Auf einer eher zweifelhaften Mission, das Jahr 1995 als das einflussreichste Jahr jĂŒngerer Zeit auszumachen, veröffentlichte der Autor W. Joseph Campbell 2015 sein Buch 1995: The Year the Future Began, in dem er fĂŒnf âepochaleâ Ereignisse anfĂŒhrt. Er nennt die allgemeine Verbreitung des Internets (unter Bezugnahme auf die Popularisierung des World Wide Web, den Börsengang des Browsers Netscape und die Veröffentlichung von Microsofts multimedialem Betriebssystem Windows 95), die Gerichtsverhandlung im Fall O. J. Simpson, das Sprengstoffattentat in Oklahoma City, die Lewinsky-AffĂ€re sowie das Friedensabkommen von Dayton.â 3 Nach Campbell kennzeichnen diese âEreignisseâ Wendepunkte der âEntwicklungen in den neuen Medien, in Terrorismus, KriminalitĂ€t und Justiz im [US-amerikanischen] Inland, in internationaler Diplomatie und politischem Skandalâ.â 4 Diese These birgt einige Probleme, etwa die ZusammenfĂŒhrung von langfristigen technologischen und politischen Prozessen, wie der Entwicklung von Netzwerkkommunikation oder der Balkankonflikte, mit jahres-bestimmenden âEreignissenâ, oder die US-zentrische Vorstellung von einer aufkommenden Zukunft, die von nordamerikanischer Innen- und AuĂenpolitik bestimmt wird (wenn auch diese ĂŒberaus einflussreich ist). ZugegebenermaĂen hat die Betrachtung von 1995 als zeitlichem Bestimmungspunkt unserer postdigitalen Situation durchaus etwas fĂŒr sich; nicht so sehr wegen der dadurch nahegelegten KontinuitĂ€ten mit der gegenwĂ€rtigen Zeit (wie der Bedeutung des Internets oder der aufkommenden Verbreitung digitaler Kultur), sondern wegen der Konflikte und WidersprĂŒche innerhalb der Digitalisierung, die in jenem Jahr deutlicher hervorzutreten begannen.
Post-digitale Fluchtpunkte
Inspiriert vom Gedanken des medialen âFluchtpunktsâ in Siegfried Zielinskis Studie zur parallelen Geschichte von Kino und Fernsehen, Audiovisionen, werde ich hier die verschiedenen soziotechnologischen Vorstellungswelten betrachten, die sich eröffnen, wenn ich das Jahr 1995 vom Standpunkt des transmediale-Festivals aus analysiere.â 5 Obwohl Zielinski das in Audiovisionen durchweg angewendete Konzept nicht ĂŒbermĂ€Ăig theoretisiert, wird der âFluchtpunktâ zu einer Perspektive, von der aus die Geschichte von Kino und Fernsehen in ihrer PrĂ€gung durch bestimmte âtechnische, kulturelle und soziale Prozesseâ betrachtet werden kann.â 6 FĂŒr Zielinski stehen diese Prozesse â im Falle des Kinos â im Zusammenhang mit der Industrialisierung, in der das Kino ein Punkt sowohl der Beruhigung als auch der Orientierung in der Eile des Fortschritts wurde, sowie â im Falle des Fernsehens â im Zusammenhang mit einer Nachkriegsnachfrage nach individualisiertem Medienkonsum, umgesetzt in einer Mischung aus Massenmedien und WohnzimmerintimitĂ€t. In seinem Buch bespricht Zielinski, wie diese Medienformen insofern Fluchtpunkte gröĂerer gesellschaftlicher Prozesse kennzeichnen, als dass sie notwendige Reaktionen auf neue Lebensbedingungen waren. Wenn dieser unkonventionelle Medienhistoriker also vom Ende des Kinos und Fernsehens (oder gar des Konzepts der Medien im Allgemeinen) spricht, bezieht er sich nicht auf eindeutige Enden, sondern auf die finalen Stadien oder Ăbergangspunkte bestimmter Zeitepochen, die durch groĂe gesellschaftliche VerĂ€nderungen, wie die Industrialisierung, bedingt und somit durch sie begrenzt sind. Wenn wir heute vom Konzept des Postdigitalen sprechen, ist das fĂŒr mich ebenso wenig ein Begriff, der fĂŒr das Ende des Digitalen steht. Vielmehr beschreibt er, wie eine bestimmte historische, ideelle und materielle Mobilisierung des Digitalen in gröĂeren sozioökonomischen und globalen Entwicklungsmustern subsumiert wurde, in denen alles â in gewissem MaĂe â schon digital ist (und sogar analoge EntitĂ€ten in digitalen InformationsflĂŒssen eingebunden sind).
Der Fluchtpunkt aller Medien mag daher als totalisierendes Moment des Digitalen erscheinen, doch genau hier kann die distanzierende Wirkung des Konzepts des Postdigitalen Lesarten eröffnen, die erkunden, wie ein Medium immer an verschiedenen historischen Punkten viele verschiedene Dinge ist. Keine Geschichte kann aus der totalisierenden Perspektive geschrieben werden, dass irgendein spezifisches Medium immer an eine spezifische Entwicklung geknĂŒpft war. Stattdessen werde ich eine transversale Analyse versuchen, indem ich an einem spezifischen Punkt in der Geschichte der transmediale ansetze, der ein Fluchtpunkt der Medienkunstgeschichte wird und neue Formen des Denkens und Handelns in den Medien inspirieren kann.
