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Essay
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Affective Infrastructures
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Jen Theodor
Andere Geometrien

Wie wirken Geometrien auf uns? Welche geometrischen Formen können dabei helfen, souverĂ€ne Infrastrukturen zu ĂŒberwinden und kollektiv zu handeln? Femke Snelting bespricht diese Fragen im Zusammenhang ihrer Erfahrung als Ko-Moderatorin des Study Circles *Affective Infrastructures* bei der transmediale 2019. Ausgehend von den vielfĂ€ltigen Wirklichkeiten, HintergrĂŒnden, Generationen, HerkĂŒnften und Zeitzonen der Teilnehmenden stellt sie Versprechen von ZirkularitĂ€t infrage und betont das DrĂ€ngen auf Geometrien des nicht-romantischen Zusammenseins und der kontinuierlichen VerĂ€nderung. Snelting betont, dass neue Topologien nur auf der Grundlage kollektiven Begehrens und Handelns entstehen können, wenn verschiedene BeschrĂ€nkungen, Unsicherheiten und Möglichkeiten berĂŒcksichtigt werden.

„Ich möchte in diesem GesprĂ€ch eine Möglichkeit finden, nicht weiterhin um GefĂŒhle der Machtlosigkeit und der verkĂŒmmerten Empörung zu kreisen; wir brauchen ‚affektive Infrastrukturen‘, die uns helfen, anders zu fĂŒhlen, damit wir unerwartet handeln können – damit wir ĂŒberhaupt handeln können.“ Mit diesem Aufruf eröffnete Lou Cornum den archipelischen Austausch, der ebenfalls in diesem Journal veröffentlicht wurde.⁠1 Lou lud den Study Circle dazu ein, die dynamischen Spannungen zwischen „Affekt“ und „Infrastruktur“ zu erkunden, um einen Ausweg aus dem lĂ€hmenden GefĂŒhl zu finden, sich „im Kreis zu drehen“.

Ein Kreis ist eine einfache geometrische Form. Der Begriff „Kreis“ kann sich auf den Umriss einer Figur oder eine runde Form einschließlich ihres Inneren beziehen. Kreise werden mathematisch als die Menge aller Punkte einer FlĂ€che definiert, die den gleichen Abstand zu einem gemeinsamen Zentrum haben; dessen Rand oder Kreisumfang bildet sich aus dem Nachziehen der Kurve eines Punktes, der sich in einem konstanten Radius um die Mitte bewegt.

Circle: diagram. OptImager

Kreise sind in den Praktiken und Vorstellungswelten der KollektivitĂ€t allgegenwĂ€rtig. Doch ihr Nutzen fĂŒr das Denken und die Bewegung mit jener Art der „hoffnungvollen Ambivalenz“⁠2 , denen sich der Study Circle verpflichtete, ist begrenzt. Die Flachheit des Kreises bietet kaum Vokabular fĂŒr komplexere Beziehungskonzepte, die versuchen, Raum, Materie und Zeit einzubeziehen, ganz zu schweigen von speziesĂŒbergreifenden Begegnungen und anderen schwierigen BĂŒndnissen. Die Auflage, immer im gleichen Abstand vom Zentrum zu bleiben, verspricht eine Situation der Gleichheit; dies beruht jedoch auf einer Verschmelzung von Gleichheit und Ähnlichkeit. Kreise zerteilen Raum in ein Inneres und ein Äußeres. Sie stellen eine binĂ€re Trennung her, die niemals einfach ĂŒberwunden werden kann. Wir brauchen dringend andere Achsen, entlang derer wir uns bewegen können.

Dem Study Circle wurde der Weg durch ein Zitat von Lauren Berlant bereitet, in dem sie das kombinierte Konzept der „affektiven Infrastrukturen“ als Möglichkeit einfĂŒhrt, darĂŒber nachzudenken, was uns in beunruhigenden Zeiten zusammenschweißen könnte. In ihrem Text nimmt sich Berlant des komplexen Projektes an, ein Gemeingut jenseits der objektiven Äquivalenz von „Ähnlichkeit“ zu denken. Sie schlĂ€gt vor, belastbare Strukturen zu verwirklichen, die durch eine „nicht-souverĂ€ne RelationalitĂ€t als grundlegender Beschaffenheit des gemeinsamen Seins“ funktionieren können. Berlant fordert uns somit dazu auf, in anderen Geometrien der Beziehung zu denken.

