What do todayâs infrastructures of outrage really provide? Can online discussions about incidents of racism assist in overcoming the reproduction of historically unequal Western worlds? Taking as a starting point the viral circulation of a video from the last Indigenous Peoples March, Lou Cornum discusses the problematics and limitations of todayâs discourse on decolonization. Going beyond argumentation about the politics of recognition and representation, the article emphasizes that worlds without walls, borders, and prisons can only truly be imagined together with those now struggling against them and who knew no such separations in the first place. As Cornum suggests, it is new forms of âunbordered thinkingâ that are needed for processes of decolonization to be enacted, and for new ways of living together to emerge.
â Leslie Marmon Silko, Almanac of the Deadâ 1
Ich finde es nicht besonders interessant, ob ein junger weiĂer Mann rassistisch ist oder nicht. Es ist kein groĂes Mysterium. Diese Frage zu klĂ€ren, eröffnet keine neuen Horizonte. Wir wissen es schon. Ich werde das Gesicht von Nick Sandmann nicht so bald vergessen, denn ich werde es in verschiedenen Formen immer wieder und wieder sehen. In der langen Reihe weiĂer MĂ€nner, die ihr WeiĂsein der Konfrontation mit IndigenitĂ€t abringen, ist er bloĂ ein weiterer Junge mit einem Grinsen im Gesicht. Der Moment strotzt vor der Gewalt der historischen Ordnung, die den weiĂen Jungen in Beziehung zu dem Mann ihm gegenĂŒber setzt: Nathan Phillips, ein Ălterer der Omaha und Aktivist im Indigenous Peoples March in Washington am 18. Januar. Sandmann könnte ebenso gut irgendein Junge im Sommerferienlager sein. Es gibt Orte, ganze RĂŒckzugsrĂ€ume, wo junge weiĂe MĂ€nner sich als US-amerikanische StaatsbĂŒrger ĂŒben. Es werden Reisebusse gemietet, um sie dorthin zu bringen.â 2
Das Video kommt in Umlauf. Weitere Bilder tauchen auf. So wie manche Menschen ihre Freizeit damit verbringen, in ĂŒberkomplexen HandlungsverlĂ€ufen namhafter Dramen nach Anhaltspunkten zu suchen, wenden sich andere diesen Videoclips zu, um Bewegungen, Absichten und Chronologie zu analysieren. Wozu? Um die angemessenen und akzeptablen Rollen von Opfer und TĂ€ter zu bestĂ€tigen. Als ob wir nicht wĂŒssten, wer in der Geschichte der Besiedlung Amerikas gewinnt und wer verliert. Es entsteht hier keine Möglichkeit, diese Begegnung jenseits von wechselseitigen VorwĂŒrfen zu verstehen. DemgegenĂŒber steht die Rolle der Schwarzen Israelitischen Demonstranten â vielleicht ist es diese Gruppe, von der wir am wenigsten wissen. Ihre Politik und Gemeinde wird kaum verstanden in der ausufernden und verĂ€stelten Geschichte, die sich hier herausbildet. Und doch werden die Schwarzen HebrĂ€er zu einer gelegenen Ursache des Konflikts gemacht. Die Narrative, die diese Welt zusammenhalten, verdichten sich zu einer defensiven Pose gegen die Schwarze Existenz. Die Anwesenheit der Schwarzen HebrĂ€er wird erwĂ€hnt, als ob dadurch jede Diskussion verneint werden könnte, die die Szene in die gröĂere Geschichte rassistischer Gewalt einbettet. In den Folgetagen werden dennoch Vergleiche gezogen zwischen Standbildern von Sandmanns Grinsen und Fotos von den weiĂen Jugendlichen, die Dorothy Counts verhöhnten, als sie als erste Schwarze Person an eine bis dahin komplett weiĂe Schule kam.