ZurĂŒck in die Zukunft
Wenn ich mich dem Jahr 1995 aus einer differenzierteren Perspektive zuwende als jener von Campbell, dann markiert dieses Jahr auch einen Zeitpunkt, der von Konflikten im und ums Internet geprĂ€gt war, die Wendy M. Grossman als ânet.warsâ bezeichnet. Ihr 1997 erschienenes so betiteltes Buch beschreibt die verschiedenen KĂ€mpfe zwischen Kontrolle und Freiheit in den frĂŒhen Tagen der vernetzten Massenkommunikation im Internet mit Blick auf die erste HĂ€lfte der 1990er Jahre. In jenen Jahren etablierten sich viele der jetzigen Debatten der digitalen Kultur erst, die heute durch Mainstream-Politik und MedienkanĂ€le weltweit und in einer breiten Ăffentlichkeit gefĂŒhrt werden. Sie befassten sich beispielsweise mit intellektuellem Eigentum, PrivatsphĂ€re, Datensammlung und Sozialverhalten im Netz. Solche Themen wurden anfĂ€nglich vor allem innerhalb eines euro-amerikanischen Diskurses verhandelt. Es gab einen gewissen Vorbehalt gegenĂŒber der US-amerikanischen Euphorie fĂŒr die unendlichen, bahnbrechenden Möglichkeiten unserer virtuellen Leben im Cyberspace und gegenĂŒber den Versprechen der Clinton/Gore-Regierung einer globalen unternehmerischen Freiheit, die als âinformation superhighwayâ BerĂŒhmtheit erlangte. Es wĂ€re jedoch allzu vereinfacht, die 1990er Jahre als die Jahre der digitalen Euphorie darzustellen und die darauf folgende Dotcom-Pleite als Wechsel von der Utopie in die Dystopie. Nachdenklichere und kritischere Stimmen zum Thema gab es auch schon Mitte der 1990er Jahre. Die spannendsten unter ihnen waren nicht kulturpessimistisch, sondern kamen hauptsĂ€chlich aus einer entstehenden âkritischen Netzkulturâ selbst und auch fĂŒr diese brachte das Jahr 1995 einen Wendepunkt mit sich. Denn in jenem Jahr veröffentlichten Richard Barbrook und Andy Cameron ihre berĂŒhmte Kritik des vom Wired-Magazin geprĂ€gten Diskurses ĂŒber digitale Kultur. Ihr Essay âThe Californian Ideologyâ verknĂŒpft die Verschmelzung von US-amerikanischer Gegenkultur und Neoliberalismus mit der neuen digitalen Avantgarde der WestkĂŒste.â 7 In einem hiermit verbundenen Geist gegen den Wired-Hype grĂŒndeten Geert Lovink und Pit Schultz die einflussreiche Mailingliste ânettimeâ fĂŒr âNetzkritik, kollaboratives Texte-Filtern und Kulturpolitiken der Netze [net criticism, collaborative text filtering and cultural politics of the nets]â.â 8
Videokultur Goes Multimedia
UrsprĂŒnglich wurde die transmediale 1987 als ein Videokunstfestival initiiert, das vom Berliner Videokollektiv MedienOperative als ein Ableger des âForums des Jungen Filmsâ der Filmfestspiele Berlin organisiert wurde. Das erste richtige Festival wurde 1988 unter dem Titel VideoFilmFest und noch in Kooperation mit dem Forum veranstaltet. Doch erstmalig wurde ein unabhĂ€ngig produziertes und kuratiertes Programm prĂ€sentiert. Von Anfang an verstanden seine Macher_innen die einzigartige Bedeutung des Festivals fĂŒr die Schaffung eines Raumes zwischen etablierten Filmgenres und Produktionsformen. Sie öffneten auch den engen Fokus der Filmfestivals und bezogen kĂŒnstlerische Arbeiten und solche aus den neuen Medien ein, die nicht unbedingt im Kino Platz fanden. Einerseits sah sich das (1989 so benannte) VideoFest mit seiner PrĂ€sentation neuer medialer Kunstpraktiken als provokative Intervention, andererseits sollten diese neuen Praktiken in einem realistischen Licht betrachtet werden. Ziel war also, nicht dem technologischen Hype zu erliegen, sondern fĂŒr die Möglichkeiten des technologischen Wandels offen zu bleiben und zugleich kritisch dessen Vor- und Nachteile hinsichtlich kĂŒnstlerischer Produktion zu diskutieren.â 9 In den frĂŒhen 2000er Jahren war die transmediale (unter kĂŒnstlerischer Leitung von Andreas Broeckmann) zu einem selbstverstĂ€ndlichen Treffpunkt fĂŒr diese Diskussionen geworden, doch 1995 griff das VideoFest die europĂ€ische kritische Netzkultur nur verhalten auf. Als Festival mit Wurzeln in unabhĂ€ngiger und kĂŒnstlerischer Videokultur, aber mit dem Ziel einer breiteren Einbeziehung neuer Medien, mĂŒssen die Organisator_innen 1995 mit einigen Dilemmas konfrontiert gewesen sein â diesen Eindruck erweckt zumindest ein Blick in das damalige Programm, das eine Reihe interessanter WidersprĂŒche aufweist. 1994 gehörte das VideoFest zu den ersten, die das bahnbrechende deutsche Netzkunstprojekt Handshake von Karl Heinz Jeron und Michel Blank zeigten.â 10 Das Kunstwerk war nach einem Kommunikationsprotokoll benannt und seine Herangehensweise typisch fĂŒr jene Zeit. Es stellte eher die Infrastruktur und Handlung vernetzter Kommunikation in den Vordergrund als ihre dargestellten Inhalte und formale Ăsthetik. Vielleicht entschied das VideoFest deshalb im Jahr 1995, als der frĂŒhe Hype um das Internet und das World Wide Web seinen Höhepunkt erreichte, seine Haltung zum Internet beinahe umzukehren â und stattete nur einen der vier installierten Ausstellungscomputer mit einer Internetverbindung aus, wĂ€hrend die restlichen Computer offline blieben. Dem Katalogtext zufolge, der diese Entscheidung erklĂ€rt, wurde vernetzte Kommunikation als inkompatibel mit einer tieferen Erfahrung von Kunst erachtet: âDas VideoFest will spannende Werke ausstellen (wie ein GemĂ€lde in einem Museum), die HeranfĂŒhrung an und das Surfen durchâs Netz haben wir 1994 angeboten.ââ 11
WĂ€hrend einer der Schwerpunkte des Festivals 1995 âMultimediaâ lautete, aufgeteilt in CD-ROM- und Internet-basierte Arbeiten, wurde die offenendige Nutzung der Letzteren offenbar einer Vorstellung der musealen Rezeptionsweise untergeordnet. Die Ironie liegt darin, dass die Offline-Version der PrĂ€sentation am Ende noch weniger jener im Museum oder in einer Galerie Ă€hnelte, da sie die individuelle statt der kollektiven Rezeption der Kunstwerke in den Vordergrund rĂŒckte (die zumindest in einer Online-PrĂ€sentation gegeben wĂ€re). Diese Vorstellung von Multimedia war wohl vor allem vom Heimcomputer und besonders von der Gaming-Kultur geprĂ€gt, die wahrscheinlich der gĂ€ngigste BerĂŒhrungspunkt mit interaktiven digitalen Umgebungen fĂŒr das gemeine Publikum war (ebenso wie fĂŒr die Kurator_innen und KĂŒnstler_innen). In seiner EinfĂŒhrung zu einem Panel ĂŒber Multimedia bestĂ€rkte der kĂŒnstlerische Leiter des VideoFest Micky Kwella diese These, indem er ziemlich negativ konstatierte, dass das neue Medium von Spielen und Porno beherrscht werde und dass der Fokus des VideoFest auf Multimedia das Ziel verfolge, ein begrĂŒndetes Gegenargument zum Hype anzubieten, die kĂŒnstlerischen BeschrĂ€nkungen ebenso zu zeigen wie die Möglichkeiten multimedialer und Internet-Kunst.â 12
âREACTIONARY PIGS!â
Anders ausgedrĂŒckt hatte dieser Ansatz an Multimedia einen konsumkritischen Zug an sich, was wohl hinsichtlich alternativer Medienkultur charakteristisch fĂŒr das VideoFest als Ganzes war. 1994 schickten die Organisator_innen des Festivals einen Fragebogen an die von KĂŒnstler_innen gefĂŒhrte Mailingliste âluxlogisâ, der eine Reihe von Fragen ĂŒber âelektronische Kulturâ enthielt, etwa darĂŒber, ob und wie verschiedene Aspekte elektronischer Medien â einschlieĂlich Fernsehen, Video und Multimedia â eigentlich Kultur sein könnten. Der niederlĂ€ndische Medientheoretiker und -aktivist Geert Lovink widersprach dieser Haltung heftig und warf dem VideoFest den Versuch vor, eine deutsche Version von Kulturkonservatismus auf eine offene Kultur des Experimentierens zwischen Medienformen anzuwenden.