Folded rock units: separated stratigraphy in upper and lower plates and restored to pre-folding configuration

Der Study Circle Affective Infrastructures hat jenseits seines Namens nie einen Kreis gebildet oder vollzogen. Seine komplexe Form wurde sorgfĂ€ltig zusammengestellt: Eingeladen wurden acht geografisch verstreute Menschen, die – unterschiedlich gern – verschiedene Sprachen sprechen und schreiben. Unsere vielfĂ€ltigen geschlechtlichen Wirklichkeiten, geopolitischen Situationen, disziplinĂ€ren HintergrĂŒnde, praktischen Erfahrungen und sogar Altersunterschiede bedeuteten, dass wir in Hinsicht auf „Affekt“ und „Infrastruktur“ jeweils spezifische Fragen mitbrachten.

Diffraction: destructive and constructive interference patterns

Auch die ĂŒberlappenden Anwesenheiten, Anliegen und Werkzeuge durchkreuzten die Kreisförmigkeit des Study Circles. Wenige Monate vor dem transmediale-Festival und am Tag nach den Wahlen in Brasilien trafen sich einige von uns persönlich in Berlin, wĂ€hrend andere online fernverbunden blieben. WĂ€hrend Benzinkanister auf Migrant:innen geworfen wurden, die versuchten, die Grenze zwischen Mexiko und den USA zu ĂŒberwinden, versuchten wir, die Folgen der Wahl Jair Bolsonaros zum brasilianischen PrĂ€sidenten fĂŒr uns selbst und fĂŒr unsere VerbĂŒndeten zu verstehen. Wir demonstrierten gegen die politische TrĂ€gheit angesichts des Klimawandels und kĂ€mpften gegen institutionelle und vergeschlechtlichte Gewalt. Wir kommunizierten ĂŒber verschiedene Zeitzonen hinweg, zwischen drei Kontinenten, mithilfe von einem Mailverteiler, privaten Nachrichten, Videokonferenz-Werkzeugen und vielen gemeinsam online bearbeiteten Notepads. Wir erlebten unregelmĂ€ĂŸige Schlafrhythmen, Erschöpfung und persönliche Besorgnis; es gab Netzwerkprobleme und gescheiterte Verbindungen. Hinzu kamen MissverstĂ€ndnisse, ĂŒberraschende Entdeckungen sowie ziemlich viele lustige Witze. Derweil liefen Visa ab und Familienmitglieder, Deadlines und Hunde bedurften ebenfalls unserer Aufmerksamkeit.

Networks

Inmitten unserer verstreuten Verbindungen entstanden nun andere Geometrien des Zusammenseins. Einige waren ausdrĂŒckliche, wohlbekannte Strukturen und andere trieben langsamer und unklarer an die OberflĂ€che. Betrachten wir kurz die Möglichkeiten verteilter Netzwerke . Deren ikonische ReprĂ€sentation zeigt sie als den abschließenden Schritt in einer Evolution, die sich sauber entlang der zunehmenden Autonomie und Belastbarkeit einzelner Knoten ordnet. Verteilte Netzwerke sind ein Produkt der technischen Planung des Kalten Krieges. Das grafische Argument lautet, dass sie weiter funktionieren, auch wenn ein Teil der Knoten bei einem Angriff zerstört wird. Verteilte Netzwerke beruhen auf souverĂ€nen Instanzen, die Belastung ausgleichen und Macht ĂŒber andere ausĂŒben. Die defensive Zeichnung erzĂ€hlt uns nicht viel ĂŒber die Möglichkeiten nicht-souverĂ€ner RelationalitĂ€t; die Art infrastruktureller Darstellungen, mit denen wir interagieren wollen, mĂŒssen weniger eindimensional und ĂŒberschematisch sein. Unsere verwobene Bibliografie orientiert sich an queerer, postkolonialer und feministischer Theorie, aber auch an Literatur. Die Windungen und Spannungen in den von uns erprobten Formulierungen werden von Arbeiten begleitet, die ausdrĂŒcklich Kritik an den Regimen des Normativen, des Lesbaren und des RegulĂ€ren ĂŒben.

