kanngieser: âBei jedem Interview oder GesprĂ€ch, das ich mit jemandem fĂŒhre, frage ich: Kann das fĂŒr alle öffentlich zugĂ€nglich gemacht werden? Haben alle Beteiligten ihre Informationen vollstĂ€ndig und in unbearbeiteten RAW-Dateien, beispielsweise in transkribierter Form, zurĂŒckerhalten? Hat jede Person, mit der wir gesprochen haben, diese Daten selbst erhalten?â
Aber was bedeutet es, etwas zugĂ€nglich zu machen? Kanngieser gab folgenden Einblick in die Entscheidungsfindung zur VorfĂŒhrung von Oceanic Refractions im Filmprogramm des Festival of Pacific Arts (FestPAC) auf Hawaii sowie in die Frage der Ăbersetzung: âWir haben ĂŒber Untertitel fĂŒr die Installation gesprochen und uns dagegen entschieden, weil es eine bestimmte Haltung zur Untertitelung von Stimmen mit Akzent gibt [Stimmen, denen nicht geglaubt wird, dass ihre erste Sprache Englisch ist]. Wir wollten das nicht verstĂ€rken und daher die Stimmen nicht abspielen. Stattdessen haben wir Karten mit der Ăbersetzung fĂŒr die Leute bereitgestellt, die ein Interesse daran hatten.â Da ich mir Filme immer mit Untertiteln anschaue, egal mit welchem Akzent oder in welcher Sprache, hat mich das ĂŒberrascht. Das Fehlen der Untertitel war ein Problem fĂŒr mich, aber gleichzeitig habe ich die Entscheidung verstanden. Kanngieser erklĂ€rte weiter: âZugĂ€nglichkeit muss auch Fluchtwege und MissverstĂ€ndnisse zulassen. Und sie muss verschiedene Interpretationen anbieten. Es gibt keine eindeutige Sache, keine exakte Darstellung.â Dies ist Ausdruck der klar umrissenen kollektiven Philosophie, Werte und Ethik des Projekts Oceanic Refractions, die Transparenz in den Vordergrund ihres Prozesses stellen.â 11
Die Partnerschaft zwischen AM und Mere bildet das Fundament von Oceanic Refractions. Wenn man ihnen begegnet, ist es schwer, sich nicht von ihrer fesselnden Leidenschaft und ihrem Strahlen anstecken zu lassen. Das Herz dieses dynamischen Duos erlaubt dem GeschichtenerzĂ€hlen, mit Tiefe, Detailtreue, Sorgfalt und IntegritĂ€t so groĂe Entfernungen zu ĂŒberwinden. Die Art und Weise, wie AM und Mere miteinander und voneinander sprechen, ist von einer solchen WĂ€rme und einem solchen Respekt geprĂ€gt, dass es eine Freude ist, sie zu beobachten und von ihnen zu lernen. Viel lieĂe sich zur Bedeutung des kollektiven Arbeitens sagen, mit dem kreative Praktiken im Kunstbereich trotz steigender Lebenshaltungskosten aufrechterhalten werden. Die Partnerschaft zwischen AM und Mere sowie die zahlreichen Menschen, die mit ihnen zusammenarbeiten und das Projekt am Leben halten, zeugen von einer sich entwickelnden und an der Praxis orientierten Methodik in der Pazifikregion. Wir sehen das in Fidschi, wo sich die Zahl der Tanzgruppen und -kompanien in den letzten Jahren verdoppelt hat.
