Der erste Almanac Textbeitrag Natur auflösen: über Verweigerung als Rückkehr schlug uns ein Verständnis von Verweigerung vor, das von Großzügigkeit – und Unbehagen – durchdrungen war. Im Kontext der andauernden Pandemie verankert, lädt uns der Text ein, mit unserem Unbehagen umzugehen. B Covington Sam-Sumana verschiebt in seinem poetischen Essay Als Nächstes: Datenmöbel den Fokus von uns selbst auf „unsere Möbel” (und zurück). Covington Sam-Sumana bewegt sich mit uns, manchmal schnell, manchmal langsam, Zeile für Zeile, zwischen den multiskalaren Beziehungen und Spannungen, die zwischen Technologie und Körper bestehen – und schon seit geraumer Zeit Bestand haben. Modernes Design und seine vielen Formen spiegeln sich im luxuriösen Exzess von Sprache und Medieneinsatz und bringen so Covington Sam-Sumanas Vorstellungen von Verweigerung zum Vorschein. Denn jetzt, in 2021, sind wir „endlich in der Lage, die funktionalen und phänomenologischen Grundlagen, die uns die spärlichen Hinterlassenschaften des modernistischen Techno-Utopismus aus der Mitte des Jahrhunderts bieten, in angemessener und verantwortlicher Weise anzunehmen und zu benennen”. Lasst uns, wie Covington Sam-Sumana uns anhält, „seltsame Kräfte und Möglichkeiten zur Transformation und Erweiterung [unseres] Körperbewusstseins” suchen und finden.
I
Neo-pragmatist Sami Pihlström
stated that culture is continuously reconstituted
through our social action and linguistic encounter with
the symbolic world.1
These social and linguistic
Encounters with a ‘world’ imply
1.a direct connection between the decisions of dividual agents and community biologies and
2.terrains of the social, linguistic, and symbolic existing across the spectrum of the microorganic and the macroorganic.
There is the conception of culture as a phenomenon and a feature of any community biology,
Whether specifically anthropocentric, generally zoological, or other.
Media collapses distances between individuals
And artefacts of culture
In the form of narratives, information, and interfaces
As media technologies themselves advance
So do the bandwidth of artefacts capable of being transduced.
We move from using media and culture to
Relay simple symbols
Toward relaying more complex, multimodal symbols.
Given an argument
That the ‘cultural reconstitutions’ of Pihlström
Operate not only in the direction of the dividual to the communal but
Also antedirectionally,
Then it is deducible that our symbols have the capacity to
Transform us at the level of the behavioural
And therein at the level of
The epigenetic and the ontogenetic:
Influencing our
Decisions, productions, and re-productions.
Undermining the Apollonian ergonome
What then becomes warranted are the
Presence of machinics
Which unceasingly recast
Bone,
By denaturing it into cartilage
So as to yield
Foul slurries of plasma.
Upon reinjection Into the body, This is plasma which serves As carrying matrix for Foreign innoculates accumulated along the way To recurse into new bone and different marrows. Giving fresh blood. ... As Octavia Butler says And Rae Hsu echoes in Yellowsoup2 “All that you touch, you change. All that you change, changes you.”3
...
Dualismus zwischen Körper und Apparat
Nach der Charakterisierung in Definitionen
Wie der des Designhistorikers John Harwood
Ist eine „Schnittstelle“, streng genommen, eine
„Stelle, an der der menschliche Körper mit einem komplexen mechanischen Apparat interagiert“.4
Höchst kurios ist hier
Die kategorische Verlusthaftigkeit,
Die durch diese Art der Definition entsteht.
Sie passt zu einem Ergonom, das
Häufig obsolet wäre,
Geriete es nicht in den Strudel um die eigene Obsoleszenz,
Sobald der Prototyp das letzte
Stadium seines Produktionszyklus erreicht hat.
In einer industriellen Standardökologie
Führt die Verwendung solcher Produkte
Zur Emission von Nebenprodukten und
Wegwerfmaterialien,
Einzuordnen als Abfallprodukt
oder Müll:
Ein typisches Ergebnis
Der Dekantierung von Plasma aus Knochen.
II
Die Hitze einer lauten, chaotischen, feuchten Stimme
Erklärt
„Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen
Dass aufgrund der
Verlusthaftigkeit der Interaktion Ihres mechanischen Apparates mit der
Formalisierten Vision des menschlichen Körpers außerhalb von Ihnen
Leider Ihre Fähigkeit, die Signale zu beobachten, zu erkennen und zu metabolisieren, die
Ihre Teilnahme am
Hominiden-Blob-Metaversum ermöglichen (das bis jetzt große Teile der Jugendkultur und der nationalen Wissenschafts- und IT-Ministerien zu dessen Materialisierung genutzt hat),
Dass diese Fähigkeit etwa so effektiv ist
Wie die Produktion eines Werbespots für Info-Spam zu einer Candy-Crush-Plagiat-Dreierkombi
Mit der Sorgfalt und dem Budget einer Verfilmung von Shakespeares Othello.