Paranodes: the negative space of networks

Was geschieht zwischen den Knoten und Kanten? Zach Blas lĂ€dt dazu ein, unsere Aufmerksamkeit auf den Negativraum von Netzwerken zu lenken statt weiterhin die zentralisierende Kraft der Verbindungspunkte in den Fokus zu nehmen. Blas bezieht sich auf Ulises Mejias, wenn er diesen Raum „paranodal“ [(d.h. neben den Knoten)] nennt und einen Paradigmenwechsel einberuft, der jenes denkbar macht, „das nicht nur außerhalb des Netzwerks liegt, sondern auch jenseits der Form des Netzes selbst“.⁠3 Seine Vorstellung von den RĂ€umen jenseits der Knoten erinnert an Nepantla, den Ort der WiderstĂ€ndigkeit, den Gloria AnzaldĂșa in Borderlands/La Frontera: The New Mestiza aufkommen lĂ€sst. „Nepantlas sind Orte der fortwĂ€hrenden Spannung, wo die fehlenden oder abwesenden Teile zurĂŒckgeholt werden können, wo VerĂ€nderung und Heilung möglich sein könnten, wo Ganzheit nur außer Reichweite liegt, aber erlangbar erscheint.“⁠4

Wie können wir unsere Erfahrung der verkĂŒmmerten Empörung aus dem Einschluss in universalistisch-totalitĂ€ren Apparaten herauslösen, die von den dominanten fĂŒnf multinationalen US-amerikanischen Tech-Unternehmen (Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft) angeboten werden? Deren homogenisierender technikpolitischer Rahmen bringt die dunkle Angleichung zwischen Moderne, Heteropatriarchat, Kapitalismus und Kolonialismus wieder an die OberflĂ€che. Ihr fortwĂ€hrendes Versprechen der Gleichheit-durch-VerĂ€nderlichkeit, des optimierten Affekts und der monetarisierten Beziehungen machen es immer schwieriger, Undurchsichtigkeit, Bedingtheit, Uneindeutigkeit und schmutzige ZukĂŒnfte jenseits wieder neuer Möglichkeiten der MachtausĂŒbung ĂŒber andere zu denken (sei es in der Form von Eigentum, Elternschaft, Gesetz, Spezies, Geschlecht oder Staat). Wir mĂŒssen dringend unsere infrastrukturellen Begehren an anderen Ausrichtungen orientieren.

Mycellium: overlapping mushroom root structure

An dieser Stelle kommt der Pilz ins GesprĂ€ch – als eine Möglichkeit, uneinheitliches Zusammenarbeiten unter prekĂ€ren Bedingungen zu konzipieren. Schimmel und Myzelien sind mehr als rhizomatisch. Sie scheinen sich wirkungsvoll mit giftiger Erde, beschĂ€digten BĂ€umen und verschmutzter Luft zu vermischen, als ob sie ehrgeizige Angestellte bei einer Feierabend-Cocktailparty wĂ€ren. Kontaminierung ist definitiv Teil der Gleichung fĂŒr eine Pilzinfrastruktur. Diese hypertextuellen Naturkulturen erinnern uns auch an die Tatsache, dass die Vermischung von Schichtungen eine gewaltvolle und nicht unbedingt freiwillige Angelegenheit sein kann. Mit Anna Lowenhaupt Tsing fragen wir uns, wie solche unordentlichen Geometrien mit Extraktion betraut sein können, ohne in die bloße Berechnung zurĂŒckzufallen. Es ist sonderbar, wie schwierig es ist, solche nicht-romantischen Formen des Zusammenseins nachzuvollziehen.⁠5

Lettuce coral: at a deeper location, more discoidal leaves form

Wir springen vom umschichtenden Schlamm der Pilze zu den verlockenden Versprechen hyperbolischer Geometrie durch die gerĂ€umigen Falten der Tragetasche, von innen nach außen und wieder zurĂŒck. „Ein Blatt eine Kalebasse eine Muschel ein Netz eine Tasche eine Schlinge ein Sack eine Flasche ein Topf eine Schachtel ein GefĂ€ĂŸ. Ein BehĂ€ltnis. Etwas Empfangendes.“⁠6 Ursula K. Le Guin zieht verschiedene Bilder von HĂŒllen heran und fordert uns dazu auf, Strukturen in Betracht zu ziehen, die Instanzen jenseits der Gleichheit zusammenhalten können. Ihre porösen BehĂ€ltnisse erinnern an Berlants Aufruf zur nicht-souverĂ€nen RelationalitĂ€t und lassen eine diffraktive Topologie miteinander verbundener OberflĂ€chen aufscheinen. Könnte die zugreifende DimensionalitĂ€t affektiver Infrastrukturen die gleichzeitige Behauptung solider Ebenen in Wallung versetzen?⁠7

