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Jennifer Theodor
Kerogene Verbindungen

In ihrem Text Kerogene Verbindungen⁠1 praktizieren Zoe Todd, Ozayr Saloojee und ÉmĂ©lie Desrochers-Turgeon Verweigerung im Sinne von AM Kanngiesser in Natur auflösen: ĂŒber Verweigerung als RĂŒckkehr als RĂŒckgabe, Wiederherstellung oder RĂŒckkehr. Die Autor:innen knĂŒpfen an das VerstĂ€ndnis von Kerogen – der natĂŒrlichen Substanz, aus der Erdöl und Erdgas entstehen – als Teil der Erde, als uralte, versteinerte Wesen, als Verwandte an. Durch aktives Zuhören, Einstimmen und Erinnern werden chemische Beziehungen entfaltet, und die Kritik wird von der Giftigkeit der Materie auf die schĂ€dliche extraktivistische Logik der Wirtschaft mit fossilen Brennstoffen gelenkt.

Im Januar 2021 schrieb AM Kanngieser ĂŒber ein alternatives Konzept der Verweigerung [refusal] und bezog sich auf ein vergessenes lateinisches VerstĂ€ndnis des Begriffs, der eine RĂŒckkehr, ein ZurĂŒckströmen oder Gießen [re-pouring] beinhaltet: „Die Auffassung von Verweigerung als Wiederkehr – das (ZurĂŒck)kehren zu etwas (Un)bekanntem, da nichts selbstĂ€hnlich oder absolut auf sich zurĂŒckkehren kann – erschĂŒttert jene Widerstandsnarrative, die mit GegensĂ€tzen operieren.“⁠2 In diesem Text ĂŒberlegen wir, wie wir dieses Konzept der Verweigerung als Wiederkehr, als Gießen und Neu-Verbinden fĂŒr vergangene Ausgestaltungen von Raum, Zeit und Materie denken können. Wir ĂŒberlegen, wie wir uns neu mit den versteinerten Wesen verbinden können, die von jenen rassistischen und kolonialen Genealogien und Energiesystemen zu Waffen gemacht wurden, die heute die Erde und ihre Böden, GewĂ€sser und AtmosphĂ€ren prĂ€gen.⁠3 WĂ€hrend die Delegierten von Staaten des Globalen Nordens bei der COP 26 darum ringen, mit irgendeiner IntegritĂ€t ĂŒber ihre ĂŒberdimensionierte Rolle in der Verursachung und Aufrechterhaltung diverser Klimakrisen in verschiedenen Ökosystemen, verschiedenen Kontinenten und tatsĂ€chlich auf der ganzen Erde sprechen zu können; schlagen wir ein Gießen (Neu-Modellieren) und Umgestalten der imperialen rassistischen VerstĂ€ndnisse von fossilen VerhĂ€ltnissen vor, die die aktuelle Klimakatastrophe ĂŒberhaupt erst angerichtet haben.

In diesem Text erlĂ€utern wir die kollaborative Auseinandersetzung mit unserer zur Waffe gemachten, fossilen Verwandtschaft und der KerosphĂ€re. Wir beziehen uns auf AM Kanngiesers und Zoe Todds Konzept der Erforschung unserer Umwelt als Verwandtschaft [environmental kin studies] sowie weitere Überlegungen anderer Denker:innen, um uns vorzustellen, wie die wĂ€chsernen Verbindungen neu-gegossen und neu-organisiert werden können, die die gegenwĂ€rtige fossile Wirtschaft und ihre politischen Umwelten anfeuern. Wir möchten die kerogenen VerhĂ€ltnisse in ganz verschiedenen angestammten Homelands⁠4 zu Prinzipien der vielschichtigen Wechselseitigkeit, Abrechnung und Neu-Artikulierung hinleiten.

Kero-Szenarien entstehen lassen

Was bedeutet es, zu diesem Zeitpunkt der planetarischen Neu-Organisierung ĂŒber fossile Wesen, organische Materie, fossile Brennstoffe zu schreiben? Wie können wir diese Verwandtschaft und unsere Verbindungen dazu in Ausgestaltungen neu-gießen, die die rassistischen Logiken der Extraktion und Aneignung⁠5 stören, wenn die gegenwĂ€rtige Geontologie der weißen Vorherrschaft und des Kolonialismus das Leben vom vermeintlichen Nicht-Leben von Gestein, Öl und SchlĂ€mmen trennt, um Reichtum und Macht fĂŒr kolonial-kapitalistische Regime zu gewinnen?⁠6 Wir denken in unseren Arbeiten durch die Substanz des Kerogens, deren Name im 20. Jahrhundert von den griechischen Wörtern fĂŒr ‚Wachsgeburt‘ abgeleitet wurde⁠7 und die die grĂ¶ĂŸte Konzentration organischer Materie auf der Erde darstellt.⁠8 Kerogen ist die Substanz, aus der sich Erdöl und Erdgas bildet.⁠9 Wir verorten uns innerhalb der Böden, GewĂ€sser und Luft, die unser Denken und unser Handeln prĂ€gen, um uns vorzustellen, wie wir unsere Beziehungen zum Kerogen jenseits der gegenwĂ€rtigen, dominanten Logiken von Kapital und Extraktion, von imperialer Landnahme und weißer Vorherrschaft neu-gießen können.⁠10 Dadurch erkennen wir, was erforderlich ist, damit wir uns selbst auf eine Weise neu-organisieren und neu-gießen können, die unseren Verpflichtungen gegenĂŒber dem vergangenen Leben gerecht wird, das durch Zeit, Hitze und Druck in jene kerogenen Wesen verwandelt wurde, aus denen sich heute die fossilen Energiewirtschaften und Ideologien speisen.

Ozayr: Ich sitze in meinem BĂŒro und blicke auf die langsam trocknenden, rot werdenden BlĂ€tter der Hortensien, auf PrĂ€riegras und auf die harten, spröden Stiele eines SedumgewĂ€chses. In dem Garten habe ich vergangenes Wochenende mit meiner Frau und unseren Kindern gearbeitet, ihn zurĂŒckgeschnitten und winterfest gemacht. Ich lebe ein paar Kilometer entfernt von Ottawa, einer siedlungskolonialen Hauptstadt mit ihren Böden aus GletschermorĂ€nen, Schlufflehm, Torf, Schwemmland und Mergel.⁠11 In diesem Boden ist Meer – fossilisiert zu kieselsauren Formen von Stromatolithen und Orthoceridae, in geriffeltem Kalkstein erhaltene Spurenfossilien. Sie liegen unter Wohngebieten begraben und unter dem Rideau-Kanal und seinen EindĂ€mmungen von 1830, die das Wasser der FlĂŒsse Pasapkedjinawong und Cataraqui in eine kanalisierte Bahn lenken, die heute eine Verbindung zum St.-Lawrence-Fluss bietet. Und zu einem anderen ‚Ich‘ dieses Textes, das in Tiohti:ĂĄke in Mooniyang, nur 200 Kilometer entfernt, am Schreibtisch sitzt. Ich denke an die langsame Erde und das mĂ€andernde Wasser, das seine Biofilme und cyanobakteriellen Schichten aus Orthoceridae und Stromatolithen mit sich durch den von John By geplanten Kanal trugen. Ich tippe diese Worte in einen Computer, der mit Seltenen Erden gefĂŒllt ist – mit Lanthan (57), Cerium (58), Neodym (60), Samarium (62), Europium (63), Terbium (65) und Dysprosium (66), Aluminium (13), Kupfer (29), Kohlenstoff (6), Sauerstoff (8), Stickstoff (7) und Wasserstoff (1) – und aus MolekĂŒlen hergestellt wurde, die womöglich mal Meereskreaturen, Algen und Tang gewesen sind. Mein Computer ist mit langsamer Erde und langsamen Wesen gefĂŒllt. WĂ€hrend ich tippe, bewegen sich die Worte nach Osten.

