• Performance
  • Workshop
  • sIlent green Kulturquartier / Atelier 1
Intertropical Nasi Kerabu
Passes only
IRL / presential

Nasi kerabu ist ein Gericht mit Ursprung im malaiischen Archipel. Es ist im SĂŒden Thailands sowie entlang der dortigen Grenze verbreitet und unter dem Namen Khao Yam bekannt. Es verkörpert die Praxis des Sammelns im Hausgarten – eine sorgfĂ€ltige, aufmerksame Geste in einem Raum, der zugleich nĂ€hrend und fĂŒrsorglich ist. Man erntet nicht, man sammelt. Das Zubereiten und Essen von Nasi kerabu ist eine Weise, das Territorium zu erfahren, seine tropischen Verflechtungen zu verstehen und Kochen als lebendige, sensible und politische Sprache anzuerkennen. Der Reis nimmt die Farbe der Clitoria ternatea an, einer BlĂŒte, die ihn in ein Blau taucht, das zugleich an Himmel und Meer erinnert. Die Pflanzen werden zu essbaren Archiven und formen ein kulinarisches GedĂ€chtnis, das von Kulturen zeugt, die der Entstehung von Nationalstaaten vorausgehen. In der traditionellen Praxis existiert der Aberglaube, dass die Anzahl der KrĂ€uter ungerade sein muss – sieben, neun, elf oder dreizehn –, da dies das Gleichgewicht und die Harmonie des Gerichts fördere.

Nasi kerabu wird von Brotfrucht (àžȘàžČàč€àž / Sukun) begleitet, einer Frucht, die den austronesischen Migrationen folgte und spĂ€ter den Routen kolonialer Versklavung. Heute ist sie im gesamten Pazifikraum, in SĂŒdostasien und in der Karibik zu finden und weist vielfĂ€ltige kulinarische AusprĂ€gungen in unterschiedlichen Kulturen auf. Die Brotfrucht (Artocarpus altilis) verbreitete sich entlang austronesischer Migrationsrouten lange bevor sie spĂ€ter den Wegen des europĂ€ischen Sklavenhandels folgte. Von EuropĂ€er:innen als breadfruit benannt, ist sie seit ĂŒber dreitausend Jahren ein zentrales Grundnahrungsmittel austronesischer ErnĂ€hrungsweisen und wird aufgrund ihres hohen NĂ€hrwerts geschĂ€tzt. Im achtzehnten Jahrhundert wurde sie ĂŒber die Meere in die Karibik transportiert, um versklavte Bevölkerungen zu ernĂ€hren. Noch heute bleibt die Brotfrucht – trotz ihres neuen Status als Superfood – eine Zutat des Überlebens. In vielen ihrer Herkunftsregionen ist ihr Konsum rĂŒcklĂ€ufig. Ihre sogenannte „widerspenstige“ Natur – ihre Samen lassen sich nicht einfach lagern, und einige Sorten bilden ĂŒberhaupt keine Samen aus, sondern vermehren sich ausschließlich ĂŒber Stecklinge – hat sie vermutlich an den Rand landwirtschaftlicher und staatlicher Produktionssysteme gedrĂ€ngt.

Die GrĂŒne Revolution, insbesondere in SĂŒdostasien, etablierte Reis als erstklassiges Getreide. Obwohl Reis seit Langem Teil asiatischer ErnĂ€hrungsweisen war, wurde er zuvor nie in einem derart massiven Umfang angebaut oder konsumiert. Bestimmte Sorten liefern heute bis zu drei Ernten pro Jahr und haben landwirtschaftlich geprĂ€gte Landschaften wie auch ErnĂ€hrungssysteme grundlegend verĂ€ndert. In Against the Grain beobachtet James C. Scott, dass die frĂŒhesten Staaten auf dem Anbau von Getreiden beruhten, die quantifizierbar, lagerfĂ€hig und besteuerbar waren – Eigenschaften, die Zentralisierung und Kontrolle ermöglichten. Im Gegensatz dazu hat der widerspenstige Samen der Brotfrucht trotz seines hohen NĂ€hrwerts nie die Gunst des modernen agroindustriellen Systems gewonnen. WiderstĂ€ndig gegenĂŒber Standardisierung, Massenproduktion und langfristiger Lagerung verbleibt sie außerhalb dominanter Agrarregime. In der kollektiven Vorstellung behĂ€lt die Brotfrucht diese subalterne Position. Selbst Hollywood hat sie in einer kolonialen ErzĂ€hlung fixiert: In Meuterei auf der Bounty (1962) wird die Reise der Brotfrucht lediglich zum Vorwand fĂŒr die Verherrlichung erobernder MĂ€nner, wĂ€hrend die ökonomischen und kolonialen Dimensionen ihrer Zirkulation ausgelöscht werden.