Aufgrund ihrer fundierten Erfahrungen aus der Kunst, NGOs, Hilfsorganisationen, akademischen Diskursen und Unternehmen kennen sich AM und Mere mit den Defizit- und Trauma-Narrativen des Ăkozids sehr gut aus. Mittels Oceanic Refractions haben sie einen Appell gestartet, diesen Narrativen auf kollektive Weise entgegenzuwirken. FĂŒr die vorherrschende Darstellung der pazifischen Menschen als hilflose Opfer der Klimakrise ist in diesem Projekt weder Platz noch Interesse. Vielleicht ist das der Grund, warum ihre digitale Plattform nicht in den leuchtenden Farben der Inseln erstrahlt, die man normalerweise aus internationalen Tourismuskampagnen kennt. Von Anfang an haben AM und Mere betont, dass sie das GefĂŒhl haben, dass auf den Mainstream ausgerichtete Medien die pazifischen Erfahrungen mit der Klimakrise zu stark vereinfachen und die Bevölkerung oft als passive Opfer der Klimakatastrophe darstellen, anstatt ihre HandlungsfĂ€higkeit und ihre innovativen AnsĂ€tze zur BewĂ€ltigung der Katastrophe zu zeigen, die zumeist auf traditionellem Wissen und Verwandtschaftssystemen beruhen. In unserem Talanoa erzĂ€hlte Nailatikau: âIch hatte das GefĂŒhl, dass wir auf eine völlig unvollstĂ€ndige Weise dargestellt wurden, sehr extrahiert, und naja so auf eine Weise, die vorgefassten Meinungen darĂŒber verstĂ€rkt, wer pazifische Menschen sind und was unsere Gemeinschaften brauchen.â Sie fuhr fort, dass nicht nur wichtig ist, wie die pazifischen ErzĂ€hlungen eingebettet werden, sondern es ebenso auf die methodischen AnsĂ€tze zum ErzĂ€hlen der Geschichten ankommt: âIch habe mich wirklich gefragt: âGibt es einen besseren Weg, wie wir Geschichten so erzĂ€hlen können, wie es uns schon immer in den Knochen steckte oder in dem, wie wir eben sind⊠so wie wir GeschichtenerzĂ€hlen schon immer als einen nĂ€hrenden Prozess erlebt haben, d. h. als eine Weise, uns einander etwas einzuflöĂen und in uns einflöĂen zu lassen.â
WĂ€hrend ich zwischen den Arbeiten von Oceanic Refractions sitze, taucht in meinem Unterbewusstsein Na Viro von Gina Cole auf. Ein postapokalyptischer, futuristischer Science-Fiction-Roman, der im Pazifik spielt. Die Protagonistin aus Coles Zukunftsvision ist Tia, eine fidschianisch-tonganische Nachfahrin von Einwohner:innen, die ihre Heimatinsel nicht verlieĂen, als diese im Ozean versank, sondern Siedlungen ĂŒber dem Meer errichteten, ĂŒber dem die Insel nun liegt. Die Menschen weigerten sich, zu KlimaflĂŒchtlingen zu werden, wie es die heute gĂ€ngige OpfererzĂ€hlung in den Medien vorsieht, die auch von pazifischen GroĂmĂ€chten wie Australien propagiert wird. Diese GroĂmĂ€chte gehen strategische, politische Partnerschaften ein, wie zum Beispiel die Falepili Union mit Tuvalu oder die Vuvale-Partnerschaft mit Fidschi, um â wie es Pat Conroy ausdrĂŒckt â âWege der wĂŒrdevollen MobilitĂ€tââ 12 zu schaffen. Was als wĂŒrdevolle MobilitĂ€t angepriesen wird, steht jedoch im krassen Gegensatz zur RealitĂ€t der pazifischen Bevölkerungen, die heute nach Australien und Neuseeland emigrieren. Kein einziges pazifisches Land steht auf der Liste der visafreien LĂ€nder (mit Ausnahme neuseelĂ€ndischer Inselstaaten wie den Cookinseln, Tokelau und Niue) oder gar auf der Liste der Arbeitsurlaubsvisa. Die wesentliche Möglichkeit zur Einreise von Pazifikbewohner:innen nach Australien und Neuseeland fĂŒhrt heute entweder ĂŒber das Recognised-Seasonal-Employer-Visum oder das Pacific-Australia-Labour-Mobility-Programm (das mit Blackbirding und Sklaverei verglichen wird)â 13 oder ĂŒber pazifische Spezialvisa und Lotteriesysteme mit jeweiligen Landesquoten.