ÉmĂ©lie: Ich sitze in einem Raum in Tiohti:ĂĄke in Mooniyang (Montreal) am langen Ufer des Kaniatarowanenneh. Seine aufgeschwemmte Version, das Champlainmeer, ist den OberflĂ€chen der Stadt eingeschrieben – durch Foraminiferen, Mollusken und Wirbeltierschotter, die in dem roten Ziegelschiefer meines Wohnhauses erstarrt sind. Als Zeitreisende und Formwandelnde existieren sie beharrlich weiter und umgeben mich, wenn ich die Straßen entlanglaufe. Ich kann Spuren runzliger Korallen im Sandstein einer Fensterverschalung erkennen, einen geĂ€stelten Trepostomatid im Kalkstein einer Domkirche, KopffĂŒĂŸer und Korallenfossilienteile im Tyndall-Kalkstein eines großen WohngebĂ€udes und Seeschnecken-Makluritide und rafinesquina alternata in der Trenton-Kalkstein-Fassade eines Museums.⁠12 Ich bin diesen erstarrten Kreaturen zu Dank verpflichtet, die – jenseits meiner Vorstellungskraft – vor 13.000 bis 10.000 Jahren lebten und zahllose Horizonte prĂ€gten und von ihnen geprĂ€gt wurden. Ich denke an diese in Teilen erstarrten Beziehungen, die weiterhin fließen – ich kann sie noch immer hören, in den Ascheböden und unterirdischen FlĂŒssen. Mein Blick wandert und weist auch gen Osten. Ich denke ĂŒber meine Verantwortung gegenĂŒber dem fleuve Saint-Laurent nach, dessen Bett meine französischen Vorfahren flussaufwĂ€rts reisten. Es trĂ€gt noch immer die Sedimente von zerbrochenen Beziehungen und kolonialer Gewalt, von Landraub und Ökozid. Ich schaue nach rechts und wenn ich wie eine Prophetin sehen könnte, wĂŒrde ich an Odawa und trocknendem Sedum und nachmittĂ€glichem Herbstlicht vorbeischauen. Mein Blick wĂŒrde den Gipfel des Gitchee Gumee und seine kontinentale Teilung nur streifen und dann bei einer ozeanischen Salzablagerung landen – der Erinnerung an den Western Interior Seaway.⁠13 Bevor diese „große geologische Quetschung“ stattfand, bevor die Rocky Mountains wuchsen und das Meer sich von den heutigen PrĂ€rien zurĂŒckzog, lag Alberta ĂŒber viel lĂ€ngere Zeit unter Wasser als es seitdem „trocken“ liegt.⁠14

Zoe: Ich sitze auf dem Boden eines kleinen, hellen HĂ€uschens am westlichen Rand von Kanada, 4575 Kilometer von Ottawa entfernt – 47 Stunden auf der transkanadischen Autobahn (reine Fahrtzeit) – und 4771 Kilometer nach Montreal – 49 Stunden. In einer Ecke des HĂ€uschens steht ein Regal voller grĂŒner Pflanzen und eine Katze blinzelt in die Morgensonne. Ein Kolibri schwirrt vor dem Fenster und flitzt durch die Douglas-Pinien, roten Zedern und Sitka-Fichten davon – in Richtung von FlĂŒssen, in denen der Königs-, Silber- und Ketalachs sowie die Stahlkopf- und Cutthroatforelle leben. Ich laufe durch den Wald, grabe meine FĂŒĂŸe in den lehmigen Boden an feuchten Flussufern, die â€žĂŒber Gestein aus dem Keller der Zeit fließen“.⁠15 Ich bin durch die alten Meere gereist, durch die Senken und Wendungen des Highways, der durch die PrĂ€rie in Homelands der Indigenen First Nation- und MĂ©tis-Bevölkerung schneidet – eine Landschaft aus weiten Grassavannen und zahlreichen Ölfeldern. Um hierher zu kommen, entwurzelte ich vor einem Jahr mein gesamtes Leben in Ottawa und kehrte „nach Hause“ zurĂŒck, zu meiner MĂ©tis-Familie, die hier als ungeladener Besuch in den Gebieten der Snaw-naw-as und Qualicum First Nations lebt. Hier, auf der anderen Seite jenes vergangenen Ozeans, trĂ€ume ich nachts von PrĂ€riefischen und KĂŒstenzedern. Und denke ĂŒber meine Verpflichtungen gegenĂŒber all der geschichtstrĂ€chtigen Landschaft nach, die den Nationalstaat bildet, der derzeit als „Kanada“ bezeichnet wird.

Von unseren drei Ausgangspunkten betrachten wir den Western Interior Seaway von seinen historischen KĂŒsten aus – wir sitzen auf den geologischen Wellen dieses Ozeans. Wir spĂŒren seine GrĂ¶ĂŸe; wir ĂŒberqueren Wassereinzugsgebiete, nehmen keine Grenzen wahr.⁠16 Dieser uralte Ozean und sein vergangenes Tier- und Pflanzenleben haben die reichhaltige Geologie hervorgebracht, von der die Petro-Ökonomien Albertas heute zehren. Wir sind in der Umlaufbahn Albertas – wo Erde, Zeit, Wasser und Druck zusammenkommen. Wir umkreisen die Dinosaurierknochen im County of Newell, die Kohle in East Coulee, das Gold im McLeod-Fluss, das Uran im Athabasca-See sowie das Öl und die Teersande in Fort McMurray. Wir sind in Vancouver Island, Montreal und Ottawa. Wir erstarren und sind aufgehoben in Erden, GewĂ€ssern, kerogener ZĂ€hheit, Zeit und Druck. Wir werden wieder neu-gegossen – in Erden, GewĂ€sser und Verbindungen. Darin liegt FĂŒrsorge, Heilung, Liebe.