Betreff: Re: HANDSHAKE â VideoFest94, Berlin
An: luxlogis@uropax.contrib.de(Lux Logis e.V.)
Datum: Wed, 2 Feb 1994 08:04:21 +0100 (MET)
Ist Handshake Kultur....?!? Ist Berlin Kultur.....!? Verbreitet deutschen Selbsthass nicht gegen die Medien! Gegen jeden Ausdruck von Medienkonservatismus Es ist deprimierend, als erste Frage auf Eurer Liste zu lesen, ob Fernsehen âKulturâ sei. Fernsehen ist eine Technologie, ein Medium, wenn Ihr so wollt. Obwohl es als eindirektionales, zweikanaliges Massenmedium mit enormem Einfluss auf die Bevölkerung dem Niedergang verschrieben ist, wĂ€chst es langsam in andere Richtungen. Einzelpersonen und Gruppen können die Richtung ihrer eigenen Fernsehkultur beeinflussen, indem sie Experimente mit Piraterie und der Verbindung zwischen Fernsehen, Telefon und Computer beginnen, indem sie die gegenwĂ€rtig engen Vorstellungen von InteraktivitĂ€t kommentieren. Und indem sie selbst Fernsehen machen. Nicht indem sie solch alberne Themen diskutieren, die ein paar elitĂ€re, frustrierte deutsche Intellektuelle diktieren, die nichts ĂŒber Medien oder neue Technologien wissen und die in die echte Welt, Oper, Natur, etc., zurĂŒckkehren wollen. Ihr reaktionĂ€ren Schweine!
Diese aggressive Reaktion Lovinks deutet auf mögliche WidersprĂŒche in einer sich verschiebenden âelektronischen Kulturâ hin, als Videofestivals versuchten, ihre kulturellen Klassifizierungen anzupassen, wĂ€hrend Aktivist_innen und KĂŒnstler_innen von vernetzten, medialen Umgebungen geprĂ€gt waren und bereits jenseits von kulturellen Genres dachten. Der Ansatz des VideoFest war wohl dennoch kein Ausdruck von Kulturkonservatismus, wie Lovink hier annimmt. Vielmehr folgte er dem Geiste einer Gegenöffentlichkeit, die anstelle von Kommerz- und Hochkultur alternative (oft basis-demokratische) Formen der Teilhabe an Kultur schaffen will.â 14 Wenn das Festival Videokultur als kĂŒnstlerische Gegenposition zum Mainstream-Kino und -Fernsehen verstand, dann mag die anfĂ€nglich skeptische Haltung des Festivals zur Kunst der aufkommenden Digitalkultur und seine nur vorsichtige Annahme des offenendigen Kommunikationsflusses im Netz von einer kritischen Gegenposition zur kommerziellen Spiele- und Heimcomputer-Kultur geprĂ€gt gewesen sein.â 15 Das wird im Katalogvorwort von 1995 deutlich, wenn Kwella schreibt, dass in den 1970er Jahren Multimedia âeine Integration verschiedener KĂŒnste in eine Live-AuffĂŒhrungâ bezeichnete, sich aber nun zu einem isolierten Setting gewandelt habe â âEin Mensch sitzt am PC und beschĂ€ftigt sich mit einer CD-ROM oder surft durchâs INTERNETâ â, in dem zwar noch alle Medienformen vermischt sind, aber ohne das Element der Live-Performance und bloĂ âauf den hĂ€uslichen Computer geladen und dort bearbeitet werdenâ können.â 16 Diese Dezentralisierung des Zugangs zu Kunst durch deren Eintreten in einen digitalen Kommunikationsraum wurde vom Festival durchaus als positiv erachtet, wohingegen die kommerzielle Nutzung von Multimedia âkein Gegenstandâ war, âallenfalls Thema fĂŒr kritische Auseinandersetzungenâ.â 17 Der offene und kontinuierliche Informationsfluss war eher ein Element der Ablenkung statt der ErmĂ€chtigung.