Trotz der kontinuierlich falschen Darstellungen durch die so genannten Industrienationen und ihrer anhaltenden Aneignung des Ozeans fahren die Indigenen Menschen damit fort, ihre eigenen Geschichten und Narrative zu gestalten. Wir sehen das an der Verbreitung von Na Viro. Wir haben es gesehen, als 2023-24 die Regierung von Tuvalu ihre PlĂ€ne zur digitalen VervielfĂ€ltigung ankĂŒndigte.â 14 Es zeigt sich in der Forderung von Vanuatu, Fidschi und Samoa, dass Ăkozid vom Internationalen Strafgerichtshof als Verbrechen eingestuft wird.â 15 Deutlich wird es auch, wenn fĂŒhrende pazifische Persönlichkeiten von den Marshallinseln, den Salomonen oder SÄmoa sich gegen das westliche Mediennarrativ der untergehenden Inseln wehren.â 16
Letztendlich sehen wir es auch an der Entschlossenheit von Oceanic Refractions. Zusammen bilden sie mehrere Strömungen derselben Verweigerungswelle. Sie sind eine Form des Widerstands mit den Mitteln einer GegenerzĂ€hlung, die eine im Wissen der Ahnen verwurzelte, pazifische Zukunft verheiĂt. Im Kern sieht der pazifische Futurismus â bzw. das holistische Weltbild dieses ErzĂ€hlgenres â die Zukunft nicht am Ende einer linearen zeitlichen Entwicklung, sondern als zyklisches, miteinander verbundenes Beziehungsgeflecht zwischen Menschen, Natur und spiritueller Welt. Anders als der westliche Futurismus, der oft den technologischen Fortschritt und die Herrschaft des Menschen ĂŒber die Natur ankĂŒndigt, entwirft der pazifische Futurismus eine Zukunft, in der Technologie und Tradition nebeneinander existieren und von ĂŒberlieferter Weisheit und dem Respekt fĂŒr die Umwelt geleitet sind, wobei das kollektive Wohlergehen ĂŒber die individuelle ErfĂŒllung gestellt wird. WĂ€hrend sich viele futuristische Visionen auf individuelle Weiterentwicklung oder Transzendenz konzentrieren, stellt der pazifische Futurismus die Gesundheit der Gemeinschaft und des Ăkosystems als Ganzes in den Mittelpunkt. Diese Perspektive spiegelt sich in Konzepten wie dem fidschianischen Vanua, Whenua in Aotearoa oder dem hawaiianischen aloha Ê»Äina wider, die alle auf ihre Weise die untrennbare Verbindung zwischen den Menschen und ihrem Land betonen. Pazifische Futurist:innen, GeschichtenerzĂ€hler:innen, WissenstrĂ€ger:innen und Vordenker:innen entwerfen gedanklich Technologien und gesellschaftliche Strukturen, die diese Verbindungen verstĂ€rken, wie bspw. fortschrittliche nachhaltige Anbaumethoden, die sich auf traditionelles Wissen stĂŒtzen, oder Kommunikationssysteme, die die Bindungen zwischen Communitys ĂŒber groĂe Meeresentfernungen hinweg stĂ€rken. Diese einzigartige Mischung aus der Weisheit der Vorfahren, Umweltschutz und zukunftsweisender Innovation kennzeichnet den pazifischen Futurismus als eine Zukunftsvision, die auf althergebrachten Traditionen beruht und offen fĂŒr die Freude an neuen Möglichkeiten ist.