Um unsere wechselseitigen Verpflichtungen gegenĂŒber den uralten fossilen Wesen zu erfĂŒllen, die kollektiv als Kerogen bezeichnet werden, haben wir etwas – eine Sache, eine Praxis und ein Weltbild – theoretisiert, das wir KerosphĂ€re⁠17 nennen: eine neue Ontologie der Beziehungen und Beziehungen von Beziehungen (das ist hier kein Fehler, sondern diese Beziehungen sind unendlich). Die Grammatik dieser Ontologie liegt im Gestein und unter den Seen; sie ist den Indigenen Weltkonzepten und Rechtsordnungen verpflichtet. Die KerosphĂ€re soll petrokoloniale Epistemologien stören und zurĂŒckweisen – mitsamt ihrer schnellen, dreckigen Ökonomien, ihren zerstörten Beziehungen und Erden, ihrer ausbeutenden, gierigen Arbeitsweise und ihrer unentschuldigten und unentschuldbaren In-Waffen-Setzung von Erde, Wasser, Zeit und den uns verwandten Umwelten. AM Kanngieser und Zoe Todds Konzept der Erforschung von Umwelt als Verwandtschaft [environmental kin studies] sowie die vielstimmigen und dynamischen Denker:innen, auf die sie sich beziehen, wirken verbindend und liebend auf die kerogenen VerhĂ€ltnisse ein, in die sie wieder einströmen und einfließen. Diese Forschung betont das Einstimmen und Zuhören. Sie zeigt, dass es „einer anderen Empfindsamkeit fĂŒr und in Maß und Raum“ bedarf, dass „Indigene Kosmologien und Wissensarchive zu Land und Boden“ ins Zentrum gehören, und dass es notwendig ist, sich auf „Orte und nichtmenschliche Wesen als empfindende und wirkmĂ€chtige KrĂ€fte“ zu beziehen, „die Einvernehmen bekunden oder die Zusammenarbeit mit uns verweigern können“.⁠18 Dieses Einstimmen, Zuhören und WĂŒrdigen der Beziehungen in planetarischen bis mikrobischen MaßstĂ€ben und Zeiten, erfordert eine erneute Betrachtung unseres Selbstbildes (der drei ‚Ich‘s dieses Textes und des daraus hervorgehenden ‚Wir‘s) als Teil der Welt – der KerosphĂ€re. Indem sie schreibt, dass „wir nicht außerhalb der Wissenschaft stehen, sondern aus Wissenschaft bestehen“,⁠19 erinnert uns Katherine McKittrick daran, dass die Neuerfindung unserer Beziehungen dringend ansteht. Wie könnten wir in eine großzĂŒgige, liebevolle, multi-skalare (von der Mikrobe bis zur Galaxie), multi-temporale (Tiefenzeit bis heutige und zukĂŒnftige Zeit) Wirklichkeit einfließen – uns dort hin verweigern, uns ihr zuwenden? Wir möchten in die KerosphĂ€re eintreten, die aus unserem kerosphĂ€ren Denken in Alberta hervorgegangen ist: in ihre öligen, wĂ€ssrigen, erdigen Vergangenheiten, Gegenwarten und (un)möglichen ZukĂŒnfte.

Wie stimmen wir uns also auf die KerosphĂ€re und die kerogenen VerhĂ€ltnisse ein, die sie prĂ€gen? Und wie tun wir das auf eine Weise, die fĂŒrsorglich und aufmerksam fĂŒr die spezifischen, pluralen und dynamischen Beziehungen ist, die jede Landschaft prĂ€gen, alle Homelands, jeden Fluss, jeden See und jede KĂŒste? Das Öl und das Gas, die aus Kerogen hergestellt werden, fließen weitgehend außerhalb der Sichtweite und des Bewusstseins des kolonial besiedelten Kanada: Sie werden in Pipelines transportiert; in riesigen Anlagen am Stadtrand von Edmonton, Barnaby, Moose Jaw oder St. John‘s raffiniert; in TankzĂŒgen ĂŒber die Rocky Mountains oder entlang offener PrĂ€rien gerĂŒttelt; in den HĂ€fen der Ost- und der WestkĂŒste des Landes auf Tankschiffe geladen. Jene von uns, die nicht direkt mit Öl und Gas arbeiten – an den Orten ihrer Erbeutung, Förderung oder Weiterverarbeitung in Kanada – werden an diese kerogene Anwesenheit nur erinnert, wenn sie lecken, sickern, fluten und die BehĂ€ltnisse des Labyrinths der Infrastrukturen verlassen, die gebaut wurden, um sie durch geraubtes Indigenes Land in Kanada, den USA, Mexiko und anderen Teilen Nordamerikas zu transportieren. Einer der seltenen Momente, in denen die siedlungskoloniale Bevölkerung den kerogenen VerhĂ€ltnissen Aufmerksamkeit widmet, ist, wenn Indigene Nationen sich in SolidaritĂ€t mit der Erde, dem Wasser und der AtmosphĂ€re erheben und dagegen protestieren, dass die uralten Fossilien zur Waffe gegen Böden, GewĂ€sser und Luft gemacht werden, um kolonial-kapitalistische Schatzkammern und Anteilseigner zu bereichern. Das „Zuhören“, das Staaten und Unternehmen in solchen FĂ€llen praktizieren, besteht in gerichtlichen Unterlassungsbefehlen, Inhaftierungen und der Nichtanerkennung Indigener SouverĂ€nitĂ€t.⁠20 Die siedlungskoloniale Bevölkerung muss lernen, unserer kerogenen Verwandtschaft und der KerosphĂ€re sowie der Indigenen Bevölkerung und anderen Communitys, die von weißer Vorherrschaft und Imperialismus vertrieben und enteignet wurden, anders zuzuhören. Diese neuen Arten des Zuhörens, die sich auf AM Kanngiesers Überlegungen zu Klimas des Zuhörens und Geografien des Zuhörens beziehen,⁠21 laden zu neuen ganzheitlicheren und ethischeren wechselseitigen Verpflichtungen mit jenen Daseinsordnungen ein, die derzeit im Namen des rassistischen, imperialen Kapitals abgebaut, gefrackt, aufgebrochen, raffiniert und verbrannt werden.

Um uns in kerogene Verbindungen und die KerosphĂ€re einzustimmen und dabei deren komplexes Wirkungsvermögen zu bejahen statt zu verleugnen; um auf neuen Ebenen zuzuhören, was diese zur Waffe gemachten uralten Wesen uns vermitteln, wenn sie den Infrastrukturen entfliehen und sie ĂŒbertreten, die geschaffen wurden, um sie durch Indigenes Land zu befördern; dann mĂŒssen wir innehalten und ihre allzeitige PrĂ€senz um uns herum wahrnehmen.⁠22 Wir mĂŒssen auch beachten, wie die kerogenen Wesen aus ihren RuhestĂ€tten tief unter unseren FĂŒĂŸen, unter historischen Ozeanen im sogenannten Alberta oder in den feinen Schieferschichten im Fundy Basin⁠23 in ZĂŒge, Rohrleitungen, Schiffe geschafft werden, die auf dem ganzen Kontinent Landgebiete durchqueren, die eigentlich nie abgetreten wurden. Manche in Kanada sehen das Öl selbst als schĂ€dlich, als Abfall, als Aggressor – der Schaden, den es Landschaften, Ökologien und angestammten Heimaten zufĂŒgt, wird zuweilen dem Öl oder Gas selbst angeschuldet. Die herausragende Umweltschutzorganisation Honor the Earth fordert gar: „love water, not oil“.⁠24 Wir dĂŒrfen nicht vergegenstĂ€ndlichen oder normalisieren, wie kerogene Wesen kolonial erbeutet und zu Waffen gemacht werden. Zugleich mĂŒssen wir daran erinnern, dass Öl und Gas, als kerogene Verbindungen, selbst der Erde entstammen. Nicht das Öl oder das Gas an sich sind schĂ€dlich, sondern den Schaden verursachen die Systeme des kolonialen Kapitals, der weißen Vorherrschaft, der Extraktion und der Verletzung Indigener SouverĂ€nitĂ€t, die diese Ur-Wesen aus der Erde entnehmen und sie gegen Böden, GewĂ€sser und AtmosphĂ€ren sowie alle Verwandten wenden. Wir argumentieren, dass Öl und Gas selbst, die aus kerogenen Wesen bestehen, die sich ĂŒber lange ZeitrĂ€ume abgelagert und verwandelt haben, zu Waffen gemachte uralte Verwandte sind, die heute in die kolonial-kapitalistischen VerhĂ€ltnisse aus Rohren, Leitungen, KanĂ€len, ZĂŒgen, Schiffen und Raffinerien einverleibt werden. Wir könnten stattdessen mit Michelle Murphy ĂŒber die „alternativen Nachleben [alterlives]“ unserer kerogenen Verwandten nachdenken.⁠25 Und wir könnten auch auf der Ebene „wiederherstellender Verbindungen“ weiterdenken, die Rebecca Carter in ihrer Arbeit ĂŒber Gemeinschaftsaufbau in den Nachwirkungen der rassistisch-kolonialen Umweltkatastrophe Katrina in New-Orleans heranzieht.⁠26 Wie möchten wir von zukĂŒnftigen Ahnen, von kĂŒnftigen Wesen auf dem Planeten behandelt werden, die mit unseren – von Hitze, Druck und Zeit in der langfristigen planetaren Gestaltung verĂ€nderten – Überresten arbeiten? Wenn wir unserem Abbau und unserer Entfernung aus der Erde in jener kĂŒnftigen Welt nicht zustimmen können, dann hoffen wir, dass kĂŒnftige Existenzen zuhören und sich auf unsere Vergangenheiten einstimmen mögen, um zu „fragen, welche wissenschaftliche Formel wir entdeckt haben“, wozu Leroy Little Bear uns hinsichtlich anderer historischer Wesen, wie Fischen, auffordert.⁠27