Und dann gibt es noch die Gezeiten-Vorstellung des Archipels. Mit Édouard Glissant denken wir ĂŒber Beziehungsnetze in einem Zustand der permanenten Transformation nach. Unsere affektiv-infrastrukturellen Vorstellungen werden von der unvorhersehbaren Verbindung verĂ€nderlicher Strömungen bewegt, von einer heißen Brise und der sich verĂ€ndernden Landschaft vieler Inseln. Sie beugen sich gemeinsam einer grenzenlosen MĂ©tissage ⁠8 ; vielleicht handelt es sich hier nicht um eine andere Geometrie, sondern gleich um eine andere Welt? „Archipel-Denken passt gut zu den Gewohnheiten unserer Welt. Es nimmt die Uneindeutigkeit, die Zerbrechlichkeit, die Zerstreutheit [derivĂ©] an. Es ist im Einklang mit der Praxis des Umwegs, die nicht mit der Flucht oder der Resignation gleichzusetzen ist.“⁠9

Unsere andauernde Erfahrung, verschiedene MaßstĂ€be und IntensitĂ€ten miteinander zu verknĂŒpfen, ohne zu versuchen, sie ineinander fallen zu lassen, machte zunehmend deutlich, dass wir das Wie und das Was des Study Circles verbinden mussten, um der Herausforderung gewachsen zu sein, „Affekt“ und „Infrastruktur“ zusammenzudenken. Zerstreuung, Unsicherheit, PrekaritĂ€t, Hemmung, InstabilitĂ€t, Differenz 
 Wie kann durch und in den BeschrĂ€nkungen des nicht-kreisförmigen Zusammenseins gedacht werden?

Als der Study Circle seine Überlegungen bei einer öffentlichen Diskussion vorstellte, wurden wir gefragt, ob wir irgendwelche Ideen hĂ€tten, wie die dynamischen Spannungen zwischen „Affekt“ und „Infrastruktur“ in tatsĂ€chliche Werkzeuge und Software umgesetzt werden könnten. Wir antworteten zögerlich; nicht, weil wir die Wichtigkeit der Konkretisierung verneinen wollten, sondern weil wir fĂŒr eine Vorstellung von Zusammensein in Differenz erst unsere Bezugsrahmen verĂ€ndern mĂŒssen, hin zu solchen, die nicht von gĂ€nzlich abwesender Exzentrik abhĂ€ngig sind. Diese Verschiebung von Geometrien ist ein notwendiger Schritt, um technologische Darstellungen von nicht-utopischen Modellen zu entwickeln, die ĂŒber die verfestigenden Annahmen von Gleichheit und Gegenseitigkeit hinausgehen. Wenn affektive Infrastrukturen uns die Mittel geben können, ĂŒberhaupt zu handeln, dann werden sie zugleich komplex und konkret sein mĂŒssen oder sie werden nicht sein.⁠10

  1. 1
    Lou Cornum, in: „Affective Infrastructures: A Tableau, Altar, Scene, Diorama, or Archipelago“, in transmediale journal (2018).
  2. 2
    Lauren Berlant, „The commons: Infrastructures for Troubling Times“, in Environment and Planning D: Society and Space 34/3 (2016): 393-419.
  3. 3
    Zach Blas, „Contra-Internet“, in e-flux Journal #74 (Juni 2016).
  4. 4
    „Nepantlas are places of constant tension, where the missing or absent pieces can be summoned back, where transformation and healing may be possible, where wholeness is just out of reach but seems attainable.“ Gloria AnzaldĂșa, „Light in the Dark/Luz en lo Oscuro: Rewriting Identity, Spirituality, Reality“ (Durham: Duke University Press, 2015).
  5. 5
    Anna Lowenhaupt Tsing, The Mushroom at the End of the World On the Possibility of Life in Capitalist Ruins (Princeton University Press, 2017)
  6. 6
    Ursula K. Le Guin, „The Carrier-Bag Theory of Fiction“ (1988)
  7. 7
    „Das Einrollen ermöglicht das Ausrollen; die Bewegung des Lebens zeichnet eine Gestalt nach, die einem hyperbolischen Raum gleicht, geriffelt wie die Falten eines gekrĂ€uselten Salatblatts, eines Korallenriffs oder wie ein Ausschnitt aus einem HĂ€kelmuster.“ Donna J. Haraway: Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im ChthuluzĂ€n. Aus dem Englischen von Karin Harrasser. Frankfurt am Main, Campus Verlag, 2018: 87
  8. 8
    A.d.Ü. MĂ©tissage bezieht sich im Französischen auf die kolonial bedingte Zusammenkunft und Nachkommenschaft vieler verschieden rassifizierter Menschen – u.a. im gedanklichen Bezugskontext Glissants: den Archipelen der französischsprachigen Karibik.
  9. 9
    Édouard Glissant, PoĂ©tique de la Relation (Gallimard, 1990) / Poetics of relation (MIT press, 1997)
  10. 10
    Jara Rocha (persönliches GesprÀch, 2019)