Das bedeutet nicht, dass ein solcher pazifischer Futurismus einfach wĂ€re. In Oceanic Refractions steckt nicht nur eine Vision der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft, sondern wir erkennen in ihnen auch die zu ĂŒberwindenden Hindernisse â die Notwendigkeit eines Zugangs zu Förderung, sich AusrĂŒstung zu leisten, Menschen zu finden, die die notwendigen FĂ€higkeiten erlernen oder sie dafĂŒr zu bezahlen â, um gröĂere Projekte zu produzieren, insbesondere solche, die dem AusmaĂ des Ozeans gerecht werden wollen. Oceanic Refractions fordert uns auf, darĂŒber zu sprechen, was indigene KĂŒnstler:innen, die auf Inseln leben, derzeit daran hindert, sich an der stĂ€ndig wachsenden, wettbewerbsorientierten Industrie der neuen Medien und immersiven Technologien zu beteiligen. Indigene KĂŒnstler:innen im Pazifik sind unverhĂ€ltnismĂ€Ăig stark von groĂen finanziellen Benachteiligungen und einer noch gröĂeren digitalen Kluft betroffen, durch die es zu EinschrĂ€nkungen in der Infrastruktur und der VerfĂŒgbarkeit von Technologien in lĂ€ndlichen und abgelegenen Orten kommt. Hinzu kommt, dass die pazifischen Regierungen es versĂ€umt haben, der kreativen, kulturellen und kĂŒnstlerischen Wirtschaft PrioritĂ€t einzurĂ€umen. Das Softwaredesign neuer Medien ist englischsprachig und westlich orientiert, was es umso notwendiger macht, eine Politik zu entwickeln, die das VerhĂ€ltnis zwischen Indigenem kulturellen und geistigen Eigentum, neuen Medien und digitalen Plattformen regelt.
Die Macher:innen von Oceanic Refractions haben gezeigt, wie sehr sie sich dafĂŒr engagieren, die Bedingungen zu Ă€ndern, aus denen sie selbst hervorgegangen sind, indem sie mit ihrem Beirat auf den Fidschi-Inseln eine Stiftung gegrĂŒndet haben, die âKreativschaffenden, die keinen oder nur begrenzten Zugang zu staatlichen oder privaten Finanzierungen haben, nicht rechenschaftspflichtige Gelder zur VerfĂŒgung stellt.ââ 17 Neben der Stiftung hat sich die Organisation vorgenommen, ihre Teammitglieder fair zu bezahlen, KĂŒnstler:innen aus dem pazifischen Raum zu bevorzugen, Kurse ĂŒber Filmemachen und Tonproduktion anzubieten und ihre Aufnahmen mit dem EinverstĂ€ndnis der Mitwirkenden öffentlich zugĂ€nglich zu archivieren. In einer Wirtschaft, die den kulturellen und wirtschaftlichen Beitrag von KĂŒnstler:innen immer weiter abwertet, könnte der Zeitpunkt nicht passender sein, denn die Rolle Fidschis erweist sich im erweiterten pazifischen Raum wichtiger denn je. KĂŒnstler:innen lassen sich weder vom Tempo der Regierung noch dem der Gesellschaft in ihrer Schaffenskraft bremsen. In den letzten Jahren ist eine unglaubliche Zahl unabhĂ€ngiger Kollektive und Unternehmen entstanden, die einen Kunstsektor schaffen, dessen AusprĂ€gung sich von dem unterscheidet, was man in der Vergangenheit von der fidschianischen Kunst erwartet hat. Die Oceanic Refractions Stiftung wird nicht nur das lokale Kunst-Ăkosystem unterstĂŒtzen, sondern auch den KĂŒnstler:innen eine gröĂere FlexibilitĂ€t und MobilitĂ€t ermöglichen.