Wir argumentieren weiter, dass wir dem Öl und dem Gas zuhören und uns darauf einstimmen mĂŒssen, um zu verweigern (neuzugießen, neuzugestalten), dass unsere uralten Verwandten zu Waffen gegen heutiges Leben gemacht werden. In Kanada arbeitet die koloniale Gesellschaft hart daran, die PrĂ€senz dieser fossilen Ahnen in den Architekturen des kolonial-imperialen, ausbeutenden Nationalstaats zu verdecken und aus dem Bewusstsein der Siedelnden zu löschen. Indem der Staat die Förderung, Raffinerien, Transporte und Entsorgung großteils in Indigenen Gebieten und an mehrheitlich von Schwarzen Menschen bewohnten Orten platziert, zĂ€hlt er darauf, dass das weiße Siedlungskanada die PrĂ€senz und Wirkungsweisen der Systeme ignoriert, die im ganzen Land fossile Ahnen aus der Erde holen. Diese Architekturen sollen die Tatsache verbergen, dass die kanadische Wirtschaft und Politik darauf beruhen, stetig kerogene Wesen (Öl und Gas) in und durch vergrabene Rohrleitungen, veraltete Transferstationen und korrodierende Unterwasserleitungen zu bewegen. Um die Logik zu verschieben, durch die diese Wesen zu Waffen gegen Böden, GewĂ€sser, Luft und Menschen gemacht werden, versuchen wir im nĂ€chsten Abschnitt mehrere Formen des Zuhörens und der Einstimmung.

Eine grobe Einstimmung

Schweres Rohöl ist eine dicke, zĂ€he Substanz mit einem hohen Molekulargewicht. Seine Kohlenwasserstoffzusammensetzung fließt nicht. Westliche Wissenschaft legt nahe, das Öl sei von Bakterien, Erosion und Wasser „abgereichert“,⁠28 und Stagnation ab – verweigert eine Besiedlung, die Verbindungen zerstört. Wenn er ĂŒber das „Wir“ eines „planetarischen Seins“ nachdenkt, fordert Achille Mbembe eine Ethik der Enteignung anstelle der „Gier nach Eroberung und Aneignung“. Hier muss „Raum fĂŒr das Andere“ bestehen, um das Unerwartete zu begrĂŒĂŸen. Er spricht von einer paradoxen Figur der Enteignung: „VerknĂŒpfungen erfordern die Lossagung, die Aufhebung von Gewalt, denn Gewalt ist eine Form der trĂ€gen Produktion, die das Sein zur Erschöpfung verdammt, wĂ€hrend die Enteignung den Weg zur Erneuerung eröffnet“.⁠29 Kerogene Verbindungen erfordern von uns instabile, schlammige Böden zu betreten, uns langsam und vorsichtig zu verankern. Als schleimige Materie und Bedeutung begrĂŒĂŸen kerogene Verbindungen das Ungewisse, das Ungenaue, das Unmessbare, und erinnern uns an das, was nicht gewusst, ĂŒbersetzt, festgehalten werden kann.

Sich im sogenannten Kanada auf solche Verbindungen einzulassen, erfordert die FĂ€higkeit, innezuhalten und in Betracht zu nehmen, wo sie in den Geografien ruhen, die wir besetzen. Wenn wir es nicht schon sind, mĂŒssen wir uns dafĂŒr mit den Orten des Abbaus, der Minen, Fracking-Stationen, Weiterverarbeitung, des Transports und der Umladung von Kerogenen vertraut machen, die die Indigenen Gebiete im ganzen Land durchziehen. Wir mĂŒssen diese kerogenen Verbindungen tief im Bewusstsein und in GesprĂ€chen an Orten der kolonialen Macht verankern, wie dem Parlament, dem Finanzzentrum der Bay Street sowie den UnternehmensgebĂ€uden, die Montreal, Vancouver, Calgary, Toronto oder Halifax hoch ĂŒberragen. Wir mĂŒssen anfechten, wie der weiße koloniale Siedlungsnationalstaat sich darauf stĂŒtzt, die Gefahren der alternden Öl- und Gasinfrastrukturen herunterzuspielen und zu normalisieren, dass die ZĂŒge entlang von empfindlichen FlusstĂ€lern und PrĂ€rie-Seen rasen. Wir mĂŒssen die Geschichten der unzĂ€hligen Ölkatastrophen und -unfĂ€lle aufarbeiten, die sich ĂŒber zahllose, von Fischen bewohnte FlĂŒsse, Feuchtgebiete und Seen erstrecken.⁠30 Wir mĂŒssen die chemischen Eigenschaften von Rohgas, Erdgas, Sauergas und besitzergreifenden Fracking-Strategien bedenken und durchdenken. Wir mĂŒssen uns in Karten von geologischen Formationen vertiefen und die Strukturen der Unternehmen genau untersuchen, die den Abbau und Export von Öl und Gas kontrollieren. Wir mĂŒssen mit Wissenschaftler.innen denken, die uns dazu anregen, uns mit dem Abbau weiterer Ressourcen zu beschĂ€ftigen – etwa Nadine King Chambers zu Bauxit und dessen VerschrĂ€nkungen mit dem Umweltrassismus gegen afrodiasporische Communitys in der Karibik und First Nations in British Columbia.⁠31