CD-ROMs nach der Snowden-AffÀre
Im historischen RĂŒckblick wissen wir heute, dass CD-ROM-Kunst und Internet-Kunst (in ihrer frĂŒhen Form der net.art) nie derart etablierte Kunstgattungen geworden sind, wie die Macher_innen des VideoFest es erhofft hatten. Die Formate verloren ihren Einfluss aufgrund von Prozessen der technologischen Veralterung sowie der gleichzeitigen Expansion und Kommodifizierung der sozialen Nutzarten des www (sprich Web 2.0 samt der darauf folgenden Vorherrschaft der im Silicon Valley entwickelten Plattformen). Aus Sicht einer linearen Mediengeschichtsschreibung wĂ€re das Netz nun der Fluchtpunkt der relativ kurzlebigen Vorstellung von Multimedia als offline und zu Hause stattfindender Ein-Personen-Erfahrung geworden. Diese Entwicklung erinnert daran, wie die utopischen Visionen der 1970er Jahre ĂŒber die selbstermĂ€chtigenden Möglichkeiten von Fernsehen und Video allmĂ€hlich der Standardisierung von Produktion und Vertrieb nach kommerziellen Modellen Platz machten.â 18 Doch ebenso wie es ein Erbe der experimentellen und alternativen Videopraktiken gibt, die heute weiterhin reiche Inspirationsquellen fĂŒr KĂŒnstler_innen darstellen, gibt es Aspekte der multimedialen Praktiken der 1990er Jahre, die auf eine Wiederentdeckung warten. JĂŒngste Neubewertungen von CD-ROM-Kunst haben deren unkonventionelle Herangehensweisen an Narrativ, Grafik und Interfacedesign, ihre engen Vertriebsmodelle sowie ihre Bedeutung fĂŒr die Entwicklung internet-basierter Kunstformen und fĂŒr die unabhĂ€ngige Games-Bewegung hervorgehoben.â 19 Als die Digitalkulturjournalistin Marie Lechner 2015 verschiedene KĂŒnstler_innen und Theoretiker_innen fragte, was die CD-ROM-Kunst, mit der sie sich beschĂ€ftigten, so besonders machte, betonte Antoine Schmitt, dass CD-ROM-Kunst âeine Befragung der aktiven Beziehungen zwischen Menschen und ihren Umgebungen im Allgemeinen ermöglichtâ.â 20 Scheinbar gegensĂ€tzlich behauptete Geert Lovink, dass die bedeutendste Eigenschaft frĂŒher Heimmultimedia sei, dass sie tatsĂ€chlich hauptsĂ€chlich offline stattfand und CD-ROMs daher âNICHT sozialâ waren.â 21 Zugleich können diese Aspekte der CD-ROM â als Befragung des und als Bestehen im Offline-Raum â auch in wirkungsvoller Zusammenarbeit gesehen werden, da die âaktive Beziehungâ, auf die Schmitt sich bezieht, hier nicht durch das unternehmerische Netz mit seinen Modellen des Streamings und Datensammelns ausgeschlossen wurde. Stattdessen bot es Potenzial fĂŒr einen spekulativen Ansatz, in dem der KĂŒnstlerin Suzanne Treister zufolge âdie von Nutzer_innen erzeugten Inhalte direkt im Bewusstsein der Betrachter_innen landeten, die die Werke so gleich mitnehmen konnten anstatt sie zu bearbeitenâ.â 22
Im aktuellen Modell des Streamings von Kulturinhalten lĂ€sst dieser (Nicht-)Widerspruch CD-ROMs natĂŒrlich ĂŒberaus archaisch und auch vehement unkommerziell erscheinen. Wenn wir uns die Gaming-Wirtschaft anschauen, wo die filmische, interaktive Erfahrung noch weiter getragen wurde, die oft auf CD-ROMs zu finden war, liegt der Trend nun seit Jahren bei Online-Games mit mehreren Spieler_innen. Das Offline-Game mit einer Spieler_in ist nicht nur im Mainstream dem Aussterben nahe, sondern auch als antisoziales Format stigmatisiert. Aus einer kritischen postdigitalen Perspektive liegt in der Ein-Personen-Offline-Erfahrung tatsĂ€chlich die Relevanz von CD-ROMs als kulturellem Format, das der Norm, immer Online zu sein, zuwider lĂ€uft â mit all ihren Implikationen von Datenbankstrukturen, die nur auf das kommerziell motivierte Ăberwachen und Datensammeln warten. Die Relevanz des zumindest teilweisen Offline-Arbeitens haben Aktivist_innen und KĂŒnstler_innen deutlich gezeigt, die seit der Snowden-AffĂ€re wieder analoge Kommunikationsformen sowie hybride und ineinander greifende Netzwerkprojekte nutzen, um lokale Infrastrukturen fĂŒr ihren Austausch zu schaffen und die Kommunikation auf lokale oder translokale Gemeinschaften zu begrenzen.â 23 Die sogenannte NotGames-Bewegung um Erkundungsspiele wie Gone Home (2013â16) oder Dear Esther (2012) sowie die interaktive Fiktion der DIY-Gemeinschaft rund um die Open-Source-Anwendung Twine sind weitere Beispiele dafĂŒr, wie neue Generationen den experimentellen Ansatz an Multimedia der 1990er Jahre aufgreifen. So wirkt die Verfechtung von CD-ROM-basierter und Offline-Multimedia durch das VideoFest '95 nur aus Perspektive einer linearen Mediengeschichte lĂ€cherlich, in der diese Formate infolge des âtotalenâ Netzes veralteten. Wenn wir diese Sicht umkehren, können wir erkennen, dass nicht das Netz der Fluchtpunkt von Multimedia ist, sondern dass Multimedia als Fluchtpunkt dessen verstanden werden kann, was Netzkultur hĂ€tte sein können: konsumkritisch, verspielt nutzungsunfreundlich, selektiv online, ein Instrument fĂŒr gedankenanstoĂende Formen der ErzĂ€hlung und Interaktion. Die multimediale Infrastruktur von 1995, mit ihrem aussetzenden Internetzugang, der nur herunterlud, was er als vernetztes âDingâ benötigte, zeigt uns also den Fluchtpunkt der heutigen absoluten ZugĂ€nglichkeit und Nutzungstransparenz â und bildet somit ein alternatives Deep Web der jĂŒngeren Geschichte von digitaler Kultur.