Zugleich werden indigene ândnsâ, die nicht Schwarz sind, zum Spektakel gemacht. Die Figur des âIndianersâ â einst fĂŒr ihre Andersartigkeit gefĂŒrchtet â wird nun verspottet. Sowohl das Schwarze Subjekt als auch das indigene Subjekt werden als Auslöser dargestellt, als Problem, als Angreifende. Die ganze Angelegenheit wird zur altbekannten WiederauffĂŒhrung der wirren VerstĂ€ndnisse von Rassismus und Politik in den USA. Schwarze und indigene Menschen sind darin keine wirklichen Menschen, sondern vielmehr symbolische Kategorien, durch die die weiĂen USA versuchen, die Ungleichheiten dieser Welt zu verstehen und deren Entstehung aus dem ausschlieĂenden humanistischen Regime heraus zu rehabilitieren. Wenn es dies bedeutet, gesehen und besprochen zu werden, dann mĂŒssen wir nicht nur die Politik der Anerkennungâ 3 hinterfragen, sondern auch die Politik der ReprĂ€sentation neu verhandeln, jenseits ihres politischen Wertes.â 4
Die Online-Diskussion ĂŒber die Konfrontation auf den Stufen des Lincoln Memorialsâ 5 zeugt von einer ĂŒbertriebenen Beteiligung an einer Infrastruktur der Empörung, die gar nichts stĂŒtzt. Es handelt sich um einen geschlossenen Kreis, einen Weg nach nirgendwo; oder vielmehr einen Weg, der sich immer um dasselbe dreht. Doch wie können wir die LĂŒcken im Zirkelschluss erkennen? Welche Bahnen mĂŒnden in einen neuen Weg, der nicht einfach wieder und wieder diese Welt reproduziert, sondern stattdessen eine andere aufbaut? Vieles wurde aus dem jungen Mann gemacht, der gegen Abtreibung auf die StraĂe ging. Wenig wurde hingegen ĂŒber die eigentlichen Motivationen und Forderungen des Indigenous Peoples March geschrieben. Im Kampf um Sichtbarkeit bleiben die indigenen Klagen gegen den Siedlungsstaat meist unverstanden. Wir können mit den Worten von Phillips selbst beginnen, die zwar nach, aber in direkter Reaktion auf die Situation aufgezeichnet wurden, in der er von SchĂŒlern der Covington Catholic School umringt war. âWir stehen auf indigenem Boden. Wisst ihr, es sollte hier nie Mauern geben. Es hat sie nie gegeben. FĂŒr Jahrtausende, bevor irgendwer anders herkam, hatten wir keine Mauern. Wir hatten keine GefĂ€ngnisse. Wir haben uns um unsere Ălteren gekĂŒmmert â und um unsere Kinder. Wir haben sie versorgt, wisst ihr? Wir haben sie richtig und falsch unterscheiden gelehrt. Ich wĂŒnschte, ich könnte sehen, wie diese jungen MĂ€nner ihre Energie dafĂŒr nutzten, dieses Land wirklich groĂartig zu machen.â
Seine Aussage enthĂ€lt viele Kernaspekte des Dekolonisierungsprozesses und einen Hinweis auf dessen WidersprĂŒche. Phillips verknĂŒpft den indigenen Boden mit einem Bild von einer Welt, in der es keine Grenzen und GefĂ€ngnisse gibt â mit einer Welt, in der alle Menschen bedingungslos versorgt werden, sogar jene, die nicht arbeiten und produzieren können. Der Anspruch auf den indigenen Boden ist hier gefolgt von einer Vision, was dieser Anspruch auf das Land eigentlich bedeutet, welche Art von Beziehungen und Strukturen zur Organisierung des gesellschaftlichen Lebens er umfasst. Indigenes Land ist fĂŒr Phillips nicht unbedingt eine Reihe begrenzter Territorien, sondern vielmehr eine Reihe von Praktiken. Indigenes Land wird hier als Boden fĂŒr Beziehungen verstanden. Es steht fĂŒr die Abschaffung von GefĂ€ngnissen. Es steht gegen die imperiale Grenze, die koloniale Grenze, die Grenzen durch Akkumulation und Extraktion. Phillips sagt: âWir stehen auf indigenem Boden.â Er meint: Diesem Boden entstammen indigene Praktiken. Wir sind zu vielem fĂ€hig: eine Gesellschaft ernĂ€hren, einander entsprechend unserer FĂ€higkeiten und Bedarfe versorgen, ohne MassenkĂ€fige und ausufernde Systeme der Beherrschung zu errichten.
Und doch endet Phillips mit einer Anrufung âdieses Staatesâ und drĂŒckt seinen Wunsch aus, die jungen MĂ€nner wĂŒrden an der Zukunft eines wirklich groĂartigen Amerikas mitwirken. Es handelt sich um einen vertrauten rhetorischen Zug, der meist die Aussage impliziert, dass die Erinnerung an ein groĂes Amerika fehlerhaft ist. Es ist möglicherweise auch ein Versuch, sicherzustellen, dass seine anderen Aussagen nicht als zu gegnerisch weggewischt werden. Wie machen wir den Widerstreit belebbar? Ich hingegen möchte mir lieber gar kein Amerika vorstellen. Vielleicht wĂŒrde Nathan Phillips das auch so sehen. Vielleicht gibt es manche Dinge, die an manchen Orten in manche Gesichter schwer zu sagen sind. Die Bitte an die jungen MĂ€nner, sich am Projekt eines wirklich groĂartigen Amerikas zu beteiligen, bedeutet auch, eine koloniale Zukunft vorzuschlagen. Doch die Kolonie arbeitet tĂ€glich daran, sich weiter in die Zukunft hineinzutreiben. Wir mĂŒssen das nicht unterstĂŒtzen. Stattdessen rufe ich uns dazu auf, die BĂŒhne des weiĂen ZĂ€hnefletschens zu verlassen. Wir sollten uns zusammentun, um so viele Modelle, Bilder, Simulationen und Erprobungen einer Welt ohne die Kolonie zu erschaffen. Diese Welt könnte Phillipsâ Zukunftserinnerung vom indigenen Boden ausbauen (â denn indem wir sagen, dass es frĂŒher so gewesen ist, glauben wir daran, dass es wieder so sein kann).