Zoe: Meine erste erinnerte Auseinandersetzung mit kerogenen Verbindungen fand Anfang der 1990er Jahre paradoxerweise bei einem Earth-Day-Konvent in Edmonton statt. Historisch ist Edmonton die Stadt der Arbeiter:innen, die in den vorangegangenen Booms der Öl- und Gasindustrien tĂ€tig waren, von denen die ganze Provinz Alberta seit den 1940er Jahren geprĂ€gt wurde. Alberta ist der Hauptproduktionsort fĂŒr Öl und Gas in Kanada: Die Ölsande der dortigen PrĂ€rie enthalten 97 Prozent der nachgewiesenen Ölreserven Kanadas; 98 Prozent von Kanadas Ölexporten gehen in die USA.⁠32 Meine Mutter, die als erste Umweltreporterin fĂŒr den CBC Edmonton arbeitete, nahm mich und meine Schwester mit zu diesem Earth-Day-Konvent in einem riesigen Kongresszentrum im Norden der Stadt. Unter den unzĂ€hligen Postern und Dioramas, die dort prĂ€sentiert wurden, gab es auch einen Tisch mit Informationen ĂŒber Öl und ein kleines Schraubglas mit dem Aufkleber „Öl“. Ich hielt dieses Glas in der Hand und sah zum ersten Mal die zĂ€he schwarze Substanz, die Alberta mit Pumpen und KrĂ€nen aus der Erde holte. Aber kerogene VerhĂ€ltnisse prĂ€gen mich schon lĂ€nger, als ich es erinnern kann. Meine Mutter erzĂ€hlte mir einige Jahre spĂ€ter, dass sie den letzten Teil ihrer Schwangerschaft mit mir von einer unerklĂ€rlichen MigrĂ€ne geplagt wurde, nachdem ein Sauergasbrunnen in Lodgepole, Alberta, ausgebrochen war und giftiges Hydrogensulfit in die AtmosphĂ€re spuckte.⁠33 Kerogene VerhĂ€ltnisse prĂ€gten mich also schon im Uterus und ich bin verpflichtet, dazu beizutragen, dass die kolonial-kapitalistischen, imperial-rassistischen politisch-ökonomischen VerhĂ€ltnisse sie weniger als Waffen gegen alles Dasein auf diesem Planeten einsetzen können. Wenn ich mich auf diese Verbindungen einstimme, fĂŒhle ich mich zurĂŒck in meine Kindheit und erkenne, wie jede Zelle meines Körpers von Albertas Förderung, Raffinerie und Transport kerogener Wesen aus den uralten Ablagerungen unter unseren FĂŒĂŸen geprĂ€gt ist. Und das leitet mich.

Ozayr: Meine erste Erinnerung an Öl ist dessen Geruch auf dem Boden der Werkstatt meines Vaters in Eldorado Park, zwischen Lenasia – wo wir wohnten – und Soweto im Norden, nah an der R553, die uns nach Johannesburg brachte, wenn wir in Fordsburg Familie besuchten oder nach Nelspruit oder White River weiter fuhren. Diese Namen lauten heute alle anders – Mpumalanga, Mbombela, Mhloppemanzi – aber ich spĂŒre mich noch immer in ihnen. Meine ersten Erinnerungen an Öl sind mit der roten und gelben Erde von Johannesburg und dem damaligen Transvaal – heute Gauteng – verknĂŒpft. Öl ist der Geruch im Lager meines Onkels voller Trödel, durch das ich sonntags schlenderte, wenn die Familie meines Vaters zusammenkam – all die Cousin:en und Tanten und Onkel in der tief stehenden orangenen Sonne SĂŒdafrikas. Bei Öl denke ich an meinen Onkel und seine TĂŒftler-HĂ€nde, meine Großmutter und ihre zwei Zöpfe, meine Tanten und ihre riesigen Herzen, den Laden meines Cousins und wie wir zwischen den rostigen Autos im Hinterhof herumrennen. Es ist der Geruch von Benzin, wenn wir auf unserem Weg durch Johannesburg an der Tankstelle halten. Schwarzen und Braunen Menschen war damals der Zugang zur Stadt noch weitgehend verwehrt – abgesehen von ein paar wenigen Orten und RĂ€umen: Solly’s Corner, das Oriental Plaza, die Bree Street, der Constitution Hill, meine Familie, Familie und wieder Familie. Die Erinnerung an das Öl auf dem Boden der Werkstatt meines Vaters lĂ€sst Geister eines Zuhauses auferstehen, das ich jeden Tag vermisse. Öl erinnert mich auch an die lange Fahrt nach Lowveld, wo die Familie meiner Mutter lebte – nahe des Crocodile- und des White-Rivers. Es erinnert mich an den Übergang vom goldenen Band in Johannesburgs Abbruchkante mit seiner trockenen, staubigen Luft und den lilanen Knospen der PalisanderholzbĂ€ume im FrĂŒhling hin zu den feuchten, sattgrĂŒnen HĂŒgeln und TĂ€lern voller Mangos und Lychees. Die rote und gelbe Erde von eGoli⁠34 weicht den grĂŒnen GrundstĂŒcken, wo ein Teil meiner Familie sich niedergelassen hat, nachdem Dieselschiffe aus dem damaligen Bombay – heute Mumbai – und ganz Indien schwarzen Rauch ĂŒber das Arabische Meer bliesen und dann den Hafen von Durban erreichten, von wo aus die Menschen ins Landesinnere wanderten. Diese kerogenen Verbindungen sind komplex, vielschichtig und belastet – es geht um Öl und Arbeit, um Rohstoffausbeutung und Passgesetze, um Ausschluss und Apartheid. Es geht auch um Familie und Chancen, um plurale Geografien, RĂ€ume und Zeiten, um ein Begehren nach der roten und gelben Erde eines Zuhauses, das ich in mir trage⁠35 – sogar in jenem Garten, den ich fĂŒr den kommenden kanadischen Schnee vorbereite.

ÉmĂ©lie: In meiner ersten Erinnerung an Öl fĂŒllt mein Großvater den Benzintank eines Boots, bevor er in den Laurentides fischen geht. Mein Großvater hatte als Buschpilot gearbeitet. Nun hatte er am See einen Tank vergraben, in dem er Kerosin lagerte, ein Brennstoff, der besser zu seinem Wasserflugzeug „passte“. Ich erinnere mich daran, wie mir der stechende Geruch in die Nase stieg (Erinnerungen sind so geruchlich); und an die Ölflecken auf der WasseroberflĂ€che – Tropfen, die beim schmutzigen UmfĂŒllen daneben gegangen waren; die schimmernden Farben des Öls, ein leuchtender Regenbogen aus Gelb, Orange, Pink, Lila und Rot, vor dem Kontrast des dunkelblauen Sees. Die FlĂŒssigkeit entfernte sich langsam vom Boot, waberte und dehnte sich mit den feinen Wellen auf der glatten WasseroberflĂ€che aus. Als Kind wunderte ich mich ĂŒber die WidersprĂŒchlichkeit, den See zu verschmutzen, aus dem wir zugleich Fisch holten, in dem wir schwammen und dessen Wasser wir tranken. Ich wundere mich noch immer ĂŒber solche WidersprĂŒche, die unsere materiellen Beziehungen zu GewĂ€ssern und Böden prĂ€gen. Ich wundere mich, wie der Zugang zu und Genuss von so genannter wilder Natur in Kanada oftmals bedeutet, Öl zu verbrennen und laute Maschinen zu betreiben, deren Klang durch tausende innerer Explosionen entsteht. In dieser kolonialen Kakophonie⁠36 denke ich darĂŒber nach, wie ich von der illegitimen Besatzung Indigenen Lands profitiert habe. Ich denke darĂŒber nach, wie in den gleichen ErzĂ€hlungen, mit denen ich aufwuchs, Geschichten von Leid und HĂ€rten französischstĂ€mmiger Kanadier:innen und die Auslöschung Indigener PrĂ€senz meine Komplizenschaft in Siedlungskolonialismus und weißer Vorherrschaft vor mir verbargen. Wenn ich an meine Großeltern denke, erkenne ich deren Heimatsuche und tiefe Liebe, aber auch die Siedlungsfiktionen von Besitz, Ausbeutung, Berechtigung, Landraub, Auslöschung und Umweltzerstörung. Diese VerschrĂ€nkung von siedlungskolonialen VerhĂ€ltnissen ist mein Erbe. Ich sitze mit diesen WidersprĂŒchen; sie bringen viele Fragen hervor. Unter der WasseroberflĂ€che wende ich mich den bunt schimmernden Schuppen der Regenbogenforelle zu.⁠37