Technosoziale Vorstellungswelten und die transmediale
Medialer und technologischer Wandel sind als flĂŒchtige ForschungsgegenstĂ€nde berĂŒchtigt. Medienforschung sowie kĂŒnstlerische Medienpraxis scheinen dazu verdammt, kontinuierlich zur nĂ€chsten Neuigkeit weiter zu ziehen. âAlle Medien sind teils wirklich und teils vorgestelltâ, erklĂ€rt Eric Kluitenberg in Anlehnung an Benedict Andersons einflussreiches Konzept der âvorgestellten Gemeinschaftenâ. Er deutet darauf hin, dass das Konzept des ImaginĂ€ren uns dabei unterstĂŒtzen kann, mit der FlĂŒchtigkeit der Medien zurechtzukommen und besser zu verstehen, wie das Soziokulturelle und das Technische zusammenspielen.â 24 Wie ich anderswo argumentiert habe, ist das ImaginĂ€re ein Werkzeug fĂŒr eine transversale und archĂ€ologische Medienanalyse, die es uns zugleich ermöglicht, ein gewisses GefĂŒhl fĂŒr die Grenzen eines Medium einzufangen und uns vorzustellen, wie es anders sein könnte.â 25 Wegen ihres Wirkens an der Schnittstelle von Kunst, Gesellschaft, Naturwissenschaften und Technologie transportieren Festivals wie die Ars Electronica, Future Everything oder die transmediale starke Vorstellungswelten dessen, was Medien sind und was sie zukĂŒnftig bewirken können und werden. Im letzten Abschnitt habe ich erklĂ€rt, wie eine spezifische, mit der Geschichte der transmediale verbundene, mediale Situation auch als Ausgangspunkt dafĂŒr dienen kann, Alternativen zu gegenwĂ€rtigen medialen Ausgestaltungen zu skizzieren. Der historische Kontext des Jahres 1995 war insofern ein âFluchtpunktâ, als dass er einen Ăbergangsmoment kennzeichnete, in dem die mediale Landschaft eine neue Gestalt annahm: Wie die Namensverschiebung von VideoFest zu transmediale in der zweiten HĂ€lfte der 1990er Jahre anzeigt, wurden zusammenlaufende Medienformen von der Ausnahme zur Norm â und fĂŒhrten uns nicht nur zum konvergenten, sondern auch zum flĂŒchtigen Charakter von Medien in der digitalen Gesellschaft. Paradoxerweise können wir diese Entwicklungen erst in der postdigitalen Situation anhand einer weniger linearen Lesart nachvollziehen und 1995 als Fluchtpunkt neu interpretieren. Denn unsere analogen und digitalen Infrastrukturen haben sich als unausweichlich miteinander verflochten herausgestellt â auf globalen, geopolitischen und geophysischen Ebenen.
Post-digitalitÀt, oder das Insel-Werden der Medien
Zwischen den Medien des Videos und des Fernsehens besteht eine schon lange etablierte Dialektik zwischen dem Individuum und den Massen, zwischen Partizipation und PassivitĂ€t, zwischen Emanzipation und Unterwerfung, zwischen selbst-gemachtem Amateurvideo und hoch-technologischer, professioneller Produktion. Könnte es sein, dass der multimediale Heimcomputer und das Internet eine Ă€hnliche, wenn auch weitestgehend unerkannte kulturelle Dialektik enthalten?â 26 Ăber die Jahre wurde Videokunst als DIY- und partizipatorisches Medium zum persönlichen und intimen Ausdruck erklĂ€rt, das in direktem Gegensatz zu professionalisierter Produktion und Massenkonsum des Fernsehens steht. Digitale Netzwerke bringen eine umgekehrte Situation mit sich, in der die Verwertung der Inhalte von Nutzer_innen eine zentrale Rolle spielt â im Zeitalter des Fernsehens entsprĂ€chen sie vielleicht den Heimvideos, die damals in Sendungen wie Americaâs Funniest Home Videos lĂ€cherlich gemacht wurden. Wie ich oben anmerkte und Clemens Apprich und Ned Rossiter an anderer Stelle in diesem Band geltend machen, sind Partizipation und Vernetzung derart zum Zwang geworden, dass es nun ein Privileg ist, offline zu gehen â und es vielleicht eine Notwendigkeit wird, um entscheidende Infrastrukturen im Postdigitalen zu schĂŒtzen. Wenn im Zeitalter des Fernsehens die Netze vor allem Inhalte ausstrahlten, die oft als Opium fĂŒr die Massen betrachtet wurden, dann sind im Zeitalter des Internets die verteilten Netzwerke und ihr partizipatives Feedback-Paradigma hegemonial geworden. Sie kehren die ehemals randstĂ€ndige Position dezentralisierter Produktion völlig um und verlegen zugleich Vertriebsmodelle um neue Zentren herum (gemeint sind hier die Big Five: Google, Facebook, Amazon, Microsoft und Apple). In dieser neuen Ăkonomie der kulturellen Produktion kann sich kein Mensch leisten, eine Insel zu sein â auch Nichtmenschen können das nicht, da das Internet der Dinge die Allgegenwart von Information durch die VerknĂŒpfung aller (un-)belebten Dinge verspricht. Vielleicht ist es daher keine Ăberraschung, dass in der postdigitalen Situation eine gewisse âInsel-Romantikâ weitlĂ€ufig wieder aufgelebt ist: von bestehenden geografischen Inseln (und nach Brexit und Offshore-Steuerskandalen, auch Ăkonomien), die die Vorstellungswelten von Bevölkerungen mobilisieren, bis hin zu dem eher metaphorischen Insel-Werden, das der RĂŒckkehr zu analogen und Offline-Medienformaten innewohnt, die eine Chance versprechen, sich vom Gebot der unaufhörlichen InformationsflĂŒsse auszuklinken.â 27
Wie sollen wir im Rahmen von Medienkunst und Medienforschung â mit ihrem Fokus auf technologische Entwicklung und auf KĂŒnstler_innen als innovative Kraft â kritisch damit umgehen, dass KĂŒnstler_innen sich kontinuierlich Ă€ltere technologische Formate aneignen? Die Tatsache, dass KĂŒnstler_innen schon frĂŒh die Entwicklung neuer Technologien anschoben und sie zu nutzen begannen, hat lange historische Wurzeln. Diese Geschichte wird in aktuelleren Mainstream-Verhandlungen von Kunst und Technologie jedoch oft reduzierend dargestellt. HĂ€ufig werden KĂŒnstler_innen entweder als Avantgarde gesehen, die den Wandel prophezeit, oder als kritische Instanz, die die âWahrheitâ hinter den illusorischen Darstellungen von Medien aufdeckt. Wenn wir Zielinskis These in Audiovisionen folgen, dann kann der Aufstieg der Massenmedien und elektronischen Kommunikationsmittel im 20. Jahrhundert als Reaktion auf verschiedene Stadien der Industrialisierung verstanden werden, die sich fortwĂ€hrend ĂŒberlappen und widersprechen. Das ermöglicht uns wiederum einen Blick auf die ĂŒbermĂ€Ăig vernetzte Situation des 21. Jahrhunderts als eine Reaktion auf den beschleunigten Kapitalismus. Im postdigitalen Zeitalter bedarf es nun eines grĂŒndlichen Nachdenkens ĂŒber die WidersprĂŒchlichkeiten innerhalb gesellschaftlicher und politischer Umgebungen, in denen spezifische Technologien und kĂŒnstlerische Praktiken verortet sind. Die transversale Disziplin der MedienarchĂ€ologie und ihre unterschiedlichen Denker_innen, etwa Wolfgang Ernst, Siegfried Zielinski und Jussi Parikka, bieten reichhaltige Perspektiven, wie Mediengeschichte als eine kontinuierliche Hybridisierung von Altem und Neuem gegen den Strich gelesen werden kann. Sie zeigen auf, wie die MaterialitĂ€t der Medien in geophysische Kontexte und Zeitlichkeiten ebenso eingeschrieben ist, wie in die anthropozentrische Geschichte. Beim Schreiben dieses Textes im Kontext der transmediale ist mir deutlich geworden, dass die MedienarchĂ€ologie sich zwar ausdrĂŒcklich mit KĂŒnstler_innen und Kunstwerken befasst hat, nicht aber umfassender mit der Interaktion zwischen KĂŒnstler_innen und institutionellen Milieus (fĂŒr eine Ausnahme in Form des Labors siehe Parikka in diesem Band).