Die feinen Unterschiede zwischen Gruppen, etwa zwischen Phillips und mir, werden in Konstruktionen von einzelnen indigenen Personen, die vermeintlich allein als Monolithen des Massenleids dastehen, völlig ĂŒbersehen. Der Kreis, den die jungen MĂ€nner um Phillips bilden, ist von einem gröĂeren Kreis umgeben, der die von ihm berĂŒhrten GrundsĂ€tze und verĂŒbten Verletzungen nicht erkennt. Gemeint ist hier die Zusammenkunft der Zivilgesellschaft im empörten Kommentar. Indem sich die Kommentierenden als wahrhaftige TrĂ€ger:innen der liberalen Demokratie hervortun, negieren sie die Handlungen und Motivationen des hĂ€sslichen WeiĂseins. Doch das können sie nur hinter dieser Maske tun. Das Gesicht von Sandmann erscheint wie aus einem Traum, der aus den Tiefen des Amerikanischen Bewusstseins hervorgeholt wurde. Die WeiĂen, die plötzlich aus dieser Konfrontation heraus zu wissen meinen, was es zu tun gilt und wie ich Dekolonisierung praktizieren kann, (wĂ€hrend sie natĂŒrlich grĂŒndliche Nabelschau betreiben oder abgetragene Westliche Theorie zur Bedeutungsbestimmung von Dekolonisierung konsultieren,) versuchen im Mantel der Anschuldigung ihre Unschuld zu erreichen. FĂŒr Amerikaner:innen, die nicht indigen oder Schwarz sind, wird durch ihre Partizipation ihre staatsbĂŒrgerliche Zugehörigkeit verstĂ€rkt. Obwohl sie vielleicht als selbstverstĂ€ndlich genommen wird, bedeutet diese staatsbĂŒrgerliche Zugehörigkeit einigen viel mehr, als sie zuzugeben bereit sind. SchlieĂlich geben sie nach und steuern ihre Meinung bei. Sie beeilen sich, mit Nathan Phillips âmitfĂŒhlenâ zu wollen, um ihren affektiven Einsatz zu verkĂŒnden. Erneut versuchen sie, die Figur des âIndianersâ zu bewohnen, ihre Erfindung legitimiert sich selbst.
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Es ist einfacher, die ZusammenhĂ€nge und das globale AusmaĂ der weltweiten indigenen Enteignungen zu erkennen als tatsĂ€chlich einzugreifen. Betrachten wir etwa den lĂ€ngsten Shutdown der Regierung in der US-amerikanischen Geschichte im Winter 2018/2019. Die Weigerung, den Bau einer Grenzmauer (ĂŒber die bereits bestehenden Grenzanlagen hinaus) zu finanzieren, hatte einen Domino-Effekt: Sie resultierte in einer weiteren EinschrĂ€nkung der Ressourcen fĂŒr die indigenen Gemeinschaften, die in die AbhĂ€ngigkeit von einer fremden Macht gezwungen wurden und werden. Die Fortsetzung der Versorgung der Reservate mit Lebensmitteln, GĂŒtern und Diensten wird hier an das imperiale Projekt des Mauerbaus geknĂŒpft. So wird die Bewegung von Menschen verhindert, die durch militĂ€rische und wirtschaftliche Interventionen der USA vertrieben wurden.