Die Einrichtung eines bedingungslosen Stipendiums fĂŒr KĂŒnstler:innen in Fidschi ist ein entscheidender Rettungsanker fĂŒr die kreative Community des Landes und tritt an die Stelle eines langjĂ€hrigen Mangels an Möglichkeiten und Ressourcen. In Fidschi, wie auch in vielen anderen pazifischen Inselstaaten, haben KĂŒnstler:innen aufgrund begrenzter finanzieller Mittel, fehlender institutioneller UnterstĂŒtzung und eines nur kleinen Inlandsmarkts oft Schwierigkeiten, ihre Kunst nachhaltig auszuĂŒben. Das Stipendium bietet den fidschianischen KĂŒnstler:innen die seltene Chance, sich ganz auf ihren kreativen Prozess zu konzentrieren, ohne dem Druck der kommerziellen RentabilitĂ€t oder externen Erwartungen ausgesetzt zu sein. Das Stipendium erkennt den Eigenwert des kĂŒnstlerischen Ausdrucks und seine Bedeutung fĂŒr die fidschianische Kultur und IdentitĂ€t an, indem es die finanzielle UnterstĂŒtzung ohne Bedingungen gewĂ€hrt. Dieser Ansatz kann Innovationen fördern, zur Risikobereitschaft ermutigen und KĂŒnstler:innen die Möglichkeit geben, Themen und Medien zu erforschen, die in einem kommerziell ausgerichteten Umfeld ĂŒbersehen werden.
DarĂŒber hinaus kommt dieser Förderung angesichts der eingeschrĂ€nkten MobilitĂ€t des fidschianischen Passes zusĂ€tzliche Bedeutung zu. Viele fidschianische KĂŒnstler:innen sind mit erheblichen HĂŒrden fĂŒr internationale Reisen konfrontiert, was ihre Möglichkeiten zur Teilnahme an den globalen Kunstszenen, Residenzen oder der PrĂ€sentation ihrer Werke in internationalen Ausstellungen stark begrenzt. Aufgrund der EinschrĂ€nkungen fĂŒr visumfreies Reisen fĂŒr Menschen mit fidschianischem Reisepass können sie die Gelegenheiten des kulturellen Austauschs und der beruflichen Entwicklung oft nicht wahrnehmen. In diesem Zusammenhang wird ein lokales Stipendium zur UnterstĂŒtzung kĂŒnstlerischen Schaffens zu einer finanziellen Ressource und einem Mittel zur Ăberwindung der geografischen Isolation. Es ermöglicht fidschianischen KĂŒnstler:innen, Werke zu schaffen, die ĂŒber digitale Plattformen oder Wanderausstellungen im Prinzip ein weltweites Publikum erreichen können, selbst wenn die KĂŒnstler:innen nicht reisen dĂŒrfen. Durch die Investition in lokale Talente und die Freiheit, ohne EinschrĂ€nkungen zu arbeiten, wird dieses Stipendium eine wichtige Rolle dabei spielen, fidschianische Stimmen im globalen kĂŒnstlerischen Dialog zu verstĂ€rken und eine lebhafte, vielfĂ€ltige Kulturlandschaft in Fidschi zu fördern.
Aber was bedeutet es, in einem so groĂen und komplexen Ozean wie dem unsere Lebendigkeit und Differenz zu fördern? FĂŒr Nailatikau hĂ€ngt das ganz stark damit zusammen, ihre Beziehung zur Stille zu verstehen und âzu erkennen, dass ich mir viel achtsamer, respektvoller und bescheidener eingestehen muss: Vielleicht braucht es keinen weiteren Podcast; vielleicht muss das nicht noch eine Sache sein, die zum Rauschen beitrĂ€gt. Was ist die beste und wertvollste Verwendung meiner Zeit und meiner TĂ€tigkeit hier?â 18
Viele finden, dass wir uns im Zeitalter des Rauschens befinden und mit Inhalten und Daten ĂŒbersĂ€ttigt sind. Ich glaube das Gegenteil. Ich glaube, wir befinden uns in einem Zeitalter des Zuhörens. Meine Begegnung mit AM Kanngieser und Mere Nailatikau sowie die vielen Wurzeln, die ihrer Arbeit zugrundeliegen, haben mir bestĂ€tigt, dass der Aufstieg der Indigenen Bewegungen fĂŒr SouverĂ€nitĂ€t nicht ignoriert werden kann. Die Menschen hören sich zu, verbinden und mobilisieren sich. Oceanic Refractions â als Projekt und als Methode â bietet uns viele Fenster mit Einblicken, wie dies in der Gegenwart geschieht, und viele Möglichkeiten, wie es in Zukunft noch geschehen kann.