Ever Elusive
In einem Buch namens Bandbreite, das 2004 zu Ehren des ersten Festivalleiters Micky Kwella publiziert wurde, der 1988 die transmediale als VideoFilmFest mitbegrĂŒndet hatte, schrieb der Kurator Rudolf Frieling, dass das Festival von Anfang an einem permanenten Transformationsprozess verschrieben war, der parallel zu den sich kontinuierlich verĂ€ndernden Medieninhalten und -formaten verlief, um die es sich drehte.â 28 Im gleichen Jahr schrieb der Medienkunsthistoriker Dieter Daniels, dass es die transmediale anders als Ă€hnliche Festivals geschafft hat, ĂŒber eine solch verhĂ€ltnismĂ€Ăig lange Zeit zu ĂŒberleben, gerade weil sie sich immer wieder neu erfand. Ebenso im Einklang mit Frielings Argument ist Daniels' Punkt, dass âdas Innovationstempo der Medien und der Technologie [...] dem heute allgemein Medienkunst genannten Bereich eine permanente VerĂ€nderung des gesamten medialen Kontextes [diktiert] â von Fernsehen und Radio bis zum Internet.ââ 29 Anstatt dem Video verhaftet zu bleiben â einem Medium, das in seinen AnfĂ€ngen zwischen allen StĂŒhlen saĂ und weder Fernsehen oder Kino noch eine Kunstmarktware sein wollte â reformierte sich das VideoFest wĂ€hrend der 1990er Jahre entlang der VerĂ€nderungen in der Medienlandschaft und integrierte die âneuen Medienâ (also vor allem Multimedia und das Internet) zunehmend in das Festivalprogramm.â 30
Heute, im Jahr 2016, ĂŒber das bald 30 Jahre alte Festival der transmediale zu schreiben, verleitet dazu, das Narrativ von der fortwĂ€hrenden Erneuerung im Zusammenhang mit technologischer VerĂ€nderung zu wiederholen. Diese ErzĂ€hlung ist jedoch nicht nur ein wenig selbstgefĂ€llig, sondern lĂ€uft auch Gefahr, das allgegenwĂ€rtige Narrativ vom linearen technologischen Fortschritt zu verstĂ€rken, zu dem die transmediale meines Erachtens immer auf ganz unterschiedliche Weise einen kritischen Kontrapunkt bildete. Problematisch ist diese ErzĂ€hlung zumal in der gegenwĂ€rtigen postdigitalen Situation, in der technologische und gesellschaftliche VerĂ€nderungen, die zuvor als Anzeichen linearen Fortschritts fĂŒr selbstverstĂ€ndlich gehalten wurden, wieder einmal flĂŒchtig und in neuen symbolischen Beziehungen umgestaltet werden. Nichtsdestotrotz wĂ€re es revisionistisch, zu behaupten, dass die transmediale sich nicht tatsĂ€chlich auf sehr geradlinige Weise entlang der sich wandelnden soziotechnologischen Bedingungen entwickelte: von der Videokunst und den Idealen der Kultur einer Gegenöffentlichkeit der 1970er und 1980er Jahre zu multimedialen, interaktiven Experimenten; von den Installationen der 1990er Jahre bis zur Netz- und Softwarekunst sowie kritischer Netzkultur am Ende der 1990er Jahre; und schlieĂlich zur allgemeinen Verbreitung digitaler Kultur in der zweiten HĂ€lfte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts.
Anstatt einer RĂŒckschau â mit dem Ziel, in der Gegenwart als einem logischem Schluss daraus zu landen, was vorher war â schlage ich mit meiner Analyse von 1995 und der damaligen Herangehensweise der transmediale an Multimedia eine transversale RĂŒckbesinnung auf Momente aus der Geschichte der transmediale vor, die neu ausrichtet, was wir in der gegenwĂ€rtigen Medienkultur als selbstverstĂ€ndlich annehmen. Aus dieser Perspektive können wir womöglich das Beispiel der Offline-Kunstform der CD-ROM neu betrachten: nicht mit nostalgischer Sehnsucht nach einer einsamen und eindringlichen Erfahrung âalter neuer Medienâ, sondern als einen Entwurf einer nicht streaming-artigen, wirtschaftsgemĂ€Ăen Form der Produktion und Verbreitung von Kunstwerken sowie als Idee der interaktiven Gestaltung, die nicht durch die Template-Kultur normiert ist. In der FlĂŒchtigkeit der Gegenwart â mit ihren Nostalgien, Post-Begriffen und Akzelerationismen â sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht durch lineare KausalitĂ€ten strukturiert, sondern eher durch kybernetische Feedback-Schleifen und digitalen Kapitalismus entleert.â 31 Meines Erachtens wĂ€re es eine wirksame Reaktion von Medienschaffenden in dieser Situation, die gegenwĂ€rtige Medienpraxis neu anzugehen: nicht durch den Versuch, diese Systeme zu ĂŒberholen, sondern indem sie die Vergangenheit mit postdigitalen Vorstellungswelten versehen, die dazu beitragen, greifbare, wenn auch unvorhersehbare Gegenwarten zu manifestieren.