Eines der Transparente auf dem Indigenous Peoples March lautete: âThere is No Oâodham Word for Wallââ 6 . Dieser Satz, der Anspruch an eine Welt und Denkweise ohne Mauern, wurde zuvor bereits bei den Protesten und Aktionen gegen die Einrichtung und Instandhaltung einer US-Grenzanlage auf dem Land der Tohono Oâodham zum Ausdruck gebracht. Die Tohono Oâodham sind eine indigene Nation, die auf der US-amerikanischen Grenze liegt. Angesichts der militarisierten Grenze haben sowohl die Bevölkerung als auch die Regierung der Tohono Oâodham gegen die Grenze protestiert, die ihr Territorium zerschneidet. Sie protestierten auch gegen die Gewalt, die durch diese Grenze ermöglicht wird: eine Gewalt, die zugleich historisch und alltĂ€glich ist. Die Mauer, die Sandmann und seine Freunde lautstark forderten, wird durch Enteignung und Vertreibung verfĂŒgt und ermöglicht. Das Gebiet heiĂt in der Oâodham-Sprache Papagueria und erstreckt sich weit ĂŒber die sĂŒdliche Grenze der USA hinaus. Auf dem viel kleineren GelĂ€nde, das das Reservat der Tohono Oâodham umspannt â treuhĂ€nderisch von der US-Regierung verwaltet, aber vermeintlich von einer souverĂ€nen Regierung der Oâodham regiert â bewegen sich die Grenzschutzpatrouillen, wie es ihnen beliebt. Ihre Maschinen und Ăberwachungssysteme bringen sie mit. Auf der Taâk Vaâvak-Gebirgskette, die den Oâodham heilig ist, wird nun ein groĂer Turm errichtet. Er gehört zu einem technischen Grenzschutzplan Arizonas, der mit 700 Millionen $US finanziert wird.
Die Infrastruktur der StaatsbĂŒrgerschaft entfaltet sich fĂŒr den Kommerz. Auf dem Weg zum Turm, der die USA als Nation eingrenzen soll, liegen die StraĂen, die die Geldströme flieĂen lassen sollen. Beim CANAMEX-Korridor handelt es sich um ein Netz aus SchnellstraĂen, Gleisen und Glasfaserverbindungen, das die NAFTA-LĂ€nder Kanada, USA und Mexiko miteinander vernetzt und einen einfachen Fluss der ausgebeuteten Rohstoffe sowie der zu ihrer Gewinnung erforderlichen Mittel (Maschinerie, GerĂ€teteile etc.) ermöglichen soll. Der ausgedehnte Korridor erstreckt sich nordwĂ€rts bis zu den Teersand-Abbau-Projekten in Alberta, Kanada. Er offenbart ein Leitmotiv des Kontinents: Es handelt sich um eine weitere Infrastruktur der Vertreibung, Enteignung und Entweihung. Mir geht es hier um die vielen VerknĂŒpfungspunkte der indigenen KĂ€mpfe und die vielen Vernebelungen, die die widerstĂ€ndige Wirksamkeit dieser VerknĂŒpfungen verhindern.
Dekolonisierung. Dieses Wort hat seine PrĂ€zision verloren. WĂ€hrend der Text âDecolonization is not a Metaphorââ 7 breit kursiert, stehen die Aufforderung und das schimmernde Ziel der âDekolonisierungâ oft vertretend fĂŒr das, was wir nicht artikulieren können, fĂŒr das, âwas es zu tun giltâ oder âwas kommen mussâ. Der Aufbau von Beziehungen und die Pflege von RelationalitĂ€t entgegen westlicher Formen der SouverĂ€nitĂ€t gehört zur harten Arbeit der tatsĂ€chlich bestehenden De-Kolonisierung. Die Beanspruchung von Land als Gemeingut ist dafĂŒr kritisiert worden, koloniale Bedingungen der Landnahme zugunsten von Siedler:innen zu reproduzieren. Doch Craig Fortier bespricht das Potenzial einer dekolonialen Allmende oder einer Praxis des âdekolonialen Commoningâ. In der Romanze der Commons, wie weiĂe Siedler:innen sie sich zu eigen machen, wird stets IndigenitĂ€t als Ressource vorausgesetzt. Bei einer SolidaritĂ€tsaktion im Unistâotâen-Camp in Ontario Anfang 2019, das zunehmend von der Polizei unter Druck gesetzt wurde, kritisierte die Anishinaabe-Aktivistin Tori Cress die Nutzung indigener Völker, indigenen Bodens und indigenen Lebens als Ressource. Sie sprach ĂŒber die Aggression der Pipeline-Bauprojekte von TransCanada als unerbittlich extrahierend. Diese Aggression wird von einem VerhĂ€ltnis der Ausbeutung indigener Gesellschaften und ihres Bodens durch Kanada und dessen bevorzugte Firmen gestĂŒtzt und verstĂ€rkt dieses VerhĂ€ltnis zugleich. Diesen Impuls der Extraktion sieht Cress allerdings auch bei den Liberalen und Linken, die sich indigene Ideen (bzw. ihre Vorstellung davon) als eine erforderliche Salbung ihrer eigenen Utopien aneignen.