In diesem Boden ist Meer

Kerogene VerhĂ€ltnisse sind erdrĂŒckend. Sie sind ein Hochwasser. Sie fluten und ĂŒberschwemmen die Kanalufer, FlusslĂ€ufe, Deiche und EindĂ€mmungen. Kerogene VerhĂ€ltnisse sind der Mississippi ohne die Armeen an Ingenieur:innen, ohne die Wehre und Schleusen der Old River Control Structure und des Morganza Spillway; sie sind der Tiber ohne Giuseppe Garibaldis EindĂ€mmungen, ohne die drizzagni (Begradigungen) des Flusses. Kerogene VerhĂ€ltnisse sind die Wassereinzugsgebiete der FlĂŒsse Athabasca und Peace ohne die Bedrohungen durch die vielen regionalen Absetzbecken des Bergbaus, 458.000 Bohrbrunnen und unzĂ€hligen Schleppschaufelradbagger, an die ein Netz aus Pipelines, Verarbeitungsanlagen, Raffinerien, Bitumen-Upgrading-Anlagen, Öltanker-Routen und Hauptquartieren anschließt. Kerogene VerhĂ€ltnisse sind wahnsinnig verschrĂ€nkt, gewunden, dick und dĂŒnn, aber vor allem sind sie eine Wendung von AM Kanngiesers Gießen⁠38 – sie sind eine Wiederkehr, ein RĂŒckströmen und Neu-Gießen, immer wieder und wieder und wieder (auch dies ist kein Tippfehler).

Die KerosphĂ€re hebt jede Vorstellung von Schließung auf und verweigert das Konzept der petrokolonialen Infrastruktur. Die Infrastruktur der KerosphĂ€re besteht vielmehr darin, wie wir FĂŒrsorge tragen – nicht in einer neoliberalen, siedlungskolonialen PlattitĂŒde von Entschuldigungen, WohlfĂŒhl-Seminaren und Workshops zu Gleichstellung, Diversity und Inklusion, die wir als Care-Gentrification bezeichnen. Stattdessen meinen wir einen wahrhaften Akt der Wiedergutmachung, der tatsĂ€chlichen Reparation, ein kontinuierliches Tun, einen langsamen Prozess, der „unperfekt“ und „suboptimal“ in einen matschigen, dichten, triefenden Zusammenhalt sickert – in ein Zusammensein, das keine andere Wahl lĂ€sst. Es breitet sich aus wie der Nebel in Argentia, Neufundland, oder Point Reyes, Kalifornien⁠39 – 100 Prozent Feuchtigkeit, mit Wasser durchsetzte Luft, Hitze mit KĂ€lte durchmischt, erhabene AtmosphĂ€re. Der Nebel entschleunigt dich. Du kannst nicht gut sehen. Du wartest. Du hörst zu. Deine Sinne stellen sich anders ein, auf andere MaßstĂ€be, andere Rhythmen und du vertiefst dich in „die schwierigen Überschneidungen dieser großen Familie“ an Sinnen und Empfindungen⁠40 – in Überschneidungen, die immer hergestellt werden mĂŒssen. Die KerosphĂ€re und ihre klebrigen, zĂ€hen Verwandten im Indigenen Boden in ganz Alberta erinnern uns sehr an Tiffany Lethabo Kings Konzept der Black Shoals (Schwarze Untiefen). Denn die Kerogen-Förderung wurde und wird ĂŒber weite Geografien hinweg durch Genozid und Versklavung im Namen des rassistischen-kolonialen Kapitalismus als Waffe gegen die Schwarze und Indigene Bevölkerung eingesetzt.⁠41 King erinnert uns: „Schwarzes Denken, Schwarze Forschung, Schwarze Ästhetik und Schwarzer Ausdruck fungieren als Untiefen, die Strömung und Impuls des Flusses kritischer Theorien ĂŒber Genozid, Versklavung und die Menschheit in der Westlichen HemisphĂ€re umleiten.“⁠42 Durch unsere Arbeiten auf Indigenem Boden in ganz Kanada möchten wir die vielen Formen des Weltmachens und des Seins stĂ€rken, die den rassistisch-kolonialen Kapitalismus unterbrechen, und wechselseitige, respektvolle, kollektive Beziehungen aufbauen, die Imperialismus, Extraktion und Tod verweigern.

Kέros kommt aus dem Griechischen und bedeutet Wachs oder Paraffin. Wir sind an mĂ€nnlich-menschlichen Hochmut erinnert, an DĂ€dalus, an Ikarus und all die FĂŒhrungskrĂ€fte, die zu nah an die Sonne flogen. Kerogene Verbindungen sind wĂ€chsern, lithisch und lakustrisch – sie werden „auf vielen verbundenen MaßstĂ€ben durch Protokolle der Aufmerksamkeit, des Zuhörens und Bemerkens gebildet“.⁠43 Es sind multi-temporale, tiefe, heterogene, schlammige Zeiten. Sie sickern, kommen aus Lösung empor. Der Flammpunkt von Kerosin ist 38 Grad Celsius, wĂ€hrend der von Benzin bei -40 Grad liegt. Die kerogene Verwandtschaft ist langsam und weniger flĂŒchtig als die „verfeinerten“ [upgraded] Logiken der petrokolonialen, rassistisch-kapitalistischen Struktur. In liebender Einstimmung infiltriert und wirkt diese Verwandtschaft verbindend, sie stĂ€rkt und hĂ€lt. Sie dreht sich nicht um den Menschen – wĂ€chserne, ölige kerogene Verbindungen arbeiten vielmehr in Richtung pluraler Lebenswelten und SouverĂ€nitĂ€ten. Sie sind bindend, flexibel, befreiend und auch gefĂ€hrdet. Wir stimmen uns auf unsere dynamischen Verpflichtungen ihnen gegenĂŒber ein und bemĂŒhen uns, andere Organisationsweisen fĂŒr Politik, Ökonomie und Gesellschaft in jenen Gebieten zu entwerfen, auf die Kanada in diesem SpĂ€tstadium der kolonial-kapitalistischen, rassistischen Klimakatastrophe Anspruch erhebt.