Verschwendung!
Die Regierung der
Republik Südkorea
Plante Ende 2020,
‚Im Jahr 2021 mehr als 400 Mrd. Won in die XR-Industrie zu investieren‘5 , in einer Zeit, in der ihre
Staatliche Medienpolitik
Direkte Auswirkungen auf die Ausrichtung.
Des gesamten globalen
Kulturspektrums hat.
Und das auch in
kommerzieller, geophysikalischer und soziopolitischer Hinsicht
In einem unvorhersehbar exponentiellen Ausmaß.“
Das ist nur eines von vielen Dingen,
Die ein Geburtshelfer beim
Ultraschallen der Menschheit
Anfang 2021 sagen könnte!
Worauf er
Von einer einsamen Stimme in der Menge
Vielleicht gefragt wird,
„Aber was, Geburtshelfer,
Kann gewährleisten,
Dass es eine gesunde Geburt wird?“
Während aus dem hinteren Teil des Raumes
Vielleicht eine Kakophonie donnert:
„Warum reden wir überhaupt vom
‚Horror-Ausmaß‘, wenn das
Gespräch unnötig ist? Wir
Wissen nicht einmal, was das ist.”
Und diese Bedenken sind berechtigt.
Natürlich!
Vor allem letztere.
Denn warum sollte man die
Fähigkeit von Individuen fürchten,
In Gefäße für das Chaotische anzuschwellen;
Befreit von den Geboten der Zeit
Und im Unklaren darüber, ob es sich bei ihnen um
Entzündungen
oder
organisch plasmatische Auswüchse handelt.
2021 geschieht dieses Anschwellen manchmal
Ohne die Freiheit der Wahl von
Individuen, die
Kollektiv denken
Und kollektiv
Die Zeit unterteilen
Und kollektiv
Apollonische Ergonomie modulieren
In Übereinstimmung mit
Micromedias willkürlichen Formatierungsdiktaten
Und konsequenter Memetik.
Was für ein Horror kann dabei schon herauskommen?
Auch könnte der Geburtshelfer
Nach einem Moment stillen Dasitzens
Überlegen, uns die Tatsache mitzuteilen,
Dass wir unsere Erkenntnis abladen
In die Umgebung um uns herum,
Und sie nach dem
Need-to-know-Prinzip ernten.6
Wir haben im Durchschnitt
Mehr als bewiesen, dass wir schlecht vorbereitet sind
Auf den angemessenen Umgang mit Transversalen zwischen
Mikro- und Makroorganischem,
Den Loci bewusster Kontrolle.
Wie wir sehen können, sind die verlustreichen Reibungen,
Die zwischen diesen skalaren Modalitäten gefördert werden,
An der Wende zum dritten Jahrzehnt dieses Jahrtausends
Schlichtweg abscheulich.
Eine kulturelle Pathologie,
Die der Geburtshelfer diagnostizieren könnte
Angesichts der beeinträchtigten Fähigkeit der Menschheit zur
Ordnungsgemäßen Bewahrung und Verarbeitung der
Hämorrhagien von wildem plasmatischem Datenmüll,
Den die Menschheit produziert.
Und das nicht, weil es an Ressourcen mangeln würde,
Sondern vielmehr, weil diese nicht gleichmäßig verteilt und
Für alle Datenproduzierenden mit hoher Bandbreite leicht zugänglich sind.
Plattform-Kapitalist:innen haben haushohe Mengen an Servern
Und Bibliotheken Heuristiken für den Datenerhalt
Wie die Levels of Digital Preservation der NDSA
Zu ihrer Orientierung.
Aber während einzelne Subjekte vielleicht Verträge mit Plattform-Kapitalist:innen haben
Oder kuratierte Medienserver-Lösungen für Endnutzer
Zur Unterbringung ihrer wilden plasmatischen Daten,
Gibt es bisher nur wenige gute Lösungen zur Verhandlung ihres Erhalts
Auf emotionale Weise,
Implizit verschlüsselt und ergonomisch.
Immergrün auf eine Weise, die bedeutet,
Dass sie auch technologisch immergrün sind.
Das ist wichtig, wenn es um einzelne Subjekte geht, deren Reichweite.
Mit der eines Großkonzerns mithalten kann,
Deren Zeit aber knapp ist.