Dekolonisierung entwirft, baut und entsteht aus Infrastrukturen gegen die bestehenden, endlichen Strukturen. Praktiken der Dekolonisierung wĂŒrden individualisiertes Handeln ausweiten, indem sie die Möglichkeiten vermehren, Kollektive materiell zu unterstĂŒtzen. Ich schreibe âwĂŒrdenâ, denn obwohl Dekolonisierung mit anderen historischen Projekten verbunden ist, spreche ich hier von einer Art potenzieller Dekolonisierung, die der Gegenwart noch bevorsteht. Ich möchte Dekolonisierung theoretisch deutlicher verstehen: Dekolonisierung als Theorie ist eine Inszenierung und Verordnung [an enacting]. Ăber diesen Prozess schreibt Leanne Simpson, dass er neues Leben schafft und die Bedingungen des Lebens neu schafft (Dancing on our Turtleâs Back, Arbiter Ring Press, 2011). Diese Vermehrung von Leben erfordert unter anderem Formen des Denkens ohne Grenzen.
Neben â aber nicht entgegen â der offenen Grenze steht die Blockade. RessourcenflĂŒsse umkehren. Die Menschen durchlassen. Das Kapital aufhalten. Glen Coulthard erinnert uns: âWenn Ihr von den Machthabenden rasche Reaktionen auf die politischen Bestrebungen indigener Menschen wollt, dann platziert deren Körper (und sicherheitshalber ein paar BaumstĂ€mme und Reifen obendrein) zwischen die Siedler und ihr Geld, das in kolonialen Kontexten auf dem fortwĂ€hrenden Diebstahl und der Ausbeutung unserer Böden und Ressourcen beruht.â Die Blockade unterbricht die imperiale Infrastruktur und lebt zugleich eine alternative materielle und soziale Infrastruktur aus. JĂŒngst habe ich die Aktionen des Blockade-Camps in Unistâotâen verfolgt, einem der vielen Orte im heutigen Kanada, wo die Regierung mit Gewalt die Profite der Ăl- und Gasindustrie durchsetzt. Coastal GasLink, ein Tochterunternehmen von TransCanada beruft sich auf die volle Kraft der Gesetze und die Regierung assistiert dem Unternehmen wie immer bei dessen EinschĂŒchterungstaktiken und Aggressionshandeln zur Kapitalakkumulation (hier soll daran erinnert sein, dass Kanada die gröĂte Zahl an Soldaten seit dem Korea-Krieg fĂŒr die private Kontrolle eines Golfplatzes in QuĂ©bec im Jahr 1991 einsetzte). In den USA werden die KĂ€mpfe gegen die Dakota Access Pipeline, gegen den Uranabbau im Grand Canyon und gegen Fracking-Standorte in vielen Bundesstaaten vor den Gerichten und auf dem jeweiligen Boden fortgesetzt. Wenn Empörung ein Ventil braucht, dann sollte sie in der materiellen UnterstĂŒtzung dieser Bewegungen kanalisiert werden. Sie sollte nicht in die endlose Reproduktion von Expert:innen, öffentlichen Personen und Schiedsrichter:innen der falschen MoralitĂ€t flieĂen, sondern in die Rechtskosten und Versorgung der Aktivist:innen sowie in Ressourcen fĂŒr Bildungs- und BĂŒndnisarbeit. Zu diesem Zweck könnte das Internet womöglich die Verteilung zerstreuter Ressourcen der SolidaritĂ€t vereinfachen. Doch bislang hĂ€ngt es in einem System der individuellen persönlichen Verantwortung fest. Das ist ein Startpunkt. Vielleicht finden wir weitere.
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Vor zwei Jahren saĂ ich in den letzten Sommertagen am Eastern Parkway in Brooklyn und sah einem riesigen PappmachĂ©-Vogel zu, der als Teil der Parade zum West Indian Day an mir vorbeizog. Ich dachte ĂŒber die zerbrochene, aber stetige Linie indigenen Lebens und dessen Reisen in viele Richtungen nach: wie es sich von Afrika ĂŒber den Atlantik bewegt, in den Inseln der TaĂno, Arawak und anderer verfĂ€ngt, und dann â vielleicht ein wenig zerzaust â in den Vereinigten Staaten von Amerika ausbreitet. Jene, die durch die Versklavung herkamen, haben GewĂ€sser und Welten zu Kontinenten ĂŒberquert, die so anders bewohnt und organisiert waren als sie es heute sindâ 8 . Die VerschrĂ€nkungen zwischen dem transatlantischen Handel mit versklavten Menschen, der siedlungskolonialen Enteignung und dem Genozid an indigenen Völkern haben eine Welt der verschleiernden und grundlosen Gewalt geschaffen. Mein kleines Leben, dessen Verlauf ich durch Orte und zwischen Menschen nachvollzogen habe, ist darin völlig verfangen. Ströme und StrĂ€nge â diese Metaphern kommen leicht auf, doch sie zeigen nicht das Bild, zwischen den KanĂ€len aller möglichen Welten umherzutreiben. Doch diese KanĂ€le wurden in der jetzigen Welt errichtet, die sich in ihrem Wesen aus einer Vergangenheit abgelagert hat. Ich habe meine IndigenitĂ€t als Entfremdung von Zugehörigkeit erlebt, gewissermaĂen als Herzschmerz, der schon vor mir da war (â und ich wurde tatsĂ€chlich mit einem Loch zwischen den Herzkammern geboren). Vielleicht habe ich deshalb immer nach dem gesucht, was in den LĂŒcken verloren geht. In diesem Hunger nach ĂŒbergreifenden Verbindungen an den Wegkreuzungen und AbgrĂŒnden spĂŒre ich die Gefahren der Verflachung von Geschichte durch das Ă€ngstliche Ăbersehen von Differenz und die Verweigerung von Konflikt.