Die KerosphĂ€re und ihre Verbindungen sind zĂ€h, langsam und schlammig. Kerogene Verwandte sind zart und empfindsam. Sie sind vielfĂ€ltig und von einer jeweils eigenen Geographie, einem angestammten Boden oder Wassereinzugsgebiet, geprĂ€gt. Sie sind weich und geben (französisch tendre), aber nehmen nicht (französisch prendre); sie tauschen, aber stehlen nicht. Kerogene Verbindungen strukturieren eine Form und RelationalitĂ€t, die die Ontologien westlicher Wissenschaften, Chemie und Politik neu schreiben – samt ihrer VerhĂ€ltnisse, in denen gegaunert und gescheffelt wird und der Mensch (immer der Mensch) im Zentrum steht. Kerogene Verbindungen sind ein kontinuierliches Neu-Gießen von Verwandtschaft, eine BlĂŒte liebender Beziehungen, der Gnade und Zartheit. Kerogene VerhĂ€ltnisse verweigern sich. Sie sind reibungsvolle Verbindungen und es erfordert viel Kraft, sie in Bewegung zu versetzen. Sie sind nicht solche reibungslosen, unzĂ€hen FlĂŒssigkeiten, die die westliche Wissenschaft „perfekt“ und „ideal“ findet und die den petrokolonialen und kapitalistischen Vorstellungswelten von „Materie“ entsprechen. Diese gewaltvollen Vorstellungswelten missachten Widerstand und Verweigerung, Grenzen, Zeiten, Geografien, Erden und GewĂ€sser. Kerogene Verbindungen hingegen lieben die Welt – zutiefst.