- 1 Aus einem Talanoa zwischen der Autorin und den MitbegrĂŒnder:innen von Oceanic Refractions, AM (Amer) Kanngieser und Merewalesi (Mere) Nailatikau, vom 07.06.2024.
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- 3 Kalani mai Okalani, https://www.tiktok.com/@kalani_mai_okalani?lang=en (letzter Zugriff 06.01.2025).
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- 7
- 8
- 9 âFiji scores major Google investment but Pacific's connectivity remains unevenâ, Pacific Media Network, 20.08.2024, https://pmn.co.nz/read/pacific-region/fiji-scores-major-google-investment-but-pacific-s-connectivity-remains-uneven (letzter Zugriff 06.01.2025).
- 10 Sivaniolo Lumelume, âEnactment of traditional knowledge and cultural expressionâ, FBC News, 01.09.2023, https://www.fbcnews.com.fj/news/enactment-of-traditional-knowledge-and-cultural-expression/ (letzter Zugriff 06.01.2025).
- 11 https://www.oceanicrefractions.org/about (letzter Zugriff 06.01.2025).
- 12 Rede des australischen Ministers fĂŒr Verteidigung, internationale Entwicklung und den Pazifik Pat Conroy am McKell Institute am 07.08.2024 https://ministers.dfat.gov.au/minister/pat-conroy/speech/albanese-governments-pacific-agenda-reshaping-relationships-reshaping-how-we-see-ourselves (letzter Zugriff 06.01.2025).
- 13 Adele Ferguson, âModern slavery report uncovers dark side to PALM visa scheme leaving vulnerable workers homeless and destituteâ, ABC News, 22. 09.2024, https://www.abc.net.au/news/2024-09-23/palm-visa-scheme-exploitation-modern-slavery/104382194 (letzter Zugriff 06.01.2025).
- 14 https://www.tuvalu.tv/ (letzter Zugriff 06.01.2025).
- 15 C. Persico, âVanuatu, Fiji and Samoa say âecocideâ should be an international crimeâ, RNZ, 10.09.2024, https://www.rnz.co.nz/news/pacific/527573/vanuatu-fiji-and-samoa-say-ecocide-should-be-an-international-crime (letzter Zugriff 06.01.2025).
- 16 East-West Center, âPacific Climate Leaders Caution Media Against âDrowning Islandsâ Narrativeâ, 02.07.2022, https://www.eastwestcenter.org/news/east-west-wire/pacific-climate-leaders-caution-media-against-drowning-islands-narrative (letzter Zugriff 06.01.2025).
- 17 Aus einem Talanoa zwischen der Autorin und den MitbegrĂŒnder:innen von Oceanic Refractions, AM (Amer) Kanngieser und Merewalesi (Mere) Nailatikau, vom 07.06.2024.
- 18 Aus dem Talanoa zwischen der Autorin und AM (Amer) Kanngieser und Merewalesi (Mere) Nailatikau am 07.06.2024.
To cite this text:
Ugavule, Emele. âTelling Truths During the Climate Crisis: Reflections on Oceanic Refractions: Emele Ugavule featuring a conversation with AM Kanngieser and Mere Nailatikau.â transmediale journal issue #7: Content (January 2025), edited by Elise Misao Hunchuck. https://transmediale.de/en/journal/telling-truths-during-the-climate-crisis .