In meinem derzeitigen Schreiben kehre ich immer wieder zum Gedicht âAmerican Arithmeticâ von Natalie Diaz zurĂŒck und ertappe mich dabei, wie ich ihre Zeilen zitiere: âI am trying not to become a museum of myself/ I beg let me be lonely but not invisible.ââ 9 Wenn wir wirklich aus den Glasvitrinen des Museums der Nation heraustreten möchten, dann muss dieser Schritt aus einem langen Prozess der Hinterfragungen und aus einem intensiven BemĂŒhen um ein bedachtes Miteinander hervorgehen. Idealerweise ist das ein VergnĂŒgen. Vielleicht wird es eines. Mein Lieblingsmensch sagt immer, wenn wir den unterschiedlich starken Schmerzen an verschiedenen Stellen begegnen: âDas muss nicht so sein.â Es könnte sich so viel besser anfĂŒhlen.
Dieser Essay erscheint im Rahmen einer Medienpartnerschaft mit ROM ebenfalls in der Print-Ausgabe 3 des Magazins.
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It is easier to see the interconnections and global scale of Indigenous dispossession than it is to intervene. Consider for instance the December 2018/January 2019 U.S. government shutdown, the longest in American history. In this scenario, the refusal to fund the construction of a border wall (beyond what has already been built) then domino effects into further restrictions on the resources sent to Indigenous communities who have been forced into dependency on a foreign power. The continued supply of foods, goods, and services to reservations becomes tied to the imperial project of wall-building to prevent the movement of peoples displaced by U.S. military and economic intervention.
One of the banners at the Indigenous Peoples March read: âThere is No Oâodham Word for Wall.â This phrase, the assertion of an un-bordered world and way of thinking, has been uttered before in the peopleâs protests and actions against the implementation and maintenance of a U.S. border on Tohono Oâodham land. The Tohono Oâodham are a tribal nation that exceeds the southern border of the United States. In the face of the militarized border, many Tohono OâOdham people and the tribal government have protested both the border that cuts through their territory and the violence that makes it possibleâa violence that is both historical and of the everyday. The wall that Sandmannâs peers called out for is summoned and made possible through dispossession. The territory is called Papagueria in the Oâodham language, and it extends far below the southern border of the United States. In the much smaller section that is the Tohono Oâodham reservation, comprising lands held in trust by the U.S. government but supposedly governed by a sovereign tribal government, border patrol agents come and go at their whim. Their machines and systems of surveillance come with them. A large tower is being constructed on the Taâk Vaâvak mountain range considered sacred by the Oâodham, funded by a $700-million Arizona Border Surveillance Technology Plan.
The infrastructure of citizenship unfurls for commerce. Passing by the tower meant to police the former are the roads meant to make the latter flow. The CANAMEX Corridor is a series of highways, rails, and fiber optic lines connecting the NAFTA nations of Canada, the United States, and Mexico, and facilitating an easy flow of extracted resources and/or the means (machinery, parts, etc.) to extract more. It extends upward to the tar sands extraction projects of Alberta, Canada. It is a stretching manifestation of a continental motif: infrastructure of displacement, dispossession, and desecration. What I want to gesture to are the many linkages of Indigenous peopleâs struggles and the many obfuscations that keep such linkages from counter-actualizing.