Sie haben vielleicht nicht einmal eine Stunde Zeit (schluchz), um auch nur
Die Konstellation von
Digitalen Materialien zu organisieren, die es ihnen erlauben würden, sich
Mit totaler Handlungsmacht und Autorität
In den sozialen Raum zu werfen.
Dazu habe ich eine Frage:
Wie könnte eine hypothetische
Organschnittstelle zwischen Archiv und
Organisation ermöglichen,
Den plasmatischen Datenmüll industrieller Entitäten mit hoher Bandbreite zu erhalten,
Deren Ausmaße sich variabel und fließend zwischen Makroorganisation,
Mikroorganisation und häuslichem Bereich bewegen,
Zur Produktion hocheffizienter interner Ökonomien, Energie
Unabhängig von den individualistischen, anarcho-libertären.
Agonismen der Dezentralisierung?
III
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stellten Kulturschaffende des Mid-century Modern eine techno-utopische ästhetische Agenda zusammen, die ihrer allgemeinen Absicht zuwiderlief, eine multisensorische und populäre Sprache für die industrielle Moderne des kommenden Informationszeitalters zu entwickeln, und vor dieser formuliert wurde.
Die Verbindung einer derartigen Agenda mit Techno-Utopismus war nicht allein auf die bösartigen Auswüchse zurückzuführen, die Technologien der Automatisierung und Industrialisierung mit sich bringen können.
Die Begeisterung für „revolutionäre Artefakte, die eine Anpassung an die neuen, technischen Umgebungen der Nachkriegszeit ermöglichen“7 , ging einher mit einer optimistischen Betrachtung des Kybernetischen, wie Justus Nieland von der Michigan State University uns 2020 im Rahmen einer erweiterten Analyse der filmischen Arbeiten des Eames-Teams für Mid-century Modern Design in Happiness By Design wissen lässt. Wenn wir ausgewählte Werke von Ray und Charles Eames heute rückblickend betrachten, sind es vor allem Möbelstücke, die uns helfen können, diesen Aspekt des Techno-Utopismus zu analysieren. Ihr gestalterischer Ausdruck manifestiert sich auf der Ebene des Mikroorganisatorischen und Häuslichen.
Die Aufmerksamkeit, die ihre berühmte Solar Do-Nothing Machine erregte, bietet genau das: zunächst einmal eine Geste, wie Nieland bemerkt, in Richtung einer „kommenden utopischen Umwelt“.8 In erster Linie ist es der Versuch, „Menschen in den Apperzeptionen und Reaktionen zu schulen, die sie brauchen, um mit einem riesigen Apparat umzugehen, der in ihrem Leben nahezu täglich mehr Platz einnimmt“,9 und in zweiter Linie ein Ausdruck der Verschleierung des zugrundeliegenden faschistisch-geografischen Materialismus durch den Techno-Utopismus der Nachkriegszeit.
Im Klartext: Das Objekt liefert eine Glorifizierung der artificia des Eamschen Designs, die daraus resultierende Repräsentation des ausführenden Genies, die durch das Objekt zum Ausdruck gebracht wird. Die Design-Agenda im Stil des Mid-century Modern bot – für die Zeit nach der vermeintlichen allgemeinen Niederlage des Faschismus und vor der Formulierung der Absicht zur Entwicklung einer multisensorischen und populären Sprache für die industrielle Moderne – ein materialistisches Programm, das seinen Sieg zur natürlichen und offensichtlichen Konsequenz einer inhärent liberal-ideologischen Überlegenheit erklärte.
Sofort deutlich wird dies im unerbittlichen faschistisch-klassistischen, Schwarzenfeindlichen Unterton der Solar Do-Nothing Machine, in der die Disziplin des Sich-Bräunens auf eine für die Freizeitergonomie problematische Weise mit der Erzeugung von elektrischer Energie verquickt ist: Die Maschine wurde entworfen, damit sich die Nutzer:innen zurücklehnen und entspannen können. Während sie sich bräunen, bewegen sich die Flügelräder der Maschine, und am Schwärzerwerden ihrer Körper misst sie ihr törichtes Tun.
Als Vorrichtung, bei der Multifunktionalität eine Rahmenbedingung ist (ähnlich wie beim Smartphone, dem Schweizer Taschenmesser oder der Videospielkonsole), ist die Solar Do-Nothing Machine höchst relevant, wenn es darum geht offenzulegen, dass die industrielle Moderne dazu neigt, Neuheit mit den Mitteln der Verschleierung zu produzieren. Sie ermöglicht es, gerade durch ihre formale Kategorisierung als Spielzeug, darüber hinwegzusehen, dass die Maschine die Nutzer:innen letztendlich zwingt, eine Körperhaltung einzunehmen, die an die des goldenen Winkels grenzt, wollen sie den größten Nutzen aus der Maschine ziehen.