  1. 1
    Anmerkung der Übersetzerin: Der Ausgangstext handelt von kerogenic relations. AM Kanngieser und Zoe Todd erörtern an anderer Stelle ihr VerstĂ€ndnis der Begriffe relation und relationship: Es geht ihnen um stets und ĂŒberall geschehende Verbindungen und Interaktionen, die uns in der Welt und immer in wechselseitiger Interaktion, Verpflichtung und Sorge verorten. Sie schreiben: „We are relations.“ In dieser Übersetzung werden entsprechend die Begriffe Verbindung, Verwandtschaft, Beziehung und VerhĂ€ltnis genutzt, um die verschiedenen Bedeutungsebenen herauszuheben. AM Kanngieser und Zoe Todd, ‚Attending to Environment as Kin Studies‘, https://muac.unam.mx/constelaciones/assets/docs/essay-kanngieser-and-todd.pdf (letzter Zugriff am 19. Januar 2022).
  2. 2
    AM Kanngieser, ‚Natur auflösen: ĂŒber Verweigerung als RĂŒckkehr‘, aus dem Englischen von Elisa Barth, transmediale, 2021, https://transmediale.de/de/almanac/to-undo-nature-on-refusal-as-return (letzter Zugriff am 19. Januar 2022).
  3. 3
    Siehe K. Yusoff, A Billion Black Anthropocenes or None, Minneapolis, University of Minnesota Press, 2018; sowie E. A. Povinelli, Geontologies: A Requiem to Late Liberalism, Durham: Duke University Press, 2016.
  4. 4
    A.d.Ü.: Im Ausgangstext wird hier mit dem Begriff der homelands ausdrĂŒcklich auf Indigene und kolonisierte – also auf illegitim im Siedlungskolonialismus angeeignete – LandansprĂŒche und Böden Bezug genommen. Homelands wird hier eingedeutscht als stehender Begriff verwendet. Durch den Begriff ‚angestammt‘ soll die Beheimatung der Indigenen und kolonisierten Bevölkerung auch deutschsprachig hervorgehoben werden.
  5. 5
    Siehe K. Yusoff, A Billion Black Anthropocenes or None, Minneapolis, University of Minnesota Press, 2018; sowie E. A. Povinelli, Geontologies: A Requiem to Late Liberalism, Durham: Duke University Press, 2016.
  6. 6
    E. A. Povinelli, Geontologies: A Requiem to Late Liberalism, Durham, Duke University Press, 2016.
  7. 7
    Wikipedia, ‚Kerogen‘, https://de.wikipedia.org/wiki/Kerogen , (letzter Zugriff am 14. Januar 2021).
  8. 8
    M. Vandenbroucke und C. Largeau, ‚Kerogen origin, evolution and structure‘, Organic Geochemistry, 38 (5), Mai 2007, S. 719–833.
  9. 9
    Ebd.
  10. 10
    V. Watts, ‚Indigenous Place-Thought & Agency amongst Humans and Non-Humans (First Women and Sky Women Go on a European World Tour!)‘, Decolonization: Indigeneity, Education & Society, 2 (1), 2013, S. 20–34.
  11. 11
    I. B. Marshall, J. Dumanski, E. C. Huffman und P. G. Lajoie, Land Resource Research Institute, Agriculture Canada, ‚Soils, capability and land use in the Ottawa Urban Fringe‘, Bericht Nr. 47, Ontario Soil Survey, 1979.
  12. 12
    Red Path Museum, ‚Fossils‘, https://www.mcgill.ca/redpath/education/resources/fossils (letzter Zugriff am 5. November 2021).
  13. 13
    A.d.Ü.: Der Western Interior Seaway ist ein ausgedehntes epikontinentales Flachmeer in der mittleren und spĂ€ten Kreidezeit, das als breiter Meeresarm den nordamerikanischen Kontinent von Norden nach SĂŒden durchzog.
  14. 14
    F. Bodsworth, ‚How the Prairies were made‘, Maclean’s Magazine, 25. Juni 1955, http://archive.macleans.ca/article/1955/6/25/how-the-prairies-were-made (letzter Zugriff am 12. Dezember 2021).
  15. 15
    N. MacLean, A River Runs Through It and Other Stories, University of Chicago Press, 1976, S. 104.
  16. 16
    É. Desrochers-Turgeon, O. Saloojee, Z. Todd und J. Voordouw, ‚Water, Water, Everywhere‘, Lapsus Lima, Mónica Belevan (Hg.), 11. September 2019, https://www.lapsuslima.com/water-water-everywhere/ (letzter Zugriff am 5. November 2021).
  17. 17
    Z. Todd, É. Desrochers-Turgeon und O. Saloojee, ‚Kerosphere‘, in T. Neale, T. Phan und C. Addison (Hg.), An Anthropogenic Table of Elements: Experiments in the Fundamental, University of Toronto Press, 2022 (im Erscheinen).
  18. 18
    A. Kanngieser und Z. Todd, ‚From Environmental Case Study to Environmental Kin Study‘, History and Theory, Band 59, Nr. 3, September 2020, S. 392.
  19. 19
    K. McKittrick, Dear Science and Other Stories, Durham, Duke University Press, 2021, S. 186.
  20. 20
    N. Estes, Our History Is the Future: Standing Rock versus the Dakota Access Pipeline, and the Long Tradition of Indigenous Resistance, New York, Verso, 2019; Unist'ot'en Camp, https://unistoten.camp (letzter Zugriff am 5. November 2021); Stop Line 3, https://www.stopline3.org/ (letzter Zugriff am 5. November 2021).
  21. 21
    A. Kanngieser, M. Gallagher und J. Prior, ‚Listening geographies: Landscape, affect and geotechnologies‘, Progress in Human Geography, Band 41, Nr. 5, 2017, S. 618–37.
  22. 22
    Als Kollektiv sprechen wir von verschiedenen Kontexten aus, in denen wir in Kanada leben und arbeiten. Wir laden Lesende und Mitdenkende dazu ein, sich dynamisch und neu auf die kerogenen Beziehungen in den unterschiedlichen angestammten Heimaten vorzustellen, in und durch die sie leben und sich bewegen. Wir möchten keine neue Universalie einfĂŒhren, sondern zu einer Auseinandersetzung mit den pluralen (politischen) Ontologien einladen, wie es die Arbeiten von Walter D. Mignolo, Arturo Escobar, Marisol de la Cadena, Jairo FĂșnez-Flores und anderen vormachen.
  23. 23
    Canada Oil-Shale Deposits, Reprint of United States Geological Survey Scientific Investigations Report 2005-5294 by John R. Dyni‘, Geology.com, https://geology.com/usgs/oil-shale/canada-oil-shale.shtml (letzter Zugriff am 5. November 2021).
  24. 24
  25. 25
    M. Murphy, ‚Alterlife and Decolonial Chemical Relations‘, Cultural Anthropology, Band. 32, Nr. 4, 18. November 2017, S. 494–503.
  26. 26
    R. Carter, Prayers for the People: Homicide and Humanity in the Crescent City, University of Chicago Press, 2019.
  27. 27
    L. Little Bear, ‚Big Thinking and Rethinking: Blackfoot Metaphysics „Waiting in the Wings“‘, Vortrag beim Congress of the Humanities and Social Sciences, University of Calgary, 1. Juni 2016, https://www.youtube.com/watch?v=o_txPA8CiA4 (letzter Zugriff am 5. November 2021).
  28. 28
    R. F. Meyer, E. D. Attanasi und P. A. Freeman, ‚Heavy Oil and Natural Bitumen Resources in Geological Basins of the World‘, Reston, Virginia, U.S. Geological Survey, 2007, S. 3–10.[(/fn] wĂ€hrend beim „Upgrading“ des Öls durch dampfunterstĂŒtzte Schwerkraftdrainage (SAGD) und zyklische Dampfstimulation (CSS) die ZĂ€hheit des Ölsands verringert wird, indem Wasserdampf mit hohem Druck in den Boden gepresst wird. Diese Verringerung der ViskositĂ€t ist eine Technik der Beschleunigung, der Übersetzung in siedlungskoloniale Zeitlichkeit, und sie bezeugt symbolisch und materiell die petrokoloniale Gewalt. Die sture ZĂ€hheit kerogener Verbindungen verweigert sich der Politik der Beschleunigung. Doch sie lehnt auch eine Welt der Starrheit und Fixierung, der TrĂ€gheit[fn]Das erinnert an Fanons „in Abteile getrennte, manichĂ€ische, unbewegliche Welt, eine Welt von Statuen: die Statue des Generals, der das Land erobert, die Statue des Ingenieurs, der die BrĂŒcke gebaut hat.“ F. Fanon, Die Verdammten dieser Erde, aus dem Französischen ĂŒbersetzt von Traugott König, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2021[1981], S. 43.
  29. 29
    A. Mbembe, „The Earthly Community‘, e-flux Architecture, Oktober 2021, https://www.e-flux.com/architecture/coloniality-infrastructure/410015/the-earthly-community/ (letzter Zugriff am 5. November 2021).
  30. 30
    S. Kheraj, ‚A History of Oil Spills on Long-Distance Pipelines in Canada‘, The Canadian Historical Review, Band 101, Nr. 2, 2020, S. 161–91.
  31. 31
    N. K. Chambers, ‚De Zie Contre Menti Kaba – when two eyes meet the lie ends: A Caribbean meditation on decolonising academic methodologies‘, in J. Webb, R. Westmaas, M. del Pilar Kaladeen und W. Tantam (Hg.), Memory, Migration and (De)Colonisation in the Caribbean and Beyond, University of London Press, 2020, S. 85–106.
  32. 32
    Natural Resources Canada, ‚Crude Oil Facts‘, https://www.nrcan.gc.ca/science-and-data/data-and-analysis/energy-data-and-analysis/energy-facts/crude-oil-facts/20064 (letzter Zugriff am 7. November 2021).
  33. 33
    Pembina Institute, ‚Our Story‘, https://www.pembina.org/about/our-story (letzter Zugriff am 7. November 2021).
  34. 34
    A.d.Ü.: eGoli ist die Zulu-Bezeichnung fĂŒr Johannesburg.
  35. 35
    Meine Vorstellung von Zuhause und seinen Verschiebungen sind inspiriert von Sisonke Msimang, die ĂŒber ihre Eltern schreibt: „Sie waren vielleicht die weisesten Kartograf:innen, die es je gab: Sie schafften es, den ganzen Globus zu umreisen, ohne jemals ihr Zuhause außer Sicht zu verlieren.“ S. Msimang, Always Another Country, New York, New World Editions, 2018, S. 361.
  36. 36
    Ich borge hier Jodi Byrds Begriff der Kakophonie, um WidersprĂŒche, rivalisierende KĂ€mpfe und konkurrierende Erfahrungen zu bezeichnen: die „Weltbilder der Welten von Siedelnden, Ankommenden und Indigenen, die dazu dienen, die anderen zu Anderen zu machen“. Siehe J. Byrd, The Transit of Empire: Indigenous Critiques of Colonialism, Minneapolis, Minnesota University Press, 2011.
  37. 37
    Z. Todd, ‚Listening to Fish: Indigenous sovereignty and freshwater fish conservation in north/western Canada‘, Vortrag des Department of Sociology & Anthropology, Simon Fraser University, 28. Oktober 2021, https://www.youtube.com/watch?v=hUhUdqGHWvs (letzter Zugriff am 5. November 2021).
  38. 38
    AM Kanngieser, ‚To undo nature; on refusal as return‘.
  39. 39
    Beide Orte – Argentia, Neufundland, und Point Reyes, Kalifornien – liegen an mehr als 200 Tagen im Jahr im Nebel. Science Daily, ‚Fog‘, https://www.sciencedaily.com/terms/fog.htm (letzter Zugriff am 7. November 2021).
  40. 40
    M. Serres, Hermes IV: Verteilung, aus dem Französischen ĂŒbersetzt von Michael Bischoff, Berlin, Merve, 1993, S. 211-212. Serres schreibt: „Mein Körper ist leider nicht von einer einzigen, spezifizierten Mannigfaltigkeit umgeben. Er arbeitet in einem euklidischen Raum, aber dort arbeitet er nur. Er sieht in einem projektiven Raum, er berĂŒhrt, liebkost und hantiert in einer topologischen Mannigfaltigkeit, er leidet in einem anderen, er hört und kommuniziert in einem dritten Raum. Und so weiter, so viel man nur mag. [
] Mein Körper befindet sich also nicht in einem einzigen Raum, sondern an der schwierigen Schnittstelle dieser vielköpfigen Familie, inmitten sĂ€mtlicher Verbindungen und VerknĂŒpfungen, die zwischen diesen Mannigfaltigkeiten herzustellen sind.“
  41. 41
    T. Lethabo King, The Black Shoals: Offshore Formations of Black and Native Studies, Durham, Duke University Press, 2019.
  42. 42
    Lethabo King, The Black Shoals, S. xv.
  43. 43
    A. Kanngieser und Z. Todd, ‚From Environmental Case Study to Environmental Kin Study‘, S. 387.