Decolonization. This word has lost its precision. Its cut. Even as the article Decolonization is not a Metaphor is widely circulated, still the injunction âdecolonizeâ and the shimmering goal of âdecolonizationâ is used to stand in for what we cannot articulate as âwhat is to be doneâ or âwhat is to come.ââ 10 Building relationships and cultivating relationality counter to Western forms of sovereignty is part of the hard, long-term work of actually existing de-colonization. While the claiming of a commons has been criticized for its reproduction of colonial conditions of appropriating land for the use and benefit of settlers, Craig Fortier discusses the potential of a decolonial commons or a practice of âdecolonial commoning.â In the romance of the commons espoused by the white settler there is the continuing assumption of indigeneity as resource. In the first month of 2019, in a solidarity action in Ontario with the people at the Unist'ot'en Camp, increasingly surrounded by law enforcement pressures, Anishinaabe organizer Tori Cress condemned the use of Indigenous peoples, Indigenous lands, Indigenous life as a resource. She addressed the aggression of TransCanadaâs pipeline projects as relentlessly extractive, supported by and reinforcing a total relationship of extraction between Canada, the corporations it favors, and Indigenous peoples and their lands. This extraction impulse Cress identifies also holds true for the liberals and leftists who turn to Indigenous ideas (or simply their impressions of such) as the needed salve for their own utopias.
Decolonization builds, prefigures and is delivered by infrastructures against discrete structures. Practices of decolonization would extend individualized action by proliferating the chances for materially supporting collectives. I say âwouldâ because although decolonization is a project tied to others in history, I speak here of a kind of potential decolonization imminent in the present. Decolonization as a theory I want to understand more clearly; decolonization as a theory that is also an enacting. A process Leanne Simpson describes as producing more life and re-creating the conditions for living.â 11 This proliferation of life requires, among other things, forms of unbordered thinking.
Juxtaposed but not antagonistic to the open border is the blockade. Reverse their flows. Let the people pass. Stop the capital. Glen Coulthard reminds us âIf you want those in power to respond swiftly to Indigenous peoplesâ political efforts, start by placing Native bodies (with a few logs and tires thrown in for good measure) between settlers and their money, which in colonial contexts is generated by ongoing theft and exploitation of our land and resource base.â The blockade is both an interruption of infrastructure and the living out of another one, both material and social. Most recently, Iâve been following the efforts of the blockade camp at Unistâotâen, one site of many in contemporary Canada where the government provides the violent enforcement necessary to further oil and gas industry profits. Coastal GasLink, a subsidiary of TransCanada, is invoking the full force of the law and the government has, as always, assisted the corporation in its intimidation tactics and aggressive acts of capital accumulation (Canada, it must be remembered, deployed the largest number of troops since the Korean War to enforce the private control of a QuĂ©bĂ©cois golf course in 1991). In the United States, the fights continue in courts and on the land against the Dakota Access Pipeline, uranium mining in the Grand Canyon, and fracking sites across many states. If there is any outlet for outrage, it should be directed at the material support of these movements. Not the endless reproduction of the expert and the public persona and the adjudicators of false morality, but rather the legal funds, the supplies, the space for educational outreach, the resources for coalitions. To these ends, the internet might facilitate the distribution of diffuse solidarity resources but, as yet, it remains locked in a system of individual personal responsibility. Itâs a start. We might find others.
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Two years ago, during the last days of summer, I sat on Eastern Parkway in Brooklyn, watching a giant paper-mĂąchĂ© bird travel by in the West Indian Day Parade and I thought about the broken but persistent line of Indigenous life that travels in many directions from Africa, across the Atlantic, getting tangled up in the islands of the TaĂno, the Arawak and others before unfurling, perhaps a little frayed now, in the United States of America. Those brought here in slavery crossed waters and crossed worlds to continents inhabited and organized so much differently than today.â 12 The entanglements of the trans-Atlantic slave trade and settler colonial dispossession and genocide of Indigenous peoples have formed a world of obscuring and gratuitous violences. My little life, the trajectory Iâve charted through places and between people, is all caught up in it. Streams, strings, these metaphors come easy but they donât quite capture the image of being adrift among the channels of all possible worlds laid for now in the current one deeply sedimented with the past. It is perhaps because I have experienced my indigeneity as an alienation from belonging, as a kind of pre-existing condition of heartbreak (born with a hole between the aortic chambers) that I am always looking for what gets lost in the gaps. In the overlapping connections at the crossroads and the chasms, I feel the dangers of flattening history, anxiously overlooking difference, refusing conflict.
In everything I write these days, I return to the Natalie Diaz poem âAmerican Arithmeticâ and I find myself, in one way or another, reciting her lines: âI am trying not to become a museum of myself/ I beg let me be lonely but not invisible.â If we are truly to step outside the glass panes in the museum of the nation, that stride must come through a long process of questionings and a concentrated effort of considering how we want to be with each other. This ideally is a pleasure. Perhaps it becomes one. My love is always saying, as we encounter the various pains of different scales in different places, âIt doesnât have to be this way.â It could feel so much better.