Dieser Zwang ist eine unsichtbare Umgebungsbedingung, die weitgehend auf dem verkörperten Wissen der Nutzer:innen beruht, die vielmehr die Funktionalität der Vorrichtung als Möbelstück statt nur dessen Präsentation als Spielzeug wahrzunehmen. Der Wert dieser Umgebungsbedingung liegt genau in diesem Detail der Informationsarchitektur des Geräts. In gewissem Sinne sind die Daten dieser Bedingung gespeichert, kodiert und als verkörperte Erkenntnis zugänglich. Und diese Zugänglichkeit – das Wissen, sich ohne Aufforderung in einem bestimmten Winkel zurückzulegen – stellt vielleicht das letztendliche Ziel eines Systems dar, in dem unsere Möbel umfassender ihrer Arbeit als Gedächtnispaläste für die vielen Plasmen wilder Daten nachkommen, die wir im Laufe unseres Lebens ansammeln. Das hat weniger mit der Beschleunigung unseres Konsums und unserer Produktion im Sinne von Geschwindigkeit zu tun, wie Virilio oder Calvino im letzten Jahrtausend nahelegten, sondern mehr mit der Gewissheit, dass unser physischer und immaterieller ergonomischer Sinn gut kultiviert ist. Es geht mehr um die Gewährleistung unserer Fähigkeit, uns fließend zwischen unterschiedlichen Ausmaßen organischer Handlungsmacht zu bewegen. Wir enden mit Exoskeletten, die unseren Körpern fremd sind. Wir schauen auf Möbel, die unsere Erkenntnis und unseren Müll abladen und sich mit der Pluralität unserer Erfahrungen und der daraus resultierenden Produktionsprozesse quälen.
2021 sind wir endlich in der Lage, die funktionalen und phänomenologischen Grundlagen, die uns die spärlichen Hinterlassenschaften des modernistischen Techno-Utopismus aus der Mitte des Jahrhunderts bieten, in angemessener und verantwortlicher Weise anzunehmen und zu benennen. Anstelle von frischem Resopal und Polyurethan könnte man Materialien in einem nicht wiederverwertbaren oder trägen Zustand nehmen, um sie im Sinne der produktiven Verstärkung älterer virtueller Erfahrungen zu verwerten, so wie bei der Solar Do-Nothing Machine von Ray und Charles Eames.
In den XR-Technologien, die Anfang 2021 noch nicht in angemessenem Umfang realisiert sind, schlummert das Potenzial, Nutzer:innen seltsame Kräfte und Möglichkeiten zur Transformation und Erweiterung ihres Körperbewusstseins zu verleihen.10 Designer:innen warten sehnsüchtig auf die Steigerung der Rendergeschwindigkeiten –, aber auch auf deren Demokratisierung? Warten, das können wir nicht mehr. Wir sollten diese Transformation in eine langsame, aber agile, multiskalare Spezies vollziehen. Vergesst die hohen Kosten und nutzt die hohe Bandbreite, denn wir täten gut daran, langsam zu sein... Lasst uns ihrer Vernachlässigung ein Ende bereiten und das Potenzial der Datenmöbel freisetzen.
- 1 S. Pihlström, ‘On the Concept of Philosophical Anthropology’, Journal of Philosophical Research, vol. 28, 2003, p. 259-286.
- 2 Fermentatrix, ‘Yellowsoup’, R. Hsu, 2019, https://yellowsoup.cargo.site/ , (accessed 12 November 2020).
- 3 O. Butler, Parable of the Sower, 3rd edn., New York, Warner Books, 2000, p. 3-4.
- 4 Vgl. John Harwood, „R and D: The Eames Office at Work“, in: Reto Geiser (Hg.), Explorations in Architecture: Teaching, Design, Research, Basel 2008, S. 200.
- 5 Vgl. Yonhap, „S. Korea to spend over w400b in XR industry in 2021“, in: Korea Herald, 10. Dezember 2020, http://www.koreaherald.com/view.php?ud=20201210000379&np=1&mp=1 (abgerufen am 10. Dezember 2020).
- 6 Vgl. Margaret Wilson, „Six Views of Embodied Cognition“, in Psychonomic Bulletin & Review, Band 9, 2002, S. 625-636.
- 7 Vgl. Justus Nieland, „Happiness by Design: Modernism in the Eames Era“, in: Happy Furniture: On the Media Environments of the Eames Chair, Minneapolis 2020, S. 44.
- 8 Vgl. ebd., S. 82.
- 9 Vgl. ebd., S. 44.
- 10 Vgl. Rachel Hendery und Andrew Burrell, „Playful interfaces to the archive and the embodied experience of data“, Journal of Documentation, Band 76, Nr. 2, 2019, S. 486.