- 1 VideoFest '95 (Berlin: Mediopolis e.V., 1995), 43.
- 2 Geert Lovink und Pit Schultz, âThe Future Sound of Cyberspaceâ, in: Jugendjahre der Netzkritik. Essays zu Web 1.0 (Amsterdam: Institute of Network Cultures, 2010), 63â64.
- 3 Joseph Campbell, 1995: The Year the Future Began (Berkeley: University of California Press, 2015).
- 4 Joseph Campbell, âFAQs About 1995â, in: The 1995 Blog. The Year the Future Began (2015), https://1995blog.com/faqs-about-1995/ .
- 5 Siegfried Zielinski, Audiovisionen. Kino und Fernsehen als Zwischenspiele in der Geschichte (Reinbek: Rowohlt, 1989), S. 8â12. Der Autor zitiert hier aus der englischsprachigen Ăbersetzung Audiovision: Cinema and Television as EntrâActes in History (Amsterdam: Amsterdam University Press, 1999).
- 6 Ebd., S. 7.
- 7 Richard Barbrook und Andy Cameron, âThe Californian Ideologyâ, in: Mute 1, no. 3 (1995).
- 8
- 9 Dieser Ansatz wird in den ProgrammerklĂ€rungen der Festivalleiter Micky Kwella und Hartmut Horst ebenso deutlich wie in der Eröffnungsrede und Veranstaltungsdokumentation der frĂŒhen Festivals, VideoFest 1988â1995. Physisches Archiv der transmediale, Zugriff 2016.
- 10 ie Kuratorin Inke Arns hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Handshake erstmals 1993 beim Ostranenie 1. Internationales Videofestival im Bauhaus Dessau gezeigt wurde.
- 11 âAustellung/Exhibitionâ, VideoFest '95 (Berlin: Mediopolis e.V., 1995), 16.
- 12 Festivaldokumentationsvideo zum VideoFest '95. Physisches Archiv der transmediale, Zugriff 2016.
- 13 Geert Lovink, âRe: HANDSHAKE â VideoFest '94, Berlinâ, in: blankjeron.com (1994), http://blankjeron.com/sero/Handshake Feldreise/D/videofest/videofest_antworten.html. UrsprĂŒnglich am 2. Februar 1994 als Emailnachricht an luxlogis@uropax.contrib.de (Lux Logis e.V.) versandt. Die auf Englisch verfasste Email lautet: "Is Handshake culture....?!? Is Berlin Culture.....!? Donât spread German self-hate towards media! â Attack all expressions of media-ecology It is depressing to read as the very first question on your list whether television is âculture.â Television is a technology, a medium as you wish. Allthough in decline as a one-way, two channel massmedium with huge influence on the population, itâs slowly growing in other directions. People and groups can influence the direction of their own television culture, by starting experiments, doing piracy, working on the connection between television, telephone and computer, by commenting the current narrow ideas of interactivity. And by making television themselves. And not starting to debate such silly topics, dictated by some elitist frustrated German intellectuals who donât know anything about the media or new technologies and who want to go back to the real world, opera, nature etc. You reactionary pigs!"
- 14 Der Begriff der Gegenöffentlichkeit erlangte im Westdeutschland der 1960er und 1970er Jahre seine PopularitĂ€t, nicht zuletzt durch eine Ausarbeitung von Alexander Kluge und Oskar Negt in ihrer einflussreichen Publikation Ăffentlichkeit und Erfahrung: Zur Organisationsanalyse von bĂŒrgerlicher und proletarischer Ăffentlichkeit (Frankfurt: Suhrkamp Verlag, 1972). Er ist nicht zu verwechseln mit Michael Warners spĂ€terem Werk zu âCounterpublicsâ. Das VideoFest wurde ursprĂŒnglich von der MedienOperative e.V. organisiert, die in den spĂ€ten 1970er Jahren gegrĂŒndet worden war und wie viele andere deutsche VideowerkstĂ€tten jener Zeit das Video als Grassroots-Kunstform zur Gestaltung einer Gegenöffentlichkeit durch Medien propagierte.
- 15 Im Widerspruch zu dieser Abwendung von Online-Formaten stand die Online-PrĂ€senz und das Kommunikationsforum des VideoFest '95 unter dem Namen âVideowebâ.
- 16 Micky Kwella, âVorwortâ, in: VideoFest '95 (Berlin: Mediopolis e.V., 1995), 13.
- 17 Ebd.
- 18 FĂŒr eine detaillierte Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte des VerhĂ€ltnisses zwischen Fernsehen und Video, siehe Kay Hoffmann, Am Ende Video â Video am Ende? Aspekte der Elektronisierung der Spielfilmproduktion (Berlin: sigma, 1990).
- 19 Siehe Sandra Fauconnier, âThe CD-ROM Cabinet after 6 monthsâŠâ, in: AAAN.NET (2013), http://aaaan.net/the-cd-rom-cabinet-after-6-months/ . Siehe auch Marie Lechner, âWelcome to the Future! 2. New Art Formsâ, in: imal Center for Digital Cultures and Technology (2015), http://www.imal.org/en/page/welcome-future-2-new-art-forms/ .
- 20 Marie Lechner, Interview mit Antoine Schmitt, âWelcome to the Future Interview: Antoine Schmittâ, in: imal Center for Digital Cultures and Technology (2015), http://www.imal.org/en/wttf/texts/interview-antoine-schmitt/ .
- 21 Geert Lovink schreibt: âWas CD-ROMs so einzigartig macht, ist auch ihre gröĂte SchwĂ€che: sie sind eine geschlossene Umgebung, eine Datenmonade. Die besten CD-ROMs sind immer noch komplexer als das Internet heute, 20 Jahre spĂ€ter, besonders aus der Perspektive durchschnittlicher Nutzer_innen, die in die begrenzte Vorlagenkultur der vorherrschenden Social-Media-Plattformen eingekapselt sind. NatĂŒrlich waren CD-ROMs NICHT sozial.â Marie Lechner, Interview mit Geert Lovink, âWelcome to the Future Interview: Geert Lovinkâ, in: imal Center for Digital Cultures and Technology (2015), http://www.imal.org/en/wttf/texts/geert-lovink-interview/ .
- 22 Treister erklĂ€rt auch: âEine Kunst-CD-ROM konnte keine Nutzungsdaten speichern, da es sich um eine gebrannte CD handelte. ROM steht fĂŒr Read Only Memory.â Marie Lechner, interview with Suzanne Treister, âWelcome to the Future Interview: Suzanne Treisterâ, in: imal Center for Digital Cultures and Technology (2015), https://legacy.imal.org/en/wttf/texts/Suzanne-Treister-Rosalind-Brodsky/
- 23 Daphne Dragona, âFrom community networks to off-the-cloud toolkits art and DIY networkingâ, Vortrag, Hybrid City Conference III: Data to the People, Athen URIAC, 18. September 2015; Panayotis Antoniadis und Ileana Apostol, âThe Right(s) to the Hybrid City and the Role of DIY Networkingâ, The Journal of Community Informatics 10, no. 3 (2014).
- 24 Eric Kluitenberg, âThe New Cultural Politics of Differenceâ, in: Book of Imaginary Media: Excavating the Dream of the Ultimate Communication Medium, hrsg. von Eric Kluitenberg (Rotterdam: NAi Publishers, 2006), 8. FĂŒr eine Erkundung von Andersons Ăberlegung im Zusammenhang mit dem imaginĂ€ren Aspekt von Kommunikationsnetzwerken, siehe Wendy Hui Kyong Chun, âNetworks NOW: Belated Too Earlyâ, in: Postdigital Aesthetics: Art, Computation and Design, hrsg. von David M. Berry und Michael Dieter (London: Palgrave McMillan, 2015), 289â315.
- 25 Kristoffer Gansing, âThe Transversal Generic: Media-Archaeology and Network Cultureâ, in: The Fibreculture Journal, no. 18 (2011); Kristoffer Gansing, Transversal Media Practices: Media Archaeology, Art and Technological Development (Malmö: Malmö University Press, 2013).
- 26 Als kĂŒnstlerisches Medium hat das Video eine lange und komplizierte Beziehung zum Fernsehen, da die beiden in den 1960er Jahren hĂ€ufig verwechselt wurden und viele âVideokĂŒnstler_innenâ entweder anstrebten, FernsehkĂŒnstler_innen zu sein oder so taten als seien sie es. Manchmal lag das an einer ZusammenfĂŒhrung von Video und Fernsehen aufgrund der elektronischen, monitor-basierten Darstellung, aber auch an einer hybriden Situation, in der Fernsehsender zu den ersten KanĂ€len gehörten, die Videokunst und allgemeiner auch video-basierte Produktionen verbreiteten. Dennoch schrieb Gene Youngblood 1970: âEs ist wesentlich, daran zu denken, dass VT nicht das Fernsehen ist: Videoband ist kein Fernsehen, obwohl es durch dasselbe System verarbeitet wird.â Ende der 1970er Jahre schien es dann, als hĂ€tte auch die Kunstwelt diese Unterscheidung aufgegriffen, da Videokunst zunehmend als eigene, vom Fernsehen getrennte, Kunstform institutionalisiert wurde. Das bezeugt die Anwesenheit eines Youngblood zitierenden âVT â / TVâ-Schildes bei der documenta 6 im Jahr 1977 ebenso wie die aufkommende Theoretisierung von Videokunst als vom Fernsehen getrennten Medium. Gene Youngblood, Expanded Cinema (New York: E.P. Dutton & Co. Inc., 1970), 281; Kathy Rae Huffman, âVideo Art: Whatâs TV Got To Do with It?â, in: Illuminating Video. An Essential Guide to Video Art, hrsg. von David Hall und Sally Jo Fifer (New York: Aperture Foundation, 1990), 81â90.
- 27 Siehe Florian Cramers Beitrag, âWhat is âPost-digital?ââ, fĂŒr eine kritische Neubetrachtung der Retro-Neigungen junger Kunstschaffender, die ĂŒberhaupt nicht mit analogen Technologien in Design, Fotografie und Film aufgewachsen sind. Florian Cramer, âWhat Is âPost-digitalâ?â, in: A Peer-Reviewed Journal About 3, no. 1 (Aarhus: Digital Aesthetics Research Center, Aarhus University, in Zusammenarbeit mit transmediale/reSource, 2014), http://www.aprja.net/?p=1318/ .
- 28 Rudolf Frieling, â1989 und 2000: Wendepunkte eines Medienfestivalsâ, in: Bandbreite Medien zwischen Kunst und Politik, hrsg. von Andreas Broeckmann und Rudolf Frieling (Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2004), 141â149.
- 29 Dieter Daniels, âtransmedialeâ, in: Kulturstiftung des Bundes, no. 3 (2004), 32.
- 30 Ebd.
- 31 Ein Ă€hnliches Argument brachten kĂŒrzlich Armen Avanessian und Suhail Malik mit dem Begriff eines âPost-Zeitgenössischenâ vor, durch den sie diskutieren möchten, wie im aktuellen Stadium des Neoliberalismus die Gegenwart von der Zukunft bedingt ist. Ihrer Auffassung nach handelt es sich hier um eine Zukunft, die von Wahrscheinlichkeitsmodellen hergestellt wird, die finanzielle und zunehmend auch soziokulturelle Systeme der Interaktion strukturieren. Im Nachklang von Akzelerationisten wie Nick Srnicek und Alex Williams, argumentieren sie weiter, dass es heute zur dringenden Aufgabe wird, auf Weisen zu produzieren, die nicht-gegenstĂ€ndliche Systeme in Betracht ziehen. Mein Argument ist hier jedoch, dass solch ein scheinbar unterdrĂŒckendes zeitliches System nicht einer solchen Reaktion bedarf, die der inneren Logik dieses Systems folgt, sondern dass die Systeme des Neoliberalismus und digitalen Kapitalismus auch durch die Produktion postdigitaler GegenentwĂŒrfe verzerrt werden können, die alternative zeitliche Ordnungen etablieren. Siehe Armen Avanessian und Suhail Malik, âThe Time-Complex. Postcontemporary: A Conversation between Armen Avanessian and Suhail Malikâ, in: DIS Magazine (August 2016), http://dismagazine.com/discussion/81924/the-time-complex-postcontemporary/ .