This essay also appears in the printed issue #3 of ROM as part of a media partnership.
- 1 Leslie Marmon Silko, Almanac of the Dead (New York: Simon & Schuster, 1991), Front Matter.
- 2 Am 18. Januar 2019 versammelten sich sowohl Demonstrant:innen fĂŒr den Indigenous Peoples March als auch Abtreibungsgegner:innen fĂŒr einen sogenannten âMarsch fĂŒr das Lebenâ in Washington, D. C. Infolgedessen wurde in verschiedenen Sozialen Medien ein Video veröffentlicht, das einen jungen Mann von der Covington Catholic School mit einer âMake America Great Againâ-Kappe zeigt, der dem indigenen Omaha-Ălteren Nathan Phillips gegenĂŒbersteht und ihn angrinst. Das Video verbreitete sich schnell im Internet. Viele liberale und linke Leute verurteilten den jungen Mann; die vielen Kommentare interpretierten die Ereignisse auf dem Video ganz unterschiedlich. Auf diese Gegenreaktion und den damit einhergehenden Medienzirkus hin schrieb die Schule einen Bericht und sprach ihre SchĂŒler von der Beteiligung an jedweder BelĂ€stigung oder diskriminierender Rede frei.
- 3 Audra Simpson, Glen Coulthard und Leanne Simpson argumentieren, dass die Politik der Anerkennung â also die BemĂŒhungen, den Legitimationsmechanismen des siedlungskolonialen Staates indigene Selbstbestimmung abzuringen â in einer politischen und gesellschaftlichen Sackgasse fĂŒr den Erhalt der AlteritĂ€t indigenen Lebens mĂŒndet.
- 4 ândnsâ ist eine AbkĂŒrzung fĂŒr die ursprĂŒngliche Fehlbenennung âIndiansâ, die von Christopher Columbus geprĂ€gt wurde, als er behauptete, er hĂ€tte Inder angetroffen. Viele nordamerikanische Indigene nutzen das KĂŒrzel als eine Art Wiederaneignung des kolonialen Verkennens.
- 5 Es gab massenhaft Diskussionen ĂŒber den Vorfall in den Sozialen Medien â scharfe Positionierungen auf allen Plattformen, Twitter-Drohungen der Videoanalyse und Facebook-Streit ĂŒber widersprĂŒchliche Interpretationen. Sie alle hielten den Medienstrudel in Bewegung, der sich nicht nur mit den Details der eigentlichen Konfrontation befasste, sondern auch aus der Empörung in den Sozialen Medien eine Story machte.
- 6 A.d.Ă. Der Spruch lautet auf Deutsch etwa: âIn der Oâodham-Sprache gibt es kein Wort fĂŒr Mauer.â
- 7 A.d.Ă. Der Text von Eve Tuck und K. Wayne Yang argumentiert, dass der Begriff der Dekolonisierung nicht in einer allgemeinen Rhetorik fĂŒr soziale Gerechtigkeit verwendet werden sollte, da das Konzept so nicht mehr konsequent gegen Siedlungskolonialismus nutzbar ist â also fĂŒr die RĂŒckgabe von Land und RĂŒckkehr von Lebensweisen der indigenen Bevölkerung des nordamerikanischen Kontinents.
- 8 Dieses sprachliche Bild bezieht sich auf Crossing Waters, Crossing Worlds: The African Diaspora in Indian Country, hg. von Sharon Holland und Tiya Miles, Duke University Press, 2006.
- 9 A.d.Ă. Die Gedichtzeile lautet auf Deutsch etwa: âIch versuche, nicht zum Museum meiner selbst zu werden/ Lasst mich gern einsam sein, aber bitte nicht unsichtbar.â
- 10 Eve Tuck, and K. Wayne Yang, âDecolonization is not a Metaphor.â in Decolonization: Indigeneity, Education and Society. Vol 1, No 1 (2012):, 1-40. This articleâs title remains one of the most powerful memes in indigenous studies: a constant failing reminder of the material, political practice of decolonization as a process of literally un-settling the lands of Turtle Island. Decolonization is also not a singular, in time or space, and this article should be read and complicated alongside texts arising outside or from other margins of the global north.
- 11 Leanne Betasamosake Simpson, Dancing On Our Turtle's Back: Stories of Nishnaabeg Re-Creation, Resurgence, and a New Emergence (Winnipeg: ARP Books, 2011).
- 12 This image is a reference to Crossing Waters, Crossing Worlds: The African Diaspora in Indian Country, ed. by Sharon Holland and Tiya Miles, (Durham, NC: Duke University Press